„Schlüsselschlacht des Krieges“?: Russen und Ukrainer rüsten für die Schlacht um Kiew

11. März 2022
„Schlüsselschlacht des Krieges“?: Russen und Ukrainer rüsten für die Schlacht um Kiew
International
4
Foto: Symbolbild

In den beiden vergangenen Tagen veröffentlichten wir im Rahmen unserer täglichen Berichterstattung über den Ukraine-Krieg eine zweiteilige Analyse des Militärexperten Hagen Eichberger, Deutsche Militärzeitschrift (DMZ). Dem Leserwunsch und der Übersichtlichkeit entsprechend, sind die beiden sich mit der bevorstehenden „Schlacht um Kiew“ beschäftigenden Teile der militärischen Analyse Eichbergers nun in einem Artikel wiedergegeben. 

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

1. Wie wird der russische Angriff aussehen?

Ich gehe davon aus, daß innerhalb der nächsten Tage die russischen Streitkräfte ihre Kräfte um Kiew weiter gesammelt und zusammengezogen haben werden, um den Stoß in Richtung Stadtzentrum zu wagen. Dies wird mit Luftangriffen und/oder artilleristischen Schlägen vorbereitet werden, ehe sich die russischen Einheiten in den Straßen- und Häuserkampf begeben. Nichtsdestoweniger scheut die russische Militärführung den Kampf um urbanen Gebiet nicht. Die ukrainischen Verteidiger mögen gestaffelte Stellungssysteme zur Verteidigung geschafft haben, die die Eroberung Kiews nur mit dem Einsatz einer deutlichen Überzahl an Mensch und Material möglich machen werden. Ein Umstand, den das russische Militär natürlich einkalkuliert und plant.

Es ist weiter davon auszugehen, daß sich die russische Taktik zur Eroberung Kiews an der konventionellen Theorie des Kampfs im überbauten (urbanen) Gelände orientieren wird. Dies bedeutet: Vorgehen in fünf Schritten: 1. Aufklärung, 2. Einkesselung und Isolierung der Stadt, 3. Bildung von Brückenköpfen, 4. massierter Angriff, 5. Sicherung und Säuberung.

Punkt 1 ist bereits in den Anfangstagen des Ukraine-Kriegs geschehen. Luftaufklärung, elektronische Aufklärung und Aufklärungsfahrzeuge in den Außenquartieren von Kiew wurden eingesetzt, um Standorte der ukrainischen Einheiten zu lokalisieren.

Punkt 2 ist derzeit in Vorbereitung. Russische Einheiten schreiten damit voran, die wichtigen Straßenachsen zu besetzen, um Kiew vom Rest des Landes zu isolieren. Derzeit ist nur noch der südliche Teil Kiews (westlich des Flusses Dnipro) vollumfänglich unter ukrainischer Kontrolle. Die sichtbaren Vorstöße Rußlands aus dem Osten und Norden richten sich eindeutig gegen die Zugänge nach Kiew.

Die Punkte 3 bis 5 stehen noch bevor. Bei der Bildung von Brückenköpfen (Punkt 3) würden am Stadtrand – auf den Hauptachsen – Stellungen erkämpft und als Brückenköpfe befestigt. Diese dienten dann als Ausgangspunkt für den massierten Angriff/Stoß (Punkt 4) ins Stadtinnere. Wir sehen derzeit die Bildung von Brückenköpfen im Nordwesten, Versuche östlich des Dnipro und im Südosten laufen. Der eigentliche Vorstoß – also Punkt 4 – würde mit massivem Feuereinsatz konventioneller Panzerhaubitzen und Luftschlägen vorbereitet, ehe Infanterie und Panzer in die Stadt vorrücken. Das weitere Vorgehen hängt dann von den Angriffszielen der russischen Militärführung ab. In der taktischen Theorie durchbrechen die Angreifer die Abwehrstellungen, stoßen zu den Angriffszielen vor und schalten jedwede Feindstellung aus (Säuberung, Punkt 5). In welchem Ausmaß die Punkte 4 und 5 in Kiew Anwendung finden, hängt von den politischen Zielen des Kreml ab. Ob Putin ein derart „hartes“ (keine militärische Kategorie) Vorgehen wie beispielsweise im Zweiten Tschetschenienkrieg auch in der ethnisch als Brudervolk angesehenen Ukraine befehlen wird, ist momentan offen.

Moskaus Führung hat bei der Schlacht um Kiew zwei taktische Optionen. Den massierten Stoß ins Stadtinnere mit dem Ziel der vollständigen Inbesitznahme der Hauptstadt – mit der Inkaufnahme eines blutigen Häuser- und Straßenkampfes sowie hoher eigener Verlustzahlen. Oder aber die vollständige Einkesselung, Abriegelung und Isolierung Kiews von der Außenwelt, um den Druck auf die ukrainische Staatsführung zu erhöhen.

2. Was können die ukrainischen Verteidiger dem russischen Ansturm auf Kiew entgegensetzen?

In der gestrigen Lagebeurteilung ging ich auf die Möglichkeiten der russischen Kriegsführung im urbanen Gelände Kiews ein und skizzierte das von mir angenommene Vorgehen der Streitkräfte Moskaus in der möglichen „Schlacht um Kiew“. Heute werfe ich einen Blick auf die militärischen Möglichkeiten, die den Verteidigern Kiews zur Verfügung stehen.

