Abenteuer Afrika: Die Bundeswehr im Mali-Einsatz

7. Oktober 2013

Malischer Soldat, Foto: Bundeswehr/Sebastian Wilke

Bamako. In Afrika brauche man vor allem eines, und das sei Geduld, erklärte Verteidigungsminister Thomas de Maizière vor einigen Wochen mit Blick auf die europäische Ausbildungsmission im vom Bürgerkrieg erschütterten Mali vor dem Bundestag.

Seit Anfang des Jahres sind deutsche Soldaten dort im Rahmen der European Training Mission (EUTM) Mali im Einsatz, um die völlig marode malische Armee auszubilden. Hinzu kommt die logistische Unterstützung für die UN-Mission MINUSMA (UN Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali). „Das ma­lische Militär soll befähigt werden, die Stabilisierung des Landes in eigener Verantwortung wieder voranzubringen“, erklärt die Bundeswehr. Wie viel Geduld man dazu in Afrika wirklich braucht, zeigt das Pendant in Somalia: Hier ist die Bundeswehr gemeinsam mit anderen europäischen Streitkräften im Rahmen der EUTM Somalia seit 2010 dabei, die somalische Armee im Nachbarland Uganda zu einer halbwegs einsatzbereiten Truppe auszubilden – von einer Stabilisierung ist das Land aber noch immer Lichtjahre entfernt. Im Januar beschloß die Europäische Union, die Mission um weitere zwei Jahre zu verlängern. Dabei ist auch dieser Einsatz „kein risikoneutrales Geschäft“, räumte der irische General und Kommandeur der EUTM Somalia Gerald Aherne ein. Wie wenig man dabei den eigenen „Erfolgen“ traut, macht deutlich, daß die Bundeswehr nicht gemeinsam mit anderen europäischen Armeen nun nach Somalia hinein verlegt, sondern die Ausbildungsmission wie bisher im sicheren Uganda weiterführen will – mindestens bis Jahresende.

Die vorsorglichen Rufe des Ministers nach Geduld machen deutlich, daß in Mali ebenfalls mit einem jahrelangen Engagement gerechnet werden muß. Auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, sieht einen weiteren „langen Konflikt“ kommen. Gemeinsam mit der Bundeswehr sind Einsatzkräfte unter anderem aus Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und Ungarn an der Mission beteiligt – insgesamt 450 Soldaten aus 22 Ländern. Den deutschen Soldaten fällt dabei die Pionierausbildung, Unterstützung bei der Sanitätsausbildung sowie – gemeinsam mit Ungarn – die sanitätsdienstliche Versorgung der EUTM-Soldaten zu. Dazu wurde ein mobiles Luftlande­rettungszentrum der Bundeswehr in Mali aufgeschlagen – es ist das modernste Krankenhaus im ganzen Land. Wie desolat der Zustand der malischen Streitkräfte ist, verdeutlicht, daß den Soldaten vor Ort sogar das einfache Befüllen von Sandsäcken beigebracht werden muß. Hinzu kommt, daß die Ausrüstung rudimentär und die Motivation der Truppe trostlos ist. Die malische Armee steht unter dem Eindruck der katastrophalen Niederlage gegen die Islamisten und die Tuareg, viele Soldaten waren bei den Kämpfen im Norden einfach davongelaufen. In Bamako, der Hauptstadt Malis, hatte die Armee 2012 sogar geputscht. Dabei erhält die malische Armee seit langem Unterstützung durch den Westen. Neben Frankreich, der militärischen Schutzmacht des Landes, sind auch die USA in Mali präsent, aus Europa und Amerika kamen auch Ausbilder für die malische Armee ins Land – mit einem niederschmetternden Ergebnis: „Die sind desertiert, aus meiner Sicht mit mehr als 80 Leuten. Das sind die, die extra von den Amerikanern im Anti-Terrorismuskampf ausgebildet worden sind. Waffen und Gepäck haben sie mitgenommen“, berichtet der malische Professor Modibo Goita. Die Deserteure schlossen sich den Tuareg-Rebellen an. Ebenfalls brisant: Mindestens seit 2008 waren auch Einheiten des elitären deutschen Kommando Spezialkräfte (KSK) in der Ausbildung vor Ort aktiv, was damals durch einen Fall von Veruntreuung bekanntgeworden ist. Eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sevim Dagdelen (Die Linke) ergab schließlich, daß „von deutschen Soldaten […] unter anderem auch Ausbildungsunterstützung für einzelne militärische Gruppen“ geleistet worden sei. Und dies nicht nur ganz ohne Mandat, sondern offensichtlich auch ohne Erfolg, wie die jüngsten Entwicklungen deutlich gemacht haben.

Nun schickt Berlin ein weiteres Mal bis zu 330 deutsche Soldaten – 180 im Rahmen der EUTM- und 150 im Rahmen der MINUSMA-Mission – in eine Krisenregion, in der die Lage jederzeit eskalieren kann. Von einer ungefährlichen Ausbildungsmission, deren Bild die deutsche Politik gern zeichnet, kann also kaum die Rede sein. Die Asian Times sprach schon vor Wochen von einem „afrikanischen Afghanistan“ – zu dieser Zeit tobten gerade heftige Gefechte zwischen den französischen Interventionstruppen und den islamischen Kämpfern der Ansar Dine-Miliz („Unterstützer des Glaubens“), welche als Ableger der „Al-Kaida des Islamischen Maghreb“ (AQMI) gilt. Parallel lieferten sich die separatistischen, säkularen Tuareg-Milizen der „Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad“ (MLNA) – die von der malischen Zentralregierung ebenfalls nichts wissen wollen – Kämpfe mit den Islamisten.

Mittlerweile ist die Ansar Dine zwar vertrieben und die Franzosen befinden sich im Abzug. Befriedet ist das Land aber nicht. Zumal die Dschihadisten lediglich in alle Winde verstreut, keinesfalls aber unschädlich gemacht sind. „Mali ist nach wie vor ein Land im Kriegszustand“, schreibt die deutsche Reservisten-Zeitschrift loyal. Das schreckt deutsche Politiker allerdings nicht davon ab, die Bundeswehr in eben jenes Land zu entsenden, sondern führt im Gegenteil noch dazu, daß – auch in den Medien – umso lautstarker nach einem noch ausgeprägteren Engagement gerufen wird. Man dürfe Frankreich nicht „im Stich lassen“.

Tatsächlich aber ist dieser Konflikt kein europäischer und schon gar kein deutscher. Zwar liegt ein friedliches Mali im Interesse der Bundesrepublik Deutschland und Europas, weil der Konflikt Flüchtlingsströme gen Norden – und damit letztlich in die Europäische Union – verstärkt. Doch viel weiter gehen die vielbeschworenen „gemeinsamen europäischen Interessen“ in dieser Region kaum. Denn die Krise in Mali ist vor allem eines: ein hausgemachtes französisches Problem. Mali war bis 1960 französische Kolonie, die Länder sind bis heute in vielen Bereichen eng miteinander verbunden. Die Grenzziehung des jungen Staates erfolgte damals durch Paris ohne Rücksicht auf regionale Stammes- und Volksgebiete. Konflikte und Aufstände waren vorprogrammiert, schon in den 1980er Jahren gab es bewaffnete Kämpfe. Und: Die islamistischen Kämpfer der Ansar Dine konnten in Mali vor allem deshalb so schnell und schlagkräftig zuschlagen, weil sie nur wenige Monate zuvor im Kampf gegen den libyschen Herrscher Muammar al-Gaddafi vom Westen unterstützt und mit Waffen beliefert worden waren – und zwar zu großen Teilen von Frankreich. Die Lunte, die das Faß zur Explosion brachte, haben die Franzosen selbst erst entzündet.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der „Deutschen Militärzeitschrift (DMZ).

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