Zum Gedenken an den Kriegsausbruch: Moskauer Historikerin erinnert an Vernichtungspläne der Westalliierten

11. September 2019
Zum Gedenken an den Kriegsausbruch: Moskauer Historikerin erinnert an Vernichtungspläne der Westalliierten
Geschichte
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Moskau. Vor dem Hintergrund der Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren hat die russische Historikerin Elena Ponomarewa, Professorin an der Moskauer Staatlichen Hochschule für internationale Beziehungen (MGIMO), auf die in der westlichen Berichterstattung durchweg unterschlagenen unterschiedlichen Kriegsziele der Westmächte und der Sowjetunion hingewiesen. Anders als die UdSSR unter Stalin hätten die Westalliierten nämlich das Ziel verfolgt, dem deutschen Volk maximalen physischen Schaden zuzufügen.

Im Unterschied dazu habe Stalin bereits 1942 in einem Befehl des Volksverteidigungskommissars der Sowjetunion unterstrichen, die Rote Armee habe ein „edles Ziel“, nämlich die Befreiung der Heimat vom Angreifer. In dem Befehl heißt es wörtlich: „Es wäre lächerlich, Hitlers Clique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat zu identifizieren. Die Erfahrung der Geschichte besagt, daß die Hitlers kommen und gehen und das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben.“

Auch die sowjetische Presse, so die russische Historikerin, setzte auf einen „konstruktiven Umgang“ mit den Deutschen. So konterte die führende sowjetische Zeitung „Prawda“ im April 1945 einen Artikel des russischen Journalisten und Deutschenhassers Ilja Ehrenburg in der Zeitung „Roter Stern“ mit den Worten: „Genosse Ehrenburg spiegelt (…) nicht die öffentliche Meinung der Sowjets wider. Die Rote Armee, die ihre große Befreiungsmission erfüllt, kämpft für die Liquidierung der Naziarmee, des Hitlerstaates und der Hitlerregierung, hat sich aber nie zum Ziel gesetzt, das deutsche Volk auszurotten.“

Anders als die westlichen Alliierten, unterstreich die Moskauer Historikerin, tötete die Rote Armee auch keine zusätzliche halbe Million Zivilisten durch Luftangriffe. Und nie gab es in der Sowjetunion einen Plan wie den Morgenthau-Plan der USA, der auf die gezielte De-Industrialisierung der Deutschen abzielte. Dessen Ziel war es laut Ponomarewa, den Deutschen maximalen psychologischen und demographischen Schaden zuzufügen. Der Plan, der danach jedoch nicht zum Staatsprogramm wurde, hätte laut der Kritik des Ex-US-Präsidenten Herbert C. Hoover nur erfüllt werden können, wenn 25 Millionen Deutsche ermordet oder deportiert worden wären. (mü)

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5 Comments

  1. Deutsche Haltung schreibt:

    Fast möchte man den edlen Worten Glauben schenken, die Sowjets hätten gar nichts gegen das Deutsche Volk und seinen Staat gehabt und es nur “befreien” wollen.

    Wieso sie dann Deutschland nicht einmal in den Grenzen von 1937 respektiert haben, bleibt mir ein Rätsel. Immerhin waren auch jene Blutgrenzen schon eine schlimme Vergewaltigung des deutschen Siedlungsraumes seit 1919. (Man komme mir nicht mit Kompensation für Polen, denn im sogenannten “Ostpolen” wohnten hauptsächlich Weißrussen, Ukrainer, Litauer.)

    Nein, 25 Millionen tote Deutsche haben sie nicht geschafft. Die Ost- und Westalliierten sind bei 17 – 20 Millionen steckengeblieben – mehr haben die Flächenbombardierung durch Churchills 1000-Bomber-Angriffe, die Rheinwiesen-Verhungerungslager, die sowjetische Kriegsgefangenschaft, die Vertreibungen von 15 Millionen Deutschen, die Nachkriegs-Demontagen und Ernährungs-Sabotage (die vor allem Millionen deutscher Säuglinge und Kleinstkinder zur Strecke gebracht haben) durch die Alliierten einfach nicht hergegeben. Außerdem begannen sie dann (wie absehbar) doch zu streiten und benötigten schließlich doch jeder das Potenzial der Deutschen.

  2. Bernd Sydow schreibt:

    Was die russische Historikerin Elena Ponomarewa allerdings verschweigt, sind die unzähligen Greueltaten der Roten Armee an der deutschen Zivilbevölkerung, insbesondere in Ostpreußen! Diese Greueltaten lösten die gigantische Fluchtwelle der Ostdeutschen aus (heute “Heimatvertriebene” genannt). Fielen Flüchtlingstrecks in die Hände der Roten Armee, so bedeutete das ausnahmslos das Todesurteil für die flüchtenden Ostdeutschen.

    Der deutsche Historiker Leopold von Ranke sagte einmal “Die Aufgabe der Geschichte ist es zu erzählen, wie es wirklich war”. Anders im früheren sowjetkommunistischen Machtbereich. Dort unterlagen die Historiker dem ideologischen Postulat (Karl Marx: Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte von Klassenkämpfen). Diese ideologische Eindimensionalität ist bei heutigen russischen Historikern ersetzt durch das Bestreben, “Nestbeschmutzung” zu vermeiden (das unterscheidet sie fundamental von deutschen Historikern). So ist es kein Zufall, daß die Verbrechen der sowjetkommunistischen Epoche, insbesondere der Stalinzeit, bis heute nicht aufgearbeitet wurden.

    In Deutschland hingegen ist diese “Nestbeschmutzung” (nicht enden wollende Vergangenheitsbewältigung) mittlerweile quasi Staatsdoktrin!

  3. Goldonkel schreibt:

    Ich möchte hier einmal an meinen Onkel Ludwig erinnern. Er war 8 Jahre in Rußland: fast 3 Jahre als Soldat und 6 Jahre in Gefangenschaft. Er ließ nichts über die einfachen Russen kommen. Er sagte immer. Wenn wir hungerten, dann hatte der Russe auch nichts zu Essen. Aber die Amerikaner und ihre Verbündeten hatten alles im Überfluß und ließen die Gefangenen in den Rheinwiesen zu Tausenden elend krepieren!

  4. Kaffeeschlürfer schreibt:

    “Immerhin waren auch jene Blutgrenzen schon eine schlimme Vergewaltigung des deutschen Siedlungsraumes seit 1919.” So geht Geschichtsklitterei! Die deutsche Ostgrenze von 1918 beruhte vor allem auf den Raubzügen des deutschen Ritterordens. Die Gebietsabtretungen ab 1919 waren ein Schritt in Richtung Normalität.

  5. Kaffeeschlürfer schreibt:

    Was der Hinweis auf den Morgenthau-Plan soll, ist mir übrigens schleierhaft, schließlich fanden Demontagen sehr wohl gerade in der sowjetischen Besatzungszone statt.

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