Deutschland ist Weltmeister: Fußballpatriotismus ist vielen ein Dorn im Auge

22. Juli 2014
Deutschland ist Weltmeister: Fußballpatriotismus ist vielen ein Dorn im Auge
Manuel Ochsenreiter
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Deutschland ist Fußballweltmeister! Wer hätte das noch vor einigen Wochen ernsthaft gedacht? Dabei wurde die Leistung der deutschen Mannschaft vor der WM kaum irgendwo so sehr heruntergeschrieben wie in den etablierten deutschen Medien. Die deutsche Elf sei allenfalls gutes Mittelmaß, und man solle nicht immer so verbissen vom ersten Platz träumen. Natürlich war der Fußballpatriotismus vielen Mainstream-Journalisten ein Dorn im Auge. Schnell wurden „wissenschaftliche Studien“ präsentiert, die belegen sollten, daß während und nach einer WM die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland sprunghaft ansteige. Und linksradikale antideutsche Spinner fühlten sich wieder einmal dazu animiert, in Berlin schwarz-rotgoldene Fahnen von den Autos und Häusern zu stehlen und im Stadtteil Friedrichshain zu verbrennen. Man will sich gar nicht ausmalen, was die Menschen in anderen Ländern von uns denken.

Denn gerade während solcher Sportereignisse öffnet sich ein Fenster zu anderen Nationen und Kulturen. Wie gehen andere Länder mit Erfolgen, wie mit Niederlagen um? Das wohl eindrucksvollste Beispiel lieferte das Gastgeberland Brasilien. Im Halbfi nale wurde die brasilianische Mannschaft mit 7:1 von der deutschen Auswahl vernichtend geschlagen. Für die Fußballnation Brasilien kam das einer Katastrophe gleich. Die brasilianischen Fans im Stadion machten während des Spiels aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis. Es wurde geweint, geschluchzt und gebetet. Doch die Gebete blieben unerhört: Die deutsche Mannschaft schoß ein Tor nach dem anderen – bis zum erlösenden Abpfiff des Schiedsrichters. Beim brasilianischen Sender SporTV unterlegten sie die deutschen Tore noch in der Nacht mit fi nsterer Trauermusik – und blendeten dazu weinende brasilianische Fans ein.

In diesem Moment der Demütigung zeigte jedoch die brasilianische Mannschaft wahre Größe. Sie rannte nicht einfach in die Umkleidekabinen und versteckte sich dort, sondern stellte sich ihren Fans, der ganzen Nation. Allen voran der brasilianische Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari, der sich mit dünner Stimme bei den Brasilianern entschuldigte: „Dem brasilianischen Volk möchte ich sagen: Bitte entschuldigt diese Niederlage!“ Und Nationalspieler David Luiz legte nach: „Vor allem wollte ich dem Volk Freude bereiten, den Leuten, die sowieso schon so viel Leid haben.“ Würde sich ein deutscher Nationalspieler mit so viel Hingabe an das eigene Volk wenden – die etablierten Journalisten würden bereits ihre Messer wetzen und ihm mindestens „übersteigerten Nationalismus“ vorwerfen.

Gerne kritisiert man die FIFA für die totale Kommerzialisierung des Fußballsports. Zurecht klagen Kritiker, es gehe – für Funktionäre und Spieler – fast nur noch ums Geld, für große Gefühle sei dort schon lange kein Platz mehr. Zumindest die Brasilianer haben nach ihrer schmachvollen Niederlage gegen Deutschland das Gegenteil bewiesen. Auch im brasilianischen Team sind die Spieler Millionäre, auch sie kicken für die reichen europäischen Vereine. Und auch nach dem für die Brasilianer furchtbaren Spiel gegen Deutschland wird sich für die einzelnen brasilianischen Profis kaum etwas ändern. Daher ist es neben der überwältigenden Freude über den Weltmeistertitel für Deutschland auch der Umgang der Brasilianer mit ihrer Niederlage, der die diesjährige WM zu einem einzigartigen Erlebnis machte.

Manuel Ochsenreiter ist Chefredakteur des Deutschen Nachrichtenmagazins ZUERST!

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