Konfrontation der Großmächte: Geopolitik – lange nicht mehr so aktuell wie heute

20. November 2013

Foto: flickr/sermarr erGuiri, CC BY 2.0

Washington/Moskau. Geostrategisch versierte Beobachter können heute keinen Zweifel mehr daran hegen, daß die Weltpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts von einem Gegensatz zwischen der eurasischen Landmacht Rußland im Bündnis mit der Volksrepublik China und der atlantischen Seemacht USA bestimmt wird.

Glaubte man noch, mit der Jahreswende 1991, als die sowjetische Führung das Ende ihres Imperiums als geopolitischen Faktor erklärte, sei die Konfliktkonstellation des Kalten Krieges endgültig Geschichte geworden, so treten schon seit geraumer Zeit die Konturen eines „neuen Kalten Krieges“ immer deutlicher zutage.

„Der Zerfall der Sowjetunion Ende 1991“, so schreibt der ehemalige Gorbatschow-Berater Wjatscheslaw Daschitschew, „änderte von Grund auf die geopolitische und geostrategische Kräftekonstellation in der Welt“. Tatsächlich befindet sich der geographische Raum, den einstmals die Sowjetunion umfaßte, auch gut 20 Jahre nach dessen Ende nach wie vor in Bewegung.

Die Russische Föderation selbst hat es geschafft, sich nach den chaotischen Verhältnissen der Jelzin-Ära in den 90er Jahren, die den Staat in eine Agonie, gewissermaßen in eine neue „Smuta“ (Bezeichnung für die historische „Zeit der Wirren“ im 17. Jahrhundert) gestoßen hatten, endlich staatlich und ökonomisch neu zu rekonstruieren – was vor allem ein Verdienst des zweimaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin ist.

Nachdem Rußland in den 90er Jahren im Westen spöttisch als „Obervolta mit Atomwaffen“ betrachtet wurde, haben Anfang des 21. Jahrhunderts unter der Präsidentschaft Putins Erdgas und Erdöl die Voraussetzung für den Wiederaufstieg Rußlands zur Weltmacht und zu einem fundamentalen geopolitischen Spieler geschaffen.

Gleichzeitig sind in den Brennpunkten des eurasischen Raumes, in der Kaukasusregion und Zentralasien, heute die Schlachtfelder eines verdeckten indirekten Krieges zwischen den USA und der Russischen Föderation zu lokalisieren. Was sich vordergründig als zwischenethnische Konflikte und Sezessionskriege darstellt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als „Stellvertreterkrieg“ um die Kontrolle der Rohstoffe Eurasiens. Dabei ist den USA unter dem Vorwand der „Terrorismusbekämpfung“ der Vorstoß in den „weichen Unterleib“ der ehemaligen Sowjetunion gelungen.

Beschäftigt man sich mit den Ursachen der Implosion der Sowjetunion, des damaligen eurasischen Herausforderers der US-Hegemonie, wird normalerweise auf die politische Unfähigkeit und Widersprüchlichkeit des kommunistischen Systems und seine ökonomische Ineffizienz hingewiesen, wodurch latente Konfliktherde nur dauerhaft unterdrückt worden seien, die sich nunmehr nach dem zwangsläufigen Zusammenbruch des Systems gewaltsam entladen würden.

Aber diese Betrachtungsweise ist nur die halbe Wahrheit und läßt die Rolle der USA und ihrer Machtelite gänzlich außer Betracht, deren strategisches Ziel von Anfang an die Beseitigung des kontinental-eurasischen Gegenspielers war und ist, um ein globales, nach ihren ökonomischen und politischen Prinzipien konstruiertes Ordnungskonzept etablieren zu können.

Diesem Ziel aber stand ein möglicher Erfolg des Gegenspielers im Weg: „Die ganze Welt“, so erklärte US-Präsident Truman seinerzeit, „sollte daher das amerikanische System übernehmen“. Denn das amerikanische System kann (selbst) in Amerika nur überleben, wenn es das System der ganzen Welt wird.

