Paris. Der französische Historiker und Demograph Emmanuel Todd, der in den siebziger Jahren bereits den Zerfall der Sowjetunion vorhersagte, sorgt mit seinem Buch „Die Niederlage des Westens“ erneut für hitzige Diskussionen. Im Interview mit dem unabhängigen französischen Portal „Fréquence Populaire“ zeichnet er dieser Tage ein vernichtendes Bild der Situation, in der sich Europa befindet. „Europa hat den Krieg gewählt“, sagt Todd. Dabei handle es sich um einen ungewöhnlichen Krieg: die europäischen Staaten führten ihn nicht selbst, sondern mithilfe der Ukraine. Die Gesellschaften würden nicht mobilisiert, die Bevölkerung müsse nicht an die Front, doch gleichzeitig lieferten die Staaten Waffen, Geld und politische Unterstützung. Die EU habe den Krieg in der Ukraine inzwischen geradezu zum identitätsstiftenden Projekt erhoben.
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Besonders Deutschland rückt Todd ins Zentrum seiner Kritik. Frankreich und Großbritannien besäßen nur begrenzte militärische und industrielle Möglichkeiten, doch die Bundesrepublik verfüge weiter über erhebliche Ressourcen. Der deutsche Kurswechsel unter der Merz-Regierung habe die strategische Lage verändert. In der Ukraine selbst sei der Krieg zum Kern der nationalen Identität geworden. Die Millionen, die das Land verlassen hätten, seien jene, die nicht mehr an einen Sieg glaubten oder ein normales Leben führen wollten. Zurück bleibe ein harter Kern, der den Krieg als Existenzfrage betrachte. „Die Ukraine existiert gegen Rußland“, erklärt Todd. Solange der Westen Waffen, Geld und Unterstützung liefere, werde der Krieg weitergehen. „Es scheint, daß Europa und die Vereinigten Staaten beschlossen haben, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen.“
Todd sieht einen fundamentalen Unterschied im Zeitverständnis: westliche Politiker dächten in Wahlzyklen, russische Entscheidungsträger in historischen Zeiträumen. Rußland, China und Iran seien langfristig orientierte Staaten, die jahrelange Konflikte aushielten. Die russische Führung setze nicht auf einen militärischen Sieg auf dem Schlachtfeld, sondern auf die absehbaren politischen und wirtschaftlichen Folgen der westlichen Politik. „Die Russen warten jetzt auf die endgültige Krise der Europäischen Union“, so Todd. Gerate Europa in schwere wirtschaftliche oder politische Turbulenzen, werde die Ukraine ihrer Unterstützung verlustig gehen, das gesamte System könne zusammenbrechen.
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Den Ukrainekrieg sieht Todd aufs engste mit dem Iran-Konflikt verknüpft. Die USA seien an zwei Fronten engagiert. Eine Eskalation an der Straße von Hormus könne erhebliche wirtschaftliche Folgen haben – steigende Energiepreise und Engpässe träfen vor allem Verbündete wie Europa, Japan, Südkorea und die Golfstaaten. Rußland und Iran könnten dies strategisch nutzen, ohne selbst eskalieren zu müssen.
Besonders brisant sind Todds Aussagen über den Westen als Aggressor. Er sieht die Vorgeschichte des Ukrainekrieges im Donbass-Konflikt und im Versuch Kiews, die abtrünnigen Regionen militärisch zurückzuerobern. Im Nahen Osten bezeichnet er die USA als Aggressor. „Die Realität ist, daß wir einen kranken, extrem gewalttätigen Westen haben, der seinen globalen Niedergang sehr schlecht verkraftet.“
Die ganze fatale Entwicklung faßt er unter dem Begriff „Nihilismus“ zusammen: Staaten träfen Entscheidungen, die ihren eigenen Interessen schaden – etwa durch den Verzicht auf günstige russische Energie, durch den Import zusätzlicher sozialer Spannungen, durch Deindustrialisierung, Entfremdung der Eliten von ihren Gesellschaften. Die europäischen Eliten handelten nicht mehr im Interesse ihrer Bevölkerung. „Es ist nie klar, ob unsere Führer den Amerikanern oder den Deutschen gehorchen. Klar ist nur, daß sie nicht den Franzosen gehorchen“, sagt Todd mit Blick auf Frankreich.
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Er betont mehrfach, daß er weder Rußland noch China oder Iran idealisiere. Er sei liberaler Demokrat. Seine größte Sorge: der Westen könne eine Eskalation provozieren, die er nicht mehr kontrolliere. Die Welt stehe am Beginn einer langen Übergangsphase – der Westen verliere seine wirtschaftliche und demografische Stärke, Rußland, China und Iran spielten auf Zeit. Todds Botschaft: der größte Gegner des Westens könnte am Ende die eigene Krise sein. (mü)
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