Die Kreuzzüge: Reaktion des Abendlandes auf islamische Angriffe

17. Januar 2016
Die Kreuzzüge: Reaktion des Abendlandes auf islamische Angriffe
Geschichte
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Der Prophet Mohammed war kaum zehn Jahre tot, da standen arabische Heere bereits kampfbereit vor Ägyptens Metropole Alexandria (641 nach unserer Zeitrechnung). Der Islam breitete sich mit einem expansionistischen Furor aus, wie er in der Geschichte seinesgleichen sucht. Ganz Nordafrika, Persien, Armenien und Syrien fielen bis 656 in die Hände der Moslems. 674 bis 678 belagerten arabische Flotten Konstantinopel, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches. Anfang des achten Jahrhunderts wurde der Sprung auf die Iberische Halbinsel getan, die bis auf winzige Reste im Nordwesten Spaniens erobert wurde. Der Vormarsch in das heutige Frankreich konnte erst von Karl Martell bei Tours 732 zurückgeschlagen werden.

Als Resultat dieser Expansion gerieten auch die heiligsten Stätten der Christenheit in Palästina unter moslemische Herrschaft. Wurde hier anfangs noch Toleranz gegenüber den zahlreichen christlichen Pilgern geübt, änderte sich das Anfang des 11. Jahrhunderts gründlich. Der Kalif al-Hakim befahl 1009 ohne ersichtlichen Grund die Zerstörung der Kirche vom Heiligen Grab in Jerusalem. Christen und Juden waren während der folgenden Jahrzehnte immer größeren Verfolgungen ausgesetzt. So berichtet der Geschichtsschreiber Wilhelm von Tyros: „Selbst in ihren Häusern waren sie nicht in Frieden und Sicherheit; man bewarf sie mit großen Steinen, und durch die Fenster warf man Kot und Schmutz und allerlei Unrat. Wenn es geschah, daß ein Christ ein einziges Wort sagte, das diesen Ungläubigen mißfiel, wurde er sogleich, als habe er einen Mord begangen, ins Gefängnis geworfen und verlor deswegen Fuß oder Hand. […] Oft schleppten die Ungläubigen die Söhne und Töchter der Christen in ihre Häuser und vergewaltigten sie.“

Bei den Menschen des europäischen Mittelalters dominierte der starke Wunsch, mit Leib und Seele genau dort zu sein, wo Christus und nach ihm die Heiligen gelebt und gewirkt hatten. Pilgerzüge oder Wallfahrten in den Orient gehörten zum Rüstzeug eines gläubigen Christen. Doch solche Reisen wurden immer gefährlicher. So mußten sich Bischof Gunther von Bamberg und sein Sekretär Ezzo 1065 nördlich von Jerusalem gegen einen drei Tage währenden Angriff der Araber erwehren, wobei viele Pilger ums Leben kamen.

Unter diesen drückenden Verhältnissen konnte es nicht verwundern, wenn die christliche Kirche schließlich Gegenmaßnahmen ergriff. 1088 wurde der französische Kardinalbischof Eudes de Lagery als Urban II. zum Papst gewählt. Aufgrund seiner Herkunft kannte er sich besonders im französischen Einflußbereich aus. Hier in die Auvergne-Stadt Clermont berief er ein Konzil, das den Ausgangspunkt der sogenannten Kreuzzüge bildete.

Das am 18. November 1095 eröffnete Konzil von Clermont war die bis dahin größte abendländische Kirchenversammlung. Es kamen 13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe und 90 Äbte, Hunderte sonstige Kleriker sowie eine ungeheure Menge Laien zusammen. Papst Urban II. hielt hier seine legendäre Predigt Ihr. Inhalt ist im wesentlichen von einem Augenzeugen, dem Chronisten Fulcher von Chartres, überliefert worden. Der Kernsatz lautete: „Es ist unbedingt geboten, unseren Brüdern im Orient eiligst die so oft versprochene und dringend notwendige Hilfe zu bringen.“ Die Moslems seien im Vormarsch, „sie haben viele Christen getötet und gefangengenommen, haben die Kirchen zerstört und das Land verwüstet“. Dringend appellierte Urban, „daß ihr euch beeilt, dieses gemeine Gezücht aus den von euren Brüdern bewohnten Gebieten zu verjagen und den Anbetern Christi rasche Hilfe zu bringen“.

