„Too big to fail“: 300 Jahre alter Zaubertrick John Laws

21. Februar 2020
„Too big to fail“: 300 Jahre alter Zaubertrick John Laws
Dr. Stefan Scheil
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Den Deutschlandfunk zu hören, kann eine Zumutung sein. Es gibt etliche Sendungen, in denen sich linksgrünes Ge­dankengut schon in der Anmoderation so penetrant äußert, daß der gewiefte Hörer seine Medienkompetenz zügig durch den Griff zum Ausschalter zum Ausdruck bringt. Gelegentlich sind aber doch echte Perlen der Erkenntnis dabei, was zum Bei­spiel vorkommt, wenn die Beiträge von unfreiwilliger Ironie durchzogen sind. So wurde neulich ein „Genie“ vorgestellt, das seiner Zeit ungeheuer weit voraus gewesen sei, entsprechend verkannt von den Zeit­genossen und an deren Sturheit und Un­beweglichkeit zuletzt gescheitert.

Gemeint war der Schotte John Law (1671–1729), damals bekannt für seine geldpolitischen Umtriebe. Mit dessen Na­men verband und verbindet sich für den Deutschlandfunk etwa die brillante Idee, erstmals in großem Stil ungedeckte Geldscheine ausgegeben zu haben. Heute üblich, damals neu, führte ihn dieser Einfall in einer ebenso kurzen wie steilen Karriere an die Spitze der europäischen Wirtschaftspolitik.

Laws Gedanke war zunächst einmal einfach und klang an sich nicht unplausibel. „Gedecktes“ Geld gibt es nur in be­grenzter Menge, also zum Beispiel so viel, wie Gold vorhan­den ist, um für seinen Wert einzustehen, oder eben gleich als Edelmetallmünze. Dieses Geld nun haben die Leute gern zu Hause, sie lagern es ein, sie sparen, halten es als Händler für den nächsten Einkauf zurück und so weiter. Damit fehlt es dem Wirtschaftskreislauf und kann Produktivität nur be­grenzt anregen. Laws Vorschlag, den er erst mal erfolglos an verschiedene regierende Adelshäuser in Europa schickte: Man muß mehr Geld in Umlauf bringen, als gedeckt ist, das bringt die Wirtschaft dann in Schwung.

Zurückgewiesen in Schottland, Italien und Rußland, fand John Law schließlich in Paris den richtigen Ton. Im Mai 1716 erlaubte man ihm, dort eine Privatbank mit einem Monopol für 20 Jahre zu gründen: die Banque Générale. Der Grund für diese Erlaubnis lag keineswegs nur in geld­theoretischen Überlegungen. Sie beruhte auf Laws Kontak­ten zum Hochadel und zum notorisch geldverlegenen Kö­nigshaus, das er nun mit günstigsten Bankgeschäften und höchsten Dividenden versorgte. Allgemein wurde gerätselt, wie er das mache. Die Bilanzen, falls es solche gegeben ha­ben sollte, blieben geheim und wurden auch später nie ge­funden. Genommen wurde trotzdem.

Als nächsten Schritt zum billigen Staatsgeld erreichte Law, daß Steuerschulden gegenüber dem Staat nur noch in Banknoten seiner eigenen Bank eingezahlt werden konnten.

Zwei Jahre nach Gründung wurde die Banque Générale dann als Banque Royal offiziell Staatsbank. Da schrieb man das Jahr 1718 und begab sich auf die ab­schüssige Rampe, die dem heutigen, gegenüber den Euro-Billionen der Europäischen Zentralbank mißtrauischen Zeitgenossen recht bekannt vorkommt. Um den Wert des in immer größeren Mengen ausgegebenen Luftgeldes zu erhalten, wurde der Zahlungsverkehr mit echtem Geld erschwert und eingeschränkt. Ab Frühjahr 1719 durften größere Zahlungen nicht mehr in Silber und nur noch eingeschränkt in Gold be­glichen werden. Bald galt dies auch für kleinere Zahlungen.

Das war dann der Moment, in dem sich der Widerstand der Bevölkerung bemerkbar machte, die nicht an Luftgeld glauben wollte. Sie wich doch auf echte Werte aus und versuchte sie in Sicherheit zu bringen, was Law deshalb mit immer panischeren Maßnahmen unter Kontrolle bekommen woll­te. Im Januar 1720 gab es ein Ausfuhrverbot für Edelmetalle, einen Monat später wurde den Bürgern verboten, Edelmetallschmuck und überhaupt Edelsteine in der Öffentlichkeit zu tragen. Statt dessen wurde es Pflicht, Edelmetalle bei Laws Bank einzulagern, Hausdurchsuchungen wurden angeordnet, und kurze Zeit später folgte durch Gesetz eine Zwangsabwertung der eingelagerten Bestände gegenüber dem Papiergeld, also de­ren Teilenteignung.

Das änderte alles nichts daran, daß es Laws Luftgeld an den Kragen ging. Es folgten allgemeine Unsicherheit, völlige Entwertung des Papiergelds und der Absturz der mit sol­chem Papier gekauften Aktienkurse. Ende 1720 war alles vorbei. Law verließ Frankreich Richtung Brüssel, natürlich unter Mitnahme einiger Kilo des angeblich verschmähten Goldes.

Wie das häufig so ist in der fiktiven Finanzwelt, galt da­nach niemand als wirklich verantwortlich. „Too big to fail“ und zu peinlich für alle, wurden die Hintergründe der Ereig­nisse für die Öffentlichkeit im dunkeln gelassen. John Law bestand darauf, alles richtig gemacht zu haben. Und 300 Jah­re später findet er nicht nur im Deutschlandfunk, sondern gerade in Brüssel immer noch Zuspruch. Schuld am Zusam­menbruch ist demnach nicht der Finanzjongleur, sondern sind die, die nicht an seine Tricks glauben. Wird das nach dem nächsten Crash, auf den solche Rundfunkbeiträge dis­kret vorbereiten, anders sein? Eher nicht.

Dr. Stefan Scheil ist Historiker und Publizist.

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