Berlin/Moskau/London. Fast vier Jahre nach den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines ist der Sabotageakt vom 26. September 2022 offiziell weiterhin ungeklärt. Neue technische Untersuchungen und ein aktuelles Gerichtsverfahren nähren jedoch Zweifel an der offiziösen Darstellung der Ereignisse und rücken die Frage nach den Drahtziehern erneut in den Mittelpunkt. Vor allem jüngere Recherchen des schwedischen Ingenieurs Erik Andersson werfen ein neues Licht auf die Nord Stream-Zerstörung.
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Andersson analysierte die Zerstörungen direkt vor Ort. Seine Untersuchungen der deformierten Rohrsegmente und der Druckverhältnisse liefern eine technische Erklärung für das Ausmaß der Schäden: nach der Detonation entwich das Gas mit enormer Wucht aus den Leitungen. Der Druck von bis zu 165 Bar führte zu einer Kettenreaktion, die hunderte Meter Pipeline zerstörte. Bei Nord Stream 2 blieb dagegen ein Strang weitgehend intakt, weil der Innendruck aufgrund eines ersten Lecks bereits stark abgesunken war.
Seine Ergebnisse stellte Andersson im Bundestag auf Einladung der AfD-Fraktion vor – was schon brisant genug ist, weil sich offenbar niemand sonst dort dafür interessierte. Parallel dazu läuft in London ein Verfahren zwischen der Nord Stream AG und ihren Versicherern. Der Streitwert beträgt 580 Millionen Euro. In dem Prozeß geht es nicht um die Täterfrage, sondern um die Haftung der Versicherungen. In den Prozeßunterlagen werden vier denkbare Tätergruppen genannt: russische Staatsakteure, ukrainische Staatsakteure, ukrainische nichtstaatliche Akteure und amerikanische Staatsakteure allein beziehungsweise gemeinsam mit der Ukraine.
Die „russische Spur“ verlor im Laufe der Ermittlungen bald an Gewicht. Weder deutsche noch schwedische Behörden konnten belastbare Beweise für eine Beteiligung Moskaus vorlegen. Dennoch wurde lange die These einer russischen Selbstsabotage vertreten. Als Hauptargument galt die Drosselung der Gaslieferungen im Sommer 2022. Kritiker verweisen jedoch darauf, daß die damalige Krise wesentlich mit den westlichen Sanktionen und dem Streit um eine in Kanada festgesetzte Siemens-Turbine zusammenhing.
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Hinzu kamen öffentliche Äußerungen westlicher Spitzenpolitiker. Die damalige US-Unterstaatssekretärin Victoria Nuland kündigte an, Nord Stream werde „one way or another“ gestoppt. Und US-Präsident Joe Biden erklärte bekanntlich wenige Wochen vor Kriegsbeginn in Anwesenheit des damaligen deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz unumwunden: „We will put an end to it.“
Im Mittelpunkt der deutschen Ermittlungen steht inzwischen die Segelyacht „Andromeda“. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, daß ein ukrainisches Kommando die Operation durchgeführt habe. Gegen mehrere Verdächtige bestehen europäische Haftbefehle. Nach Angaben des Bundesgerichtshofes handelte die Gruppe „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ im Auftrag des ukrainischen Staates.
Zahlreiche Beobachter halten diese Version der Geschichte jedoch nicht für überzeugend. Sie verweisen auf die technische Schwierigkeit eines Anschlags in rund 80 Metern Tiefe sowie auf Verbindungen zentraler ukrainischer Akteure zu amerikanischen Nachrichtendienstkreisen. Der Journalist Bojan Pancevski beschreibt in seinen Recherchen ein Netzwerk ukrainischer Militär- und Geheimdienstvertreter, das enge Kontakte in die USA unterhalten haben soll.
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Andersson selbst konzentriert sich weniger auf politische Spekulationen als auf überprüfbare technische Fakten. Nach seiner Auffassung müßten sich am Tatort eindeutige Spuren der offiziell angenommenen Sprengmethode nachweisen lassen. Solche Belege seien bislang nicht öffentlich präsentiert worden.
Für viele Kritiker geht der Fall ohnehin über die reine Täterfrage hinaus. Sie sehen die Sprengung im Zusammenhang mit dem seit Jahrzehnten bestehenden geopolitischen Interesse bestimmter Akteure, eine enge deutsch-russische Wirtschafts- und Energiepartnerschaft zu verhindern bzw. zu beenden. Genau deshalb sorgt Nord Stream weiterhin für politische Nervosität. Allerdings nur im Westen. Daß Moskau die eigene Gas-Pipeline gesprengt haben soll, glauben heute nur noch besonders hartnäckige Rußlandhasser. (mü)
Bild: Pixabay/gemeinfrei
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