Das Konzil beschloß unter dem Beifall der Menge: „Wenn jemand allein aus religiösen Motiven, nicht aber zum Erwerb von Ruhm oder Geld, sondern nur allein zur Befreiung der Kirche Gottes nach Jerusalem aufgebrochen ist, so werden ihm in jener Stunde alle Sünden vergeben sein.“ Damit war eine Initialzündung gegeben, die angesichts des lockeren Gefüges mittelalterlicher Feudalstaaten weitere Vorbereitungen erforderte. Papst Urban II. predigte an vielen anderen Orten. Schriftliche Aufrufe gingen in bestimmte Gebiete wie zum Beispiel Flandern und Nordfrankreich, Bischöfe traten auf, und wortgewaltige Prediger wandten sich an das Kirchenvolk.

1096 setzte sich ein gut organisiertes Heer in Marsch, das vorrangig von Franzosen, Normannen, Flamen und deutschen Lothringern gebildet wurde. An der Spitze des Kreuzzuges standen Graf Gottfried von Bouillon, Fürst Bohemund von Tarent und Graf Raimund IV. von Toulouse. Es handelte sich also nicht um die unversorgten Söhne des Adels, die sich abenteuerlustig auf den Weg machten, sondern um die Oberhäupter bedeutender Familien. Die Männer durchquerten Kleinasien und kamen truppweise 1096/97 in Konstantinopel an, dessen Kaiser Alexios I. den Papst 1092 um Hilfe gegen die aggressiven Islamkämpfer gebeten hatte.

(…)

Zur geistigen Selbstdemontage Europas gehört heute die weitverbreitete Auffassung, Kreuzzüge seien ein Werkzeug des expansionistischen, imperialistischen Christentums gewesen, das Territorien eines toleranten und friedlichen Islam brutal unterwerfen, ausplündern und zwangsbekehren wollte. „So war es nicht“, widerspricht der Washingtoner Geschichtsforscher Rodney Stark in seinem Buch Gotteskrieger. Die Kreuzzüge in neuem Licht (2013). „Sie wurden durch islamische Provokationen ausgelöst, durch jahrhundertelange blutige Versuche, das Abendland zu kolonisieren, und immer wieder durch Überfälle auf christliche Pilger und heilige Stätten.“ Nirgendwo sei die Rede davon gewesen, die Moslems zum wahren Glauben zu bekehren.

Nach der Eroberung Jerusalems 1099 war das spirituelle Ziel des Christentums erfüllt. Die meisten Kreuzritter zogen kurz darauf wieder in ihre Heimatländer. Nachfolgende Kreuzzüge wurden nur dann unternommen, wenn moslemische Truppen die Lage der Christen im Orient erneut bedrohten, wie etwa der völlig unhistorisch verklärte Sultan Saladin. Er eroberte 1187 Jerusalem, wobei Tausende Einwohner in die Sklaverei verschleppt wurden, sowie die Städte Tripolis und Antiochia, was den dritten Kreuzzug auslöste.

Wirtschaftliche Motive spielten für die Kreuzfahrer, insbesondere die berittenen Adligen, nur eine geringe Rolle. „Der finanzielle Aufwand für die Teilnehmer an einem Kreuzzug war enorm“, betont Nikolas Jaspert in seinem Werk Die Kreuzzüge (2008). „Häufig mußten dafür Besitzungen verkauft und Kredite aufgenommen werden. Die erhaltenen Urkunden zeugen von diesen Notfinanzierungen.“

Die kriegerische Ausrüstung samt Waffen, Schlachtroß, Dienern, Knappen und deren Pferden, Verpflegung auf lange Sicht, Fußkämpfer als Unterstützung – all das konnte einen Ritter das gesamte Vermögen kosten. Wie aus zeitgenössischen Testamenten hervorgeht, waren die Kreuzfahrer sich meist dessen bewußt, daß auf einer solchen Reise Lebensgefahr bestand und die Erlangung von Beute, Ländereien oder Reichtümern eher nicht zu erwarten war. Von den ursprünglich etwa 60.000 Teilnehmern am ersten Kreuzzug erreichten nur 20 Prozent überhaupt das Ziel Jerusalem. Die anderen waren Krankheiten, Hunger, Witterungsbedingungen oder feindlichen Hinterhalten zum Opfer gefallen. Das Klischee von den Kreuzrittern, denen es vor allem um Macht und Reichtum in der Ferne ging, ist unhaltbar.

Dasselbe gilt von den drei im 12. Jahrhundert gegründeten Ritterorden der Templer, Johanniter und Deutschherren. Sie sollten zunächst karitative Hilfe für bedürftige oder kranke Pilger leisten. Allmählich wandelten sie sich in eine ritterliche Elite, die den Moslems energisch kriegerisches Paroli bot. Ihre Burgen wie der legendäre „Krak des Chevaliers“ westlich der syrischen Stadt Emesa (heute Homs) galten als Musterbeispiele mittelalterlicher Festungen.

Was die nach 1099 im Orient gegründeten Kreuzfahrerstaaten (Edessa, Antiochia, Tripolis, Jerusalem) betrifft, so verweist Rodney Stark darauf, daß sie keine Kolonien waren, „die sich durch Steuern und Tribute aus der Umgebung am Leben erhielten, vielmehr blieben sie, solange sie bestanden, auf enorme Zuschüsse aus Europa angewiesen“. Über die sozialen Zustände in diesen Kreuzfahrerstaaten berichtet ein unverdächtiger Zeitzeuge, der moslemische Pilger Ibn Djobair, der sich 1184 auf eine Reise von Spanien nach Mekka begab. Als er die christlich beherrschte Stadt Akkon erreicht hatte, schrieb Ibn Djobair: „Die Herzen zahlreicher Moslems sind erfüllt von dem Wunsch, sich hier anzusiedeln, wenn sie das Leben ihrer Brüder in den von Moslems verwalteten Gebieten sehen, denn deren Lage ist ganz furchtbar. Immer müssen sie sich über die Ungerechtigkeiten ihrer Gebieter beklagen, während sie sehr zufrieden sind mit dem Verhalten der Franken [Europäer], auf deren Gerechtigkeit sie sich immer verlassen können.“

Fazit der 200 Jahre währenden Kreuzzugsgeschichte: „Es wäre also oberflächlich, wollte man in den Kreuzfahrern nur ,Aggressoren´ gegen die muslimische Welt des Orients sehen““, so die französische Historikerin Régine Pernoud. „Es ging vielmehr darum, der Bedrückung ein Ende zu bereiten, unter der die christlich gebliebenen Volksteile litten.“ (Jan von Flocken)

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4 Comments

  1. olli schreibt:

    Die Kreuzzüge sind moderner geworden:

    http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4970/3226982

    http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4970/3226981

    Nur von gestern aus Frankfurt (West Germany), der Hauptstadt des Verbrechens. Aber die TäterInnen(!)herkünfte werden wenigstens wieder genannt, immerhinque…

  2. olli schreibt:

    Endlich mal eine Klarstellung aus christlicher Sicht. Natürlich wieder purer Geschichtsrevisionismus im Sinne der Bessermenschen, aber was solls. Die Nazikeulen sind im Land stumpf geworden, das macht Mut für die Zukunft, man sagt wieder seine Meinung unverblümt, wenn die Rente eh futsch oder zur Mickerrente verkommen ist.

    Wenn Lebensversicherungen und Riesterrenten auch noch in Rauch aufgehen, dann wird auch das Wunder von Spanien im Mittelalter im Mitteleuropa der Jetztzeit wiedererstehen, denn die Wut des Michels wird dann grenzenlos sein.

  3. Alois E. schreibt:

    Die Wissenschaftlerin und Bibliothekarin Hypatia wurde in Alexandria 200 Jahre vor Mohammed von den Christen ermordet. Die karolingische Sachsenschlächterei in Verden hat nichts mit Mohammedanern zu tun. Auch der Völkermord an den mutmaßlich 100 Millionen Indianern – das allem Anschein nach schlimmste Verbrechen aller Zeiten – hat keinen Bezug zur Mohammedanerabwehr, ebenso wenig wie die christlichen Hetzereien im 30-jährigen Krieg, der die Hälfte der Deutschen auslöschte. ZUERST – bitte an die Deutschen und ihre eigene, bodenstädnige Kultur denken, nicht an irgendwelche Wüstenreligionen (Begriff von Dietrich Schuler), die alle dreie gleich totalitär und mörderisch gegen andere Völker sind, von Migrationshintergrundling David gegen den einheimischen Goliath erzählerisch angefangen.

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