An diesem Ziel hat sich bis heute nichts geändert: „Wenn die Globalisierung funktionieren soll, darf sich Amerika nicht davor fürchten, als die unüberwindliche Supermacht zu handeln, die es in Wirklichkeit ist (…). Die unsichtbare Hand des Markts wird ohne sichtbare Faust nicht funktionieren. McDonald‘s kann nicht expandieren ohne McDonnel Douglas, den Hersteller der F-15. Und die sichtbare Faust, die die globale Sicherheit der Technologie des Silicon Valley verbürgt, heißt US-Armee, US-Luftwaffe, US-Kriegsmarine und US-Marinekorps“ (zit. aus: Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher, München 2005, S. 36).

Derjenige, der das sagte, war nicht irgend ein unbedeutender Zeitungsredakteur, sondern Thomas Friedman, ehemaliger Sonderberater der US-Außenministerin Madelaine Albright unter der Regierung Clinton.

Dieses Ziel kann aber nicht erreicht werden ohne die ökonomische Inbesitznahme des eurasischen Kontinents, des „heartland“ (Herzland), von dessen strategischem Besitz nach den Doktrinen des englischen Geopolitikers Halford Mackinder die Weltherrschaft abhängt. Und um dieses Ziel zu erreichen, haben die USA unterschiedliche Anläufe gestartet: Sie finanzierten die Oktoberrevolution, mit deren Hilfe sich die amerikanische Industrie den Zugriff auf die Bodenschätze dieses Raumes sichern wollte.

Als sich aber das neue Regime von seinen transatlantischen Geldgebern emanzipierte (bekanntlich wurden die von den USA finanzierten Revolutionäre – wie z. B. Leo Trotzki – während der Stalin-Ära im Rahmen der großen Säuberungen liquidiert) und sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in den Dachverband der neuen Weltordnung eingliedern wollte, brachen die USA den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion vom Zaun, und zwar mit offensiven Mitteln. Es waren die Vertreter der Großbanken, der Großindustrie und des internationalen Handels, die einen solchen Kurswechsel zuvor seit langem befürwortet hatten.

Daß das kommunistische System weder ökonomisch noch politisch-militärisch geeignet war, die Integrität des Vielvölkerreiches und seinen Status als konkurrierende Weltmacht aufrechtzuerhalten, stand für jeden halbwegs klarblickenden Beobachter außer Zweifel. Diese systemimmanente Schwäche förderten die USA mit allen Mitteln, um dem Imperium zuguterletzt den Todesstoß zu versetzen.

Sie erzwangen einen Rüstungswettlauf unter dem Vorwand, der Westen sei dem militärischen Potential des Ostens unterlegen, und versuchten, durch Organisation und Finanzierung wahabitisch-islamistischer Gotteskrieger an der südlichen Peripherie des Sowjetreiches einen Brandherd zu legen, um es zu einem zehnjährigen Abnutzungskrieg herauszufordern, an dessen Konsequenzen das Land ökonomisch kollabieren mußte.

Damit war die Zeit reif für eine ökonomische Inbesitznahme und Unterwerfung des Landes. Hierbei spielten die Institutionen der westlichen Hochfinanz wie IWF und Weltbank eine fundamentale Rolle, deren Reformen das Sozialgefüge der russischen Gesellschaft glattweg ruinierten, mit der westlichen Hochfinanz liierte Mafiakräfte entstehen ließen, aber die volkwirtschaftliche Paralyse Rußlands verstärkten.

Bei dieser Paralysierung des eurasischen Raumes richtete sich das Augenmerk der USA auf die Region des Kaukasus und der Kaspischen Region mit ihrem noch immer nicht ausgeloteten Erdöl- und Erdgasreservoir. Dem ökonomischen Verstoß der USA in diese Region folgte im Zuge der Ereignisse des 11. September 2001 unter den Vorwand der Terrorismusbekämpfung die militärische Implementierung der US-Macht.

Rußland versucht seit dem Ende der Jelzin-Ära, durch diplomatischen und militärischen Druck und nicht zuletzt unter Einsatz der „Energiewaffe“, dieses verlorene Terrain wiederzugewinnen. Diesem neuen „Great Game“ wird im US-Außenministerium höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht, und jede Reaktion Rußlands, seine Defensivlage zu überwinden, wird dort sensibel registiert.

Der Wiederaufstieg Rußlands zur „Energiesupermacht“ unter Putin hat die US-Machtelite vor ernsthafte Herausforderungen gestellt; man hatte erkannt, daß eine Einflußnahme auf die inneren Verhältnisse nicht ausreichend war, um den Endkampf um die Kontrolle Eurasiens erfolgreich zum Abschluß bringen zu können. Zur Verwirklichung des Beherrschungskonzepts gehen die USA deshalb daran, durch Förderung der Separation der Randstaaten der 1991 neugegründeten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) Rußland einzukreisen und in die Zange zu nehmen.

Die Ost- und Südostexpansion der NATO, die seit 1997 offensiv betrieben wird und mit der Etablierung eines antirussischen Regionalbündnisses der GUUAM 1999 sowie dem Erweiterungsprozeß von Istanbul 2004 noch nicht abgeschlossen ist, spielt hierbei eine fundamentale Rolle und macht deutlich, daß das atlantische Bündnis bereits von Anfang an als ein Instrumentarium amerikanischer Hegemonialbestrebungen konzipiert war mit dem Zweck, die USA – wie es US-Präsident George Bush sen. 1990 formuliert hatte – als „europäische (eigentlich eurasische, der Verf.) Macht“ zu etablieren.

Auch irreguläre „covert actions“ stehen auf dieser Agenda – mit der Finanzierung und Organisation prowestlicher Umstürze wie in der Ukraine und Georgien durch die westliche Hochfinanz wie der „Soros-Foundation“ und diverser CIA-gesteuerter „Non-Gouvernment-Organisations“ wird die dauerhafte Ausschaltung des russischen Einflusses an neuralgischen geopolitischen Punkten der GUS angestrebt.

Durch die Förderung großräumiger Pipelineprojekte wie der Transkaukasus-Erdölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan oder der Erdgaspipeline „Nabucco“ sollen alternative Ost-West-Energiekorridore – militärisch durch die NATO abgesichert – geschaffen werden, deren Absicht in der Abdrängung Rußlands in die strategische Isolation liegt.

Notfalls schreckt die US-Machtelite auch vor der Inszenierung eines Stellvertreterkrieges – beispielsweise des Georgienkrieges 2008 – nicht zurück, um ihre geopolitischen Ziele durchzusetzen. Rußland auf der anderen Seite ist bestrebt, diese Strategie der USA zu unterlaufen: Es fördert einerseits die Entstehung bündnispolitischer Gegengewichte wie der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ (SCO), der eurasischen Vertragsorganisation von Taschkent oder des wirtschaftspolitischen Konsultationsforums BRIC, bestehend aus den neuen aufsteigenden Wirtschaftmächten Brasilien, Rußland, Indien und China.

Ferner setzt Moskau auf den Machtfaktor Energie: Mit Hilfe seines „energiegeopolitischen Schwertes“, des Gasprom-Konzerns, strebt es den Aufbau eines Energieförderungs- und -transportmonopols in Eurasien an, um das Ziel der USA – die Abspaltung der kaukasisch-zentralasiatischen Ressourcen vom russischen Einfluß und deren Eingliederung in ihr eigenes „informelles Imperium“ – zu durchkreuzen.

Um die Hintergründe dieser Entwicklungen nachvollziehen zu können, muß man die Gründsätze der kontinentalen Geopolitik auf der einen Seite und der amerikanischen Geopolitik auf der anderen Seite ins Kalkül ziehen. Sie liefern gewissermaßen die Blaupause, das Handlungskonzept der Mächte, ohne deren Kenntnis ihr Handeln nicht verstanden werden kann.

Geopolitik ist die Untersuchung des Einfl usses von Faktoren wie Geographie, Ökonomie und Bevölkerungszahl auf die Politik, insbesondere die Außenpolitik eines Staates, oder, um mit dem französischen Geopolitiker Yves Lacoste zu sprechen, die Lehre von der „Rivalität um Macht und Territorium“. Dieses Spiel ist mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts gerade erst in eine neue Runde eingetreten. Niemand käme heute, 2013, noch auf die Idee, von einem „Ende der Geschichte“ zu fabulieren, wie es Francis Fukuyama in den neunziger Jahren mit seinem Bestseller tat. Das Gegenteil ist der Fall. Das Spiel fängt eben erst an, wieder außerordentlich spannend zu werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in „Der Schlesier“.

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