Im Szenario, wonach nach der Bildung von Brückenköpfen an den Hauptachsen Kiews der massierte Vorstoß der russischen Armee ins Stadtinnere erfolgt, wird die Hauptlast des Häuser- und Straßenkampfs von der russischen Infanterie im Verbund mit Kampfpanzern getragen werden. Feuerkraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit spielen hier eine entscheidende Rolle. Die Kampfpanzer leisten außerdem den Infanteristen die nötige Feuerunterstützung mit Kanone und Maschinengewehr. Die Verteidiger sind gezwungen in Deckung zu bleiben, die Angreifer können weiter vorrücken. Außerdem werden Panzergranaten eingesetzt, um Barrikaden aus dem Weg zu räumen, ebenso umgebaute Panzer mit Räumschaufeln. Auch die Breite der Kiewer Straßen, vor allem der Hauptachsen spielt den Russen in die Hände. Ziel wird es sein, mit einem schnellen und massierten Stoß der Panzerwaffe auf allen Hauptachsen Kiews ins Stadtinnere vorzupreschen. Die Hauptlast des Angriffs werden die russischen Verbände, die aus dem Nordosten kommen, tragen, wo die Russen die stärkten Kräften gesammelt haben. Das Eindringen aus dem Südosten und Osten in das im Stadtinnern gelegene Regierungsviertel ist hingegen kompliziert, weil zuvor der Fluß Dnirpo überquert werden muß. Bereits jetzt sind einzelne Brücken von der ukrainischen Armee zerstört worden, weitere könnten folgen. Für einen Panzerstoß sind tatsächlich nur sechs der Brücken überhaupt geeignete, wovon wiederum nur drei ins Stadtzentrum führen. Das Errichten einer Schwimmbrücke durch Pionier ist hingegen nicht möglich, ohne unter ukrainisches Feuer zu geraten. Dies erklärt die Konzentration und Massierung der russischen Truppen im Nordwesten der Stadt, von wo aus der Panzerstoß ohne Brücken-/Dniproüberquerung geführt werden kann.

Welche Mittel stehen nun den Verteidigern zur Verfügung? Zunächst einmal sind die Ukrainer – abgesehen von der höheren Moral, die mit der Verteidigung der Heimat einhergeht – im überbauten, urbanen Gelände im Vorteil. Bei geschickte taktischer Planung benötigen sie zehn Mal weniger Kampfkraft als die Angreifer. Voraussetzung ist allerdings ein planmäßig und koordinierter Abwehrkampf, bei dem die verschiedenen Verteidigungsabschnitte und -stellungen aufeinander abgestimmt und unterstützend operieren.

Entscheidend für den Straßen- und Häuserkampf sind die Panzersperren, errichtet aus Panzerspinnen, Stacheldraht, unbrauchbaren Fahrzeugen wie Lastwagen oder Busse. In Verbindung mit Sprengfallen und Minen kann der Vormarsch den Russen sehr stark erschwert werden. Wenn es den Ukrainern gelingt, die russischen Panzer an diesen Sperren zu stoppen, können sie aus ihren Deckungen mit Panzerabwehrwaffen feuern und den russischen Angreifern hohe Verluste beibringen. Auch entstehen in den Straßenschluchten Möglichkeiten, von höheren Gebäuden auf die vorrückenden Panzer und Soldaten „von oben“ einzuwirken. Die Feuerkraft der Panzer kann sich hier nicht als Vorteil entfalten.

Des weiteren kann davon ausgegangen werden, daß die ukrainischen Streitkräfte für die symbolträchtige Verteidigung ihrer Hauptstadt einige ihrer aus der Türkei stammenden Kampfdrohnen „Bayraktar“ in der Hinterhalt behalten haben und für die Ausschaltung von Panzern bei der „Schlacht um Kiew“ bereithalten. Ebenso können von mir angenommene russische Versuche, Luftlandetruppen mittels Helikoptern in der Stadt abzusetzen, mit Stinger-Abwehrraketen leicht abgewehrt und bekämpft werden, die russischen Verluste wären sehr hoch.

Zusammenfassend überwiegen bei der Verteidigung Kiews die taktischen, psychologischen und waffentechnischen Vorteile für die ukrainischen Streitkräfte. Die Einnahme Kiews müßte Moskau mit einem hohen Blutzoll erkaufen.

Statt einer Einnahme stehen Rußlands Führung zwei Alternativen zur Verfügung: Ausufernde Flächenbombardements mit der Folge einer fast kompletten Zerstörung des Stadtkerns. Da im Gegensatz zum Tschetschenienkrieg ein derartiges Vorgehen an der Heimatfront nicht verkauft werden könnte, da die Ukrainer als „Kleinrussen“ auch bei den Russen als „Brüder“ gesehen werden, ist derzeit nicht davon auszugehen, daß sich Putin hierfür entscheidet. Die zweite Alternative ist die vollständige Abriegelung und Isolierung der Stadt, um die Ukraine zur Aufgabe zu zwingen.

Hagen Eichberger, Deutsche Militärzeitschrift (DMZ)

Fordern Sie hier ein kostenloses Leseexemplar des Deutschen Nachrichtenmagazins ZUERST! an oder abonnieren Sie hier noch heute die Stimme für deutsche Interessen!

Folgen Sie ZUERST! auch auf Telegram: https://t.me/s/deutschesnachrichtenmagazin

 3,300 Leser gesamt

4 Kommentare

  1. […] „Schlüsselschlacht des Krieges“?: Russen und Ukrainer rüsten für die Schlacht um Kiew […]

  2. […] Lesen Sie zur bevorstehenden „Schlacht um Kiew“ auch die folgende Analyse: https://zuerst.de/2022/03/11/schluesselschlacht-des-krieges-wie-die-schlacht-um-kiew/ […]

Schreibe einen Kommentar

Die maximale Zeichenanzahl bei Kommentaren ist auf 2000 begrenzt.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.