ZUERST!-Interview zur Eskalation im Südkaukasus: „Das ist ein Angriff auf die zivilisierte Welt“

28. September 2020
ZUERST!-Interview zur Eskalation im Südkaukasus: „Das ist ein Angriff auf die zivilisierte Welt“
International
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In den frühen Morgenstunden des 27. September eskalierte der Konflikt im Südkaukasus. Aserbaidschan griff die Republik Arzach (Bergkarabach) an. Armenien und Aserbaidschan scheinen sich am Rande eines Krieges zu befinden. ZUERST! sprach darüber exklusiv mit David Babayan, dem Berater für internationale Beziehungen des Präsidenten der Republik Arzach.

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Herr Babayan, am frühen Morgen des 27. September eskalierte plötzlich der Konflikt zwischen der Republik Arzach (Bergkarabach) und Aserbaidschan. Die aserbaidschanischen Streitkräfte attackierten Stepanakert, die Hauptstadt von Arzach, mit Raketen. Außerdem hat die aserbaidschanische Armee die Grenze zu Arzach überschritten und angegriffen. Der Konflikt besteht bereits seit Jahrzehnten, warum kommt diese Eskalation gerade jetzt?

Babayan: Der Zeitpunkt war sehr günstig für Aserbaidschan. Dort wurde gerade ein türkisch-aserbaidschanisches Manöver abgehalten, es befinden sich also türkische Streitkräfte im Land. Die Türkei ist der wichtigste Verbündete Aserbaidschans. Durch diese strategisch günstige Lage war es wohl die Türkei, die Aserbaidschan dazu drängte, diesen terroristischen Angriff auf die Republik Arzach durchzuführen. Aber es ist nicht nur ein Angriff auf Arzach und Armenien, es ist ein Angriff auf die zivilisierte Welt.

Wie meinen Sie das?

Babayan: Bereits im Vorfeld hat die Türkei hunderte von Söldnern und islamistischen Terroristen aus Syrien und dem Irak nach Aserbaidschan eingeflogen. Diese Leute kämpfen jetzt gegen Arzach. Das ist übrigens nicht überraschend. Die Türkei operiert in vielen Konflikten mit Söldnern und Terroristen. Bereits im Bergkarabachkrieg (1992-1994) haben viele terroristische Freischärlergruppen auf der Seite Aserbaidschans gekämpft, darunter beispielsweise auch die türkischen „Grauen Wölfe“. Wir kennen heute deren Namen und wissen, welche Terrororganisationen Baku im Kampf gegen uns unterstützen. Aber auch türkische Militärberater waren und sind beteiligt.

Aber war nicht gerade vor kurzem auch das russisch-armenische Militärmanöver „Kaukasus 2020“ in Armenien? Vor so einem Hintergrund ist eine Aggression seitens der Türkei und Aserbaidschans doch hochriskant?

Babayan: Das ist richtig. Daher muß man diesen Angriff auch als Provokation gegen Rußland werten, das auch ein Teil der zivilisierten Welt ist. Wir müssen uns darüber klar sein: Wenn Arzach von Aserbaidschan zerstört werden würde, wäre auch Armenien am Ende. Die ganze Region würde sich in ein terroristisches Emirat verwandeln. Das wäre die logische Folge. Kein zivilisiertes Land dieser Welt kann ein Interesse daran haben. Diese Region ist strategisch wichtig.

In Armenien kam es vor zwei Jahren zu einem Machtwechsel. Hat sich mit dem neuen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan die Haltung Armeniens zur Republik Arzach geändert?

Babayan: Alle Regierungen in Armenien, wer sie auch immer gerade stellt, haben ein besonderes Verhältnis zu Arzach. Es geht dabei nicht nur um das politische Verhältnis zwischen Jerewan und Stepanakert. Arzach ist nicht nur irgendein Land, es ist eine Idee. Und diese Idee ist die Grundlage für die Staatlichkeit ganz Armeniens. Arzach ist auch der Kern unserer nationalen Identität. Dieses Land steht symbolisch für die Tatsache, daß wir Armenier einen übermächtigen Feind – Aserbaidschan – immer wieder besiegen konnten. Wegen Arzach konnte sich auch unser nationales Selbstbewußtsein wieder erholen.

Inwiefern?

Babayan: Jahrzehntelang lebte das armenische Volk mit einer Art Minderwertigkeitskomplex. Nach dem türkischen Völkermord und der Zeit der Unselbständigkeit und Abhängigkeit litt das armenische Selbstverständnis. Aber es war der Sieg in Arzach in den 1990er Jahren, der uns den Weg ebnete, diesen Minderwertigkeitskomplex abzuschütteln. Daher ist dieses Land existenziell wichtig für uns. Mit einem Minderwertigkeitskomplex würden wir in dieser Region nicht überleben können. Deshalb ist Arzach nicht nur irgendein Land für uns, sondern eine große nationale Idee. Und jede Regierung in Jerewan kann nur dieser Logik folgen.

Herr Babