Syrien: Giftgas-Einsatz mit hunderten Toten drei Tage nach Eintreffen der UN-Inspektoren?

21. August 2013

Damaskus. Im Syrien-Konflikt, in dem großteils islamistische Rebellen gegen die säkuläre Regierung von Präsident Bashar al-Assad kämpfen, soll die Armee nach Behauptungen der Rebellen massiv Giftgas eingesetzt haben – nur drei Tage nach dem Eintreffen eines Teams von Chemiewaffen-Inspektoren der UN.

Mehr als 650 Tote seien das Ergebnis eines Angriffes mit Chemiewaffen, teilte die Rebellenorganisation „Syrische Nationale Koalition“ mit; ein Politiker sprach sogar von bis zu 1.300 Todesopfern, wie etwa die österreichische Presseagentur APA berichtet. Mit Nervengas bestückte Raketen seien vor dem Morgengrauen in mehreren Vororten der syrischen Hauptstadt Damaskus eingeschlagen, berichtet die britische Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Rebellenkreise.

Die ursprüngliche Meldung des Angriffs stammt von dem Fernsehsender „Al-Arabija“, der im Zusammenhang mit dem Syrien-Konflikt bereits mehrmals der Falschberichterstattung überführt wurde. So meldete der Sender im August 2012, ein hoher General a.D. aus Rußland – einem von Syriens Verbündeten – sei bei Damaskus von Rebellen getötet worden. Kurze Zeit später trat dieser jedoch vor die Presse und erklärte laut dem Radiosender „Stimme Rußlands“, er danke allen Medien für die Aufmerksamkeit, „rein menschlich war es mir aber sehr unangenehm, von meinem vermeintlichen Tod in Syrien zu hören. Ich bin wohlauf und lebe in Moskau.“ Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti erhielt auf Anfrage bei „Al-Arabija“ die Antwort, daß es den Journalisten nicht gelungen sei, eine Bestätigung für die angebliche Anwendung der C-Waffen zu erhalten.

Die syrische Regierung wies die Vorwürfe umgehend zurück: Die syrische Nachrichtenagentur SANA zitiert einen Sprecher des Außenministeriums mit den Worten, es handle sich um falsche Anschuldigungen. Lediglich ein massiver Vorstoß konventioneller Natur hat laut der Armee in dem fraglichen Gebiet stattgefunden. Syrien habe wiederholt bekräftigt, daß es niemals irgendeine Art von Massenvernichtungswaffen gegen sein eigenes Volk einsetzen werde. Die Anschuldigungen hätten den Sinn, die UN-Inspektoren von ihren geplanten Tätigkeiten abzuhalten und deren Report negativ zu beeinflussen.

Rußland äußerte ebenfalls erhebliche Zweifel: „Es ist auffällig, daß regionale Medien wie auf Befehl eine aggressive Informationsattacke ausgelöst und der syrischen Regierung die ganze Verantwortung zugeschoben haben“, sagte der russische Außenamtssprecher Alexander Lukaschewitsch nach Angaben von RIA Novosti. Auch früher sei bereits mehrmals unter Verweis auf nicht näher bezeichnete Oppositionskreise berichtet worden, daß die syrische Armee C-Waffen engesetzt habe, doch hätten sich diese Berichte nicht bestätigt, so Lukaschewitsch. „All das bringt auf den Gedanken, daß wir es wieder mit einer geplanten Provokation zu tun haben.“ Ihr Ziel sei es, den UN-Sicherheitsrat auf die Seite der syrischen Rebellen zu ziehen. Leonid Kalaschnikow, stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der russischen Staatsduma, bezeichnete laut SANA die Anschuldigungen als „einen weiteren Akt der Täuschung, orchestriert durch die Terroristen und ihre Unterstützer“. „Ich glaube diesen irreführenden Berichten nicht, und wenn wirklich chemische Waffen benutzt wurden, dann sind die bewaffneten Terrorgruppen dafür verantwortlich“, so Kalaschnikow. Rußland hatte einige Wochen nach der Präsentation angeblicher Beweise für einen Chemiewaffeneinsatz durch die USA den UN eigene Hinweise übermittelt, die nach seiner Darstellung für einen Einsatz von C-Waffen durch Rebellen in dem Dorf Khan al-Assal nahe Aleppo im Norden des Landes sprechen.

Die seit dem 18. August in Damaskus weilenden Experten eines UN-Inspektorenteams zur Untersuchung früherer angeblicher Einsätze von Giftgas zeigten sich über den Zeitpunkt der Angriffe verwundert. „Die erwähnte hohe Anzahl Verletzter und Getöteter klingt verdächtig. Es klingt wie etwas, das man untersuchen sollte“, erklärte der Chef des Teams, Ake Sellström, der schwedischen Nachrichtenagentur TT.

Nach der Aufforderung unter anderem von Frankreich, Großbritannien und den USA – die zu den größten Unterstützern der Rebellen zählen – befaßt sich der UNO-Sicherheitsrat noch am heutigen Mittwoch in einer Dringlichkeitssitzung mit den Vorwürfen. Die Sitzung soll um 21.00 Uhr MESZ beginnen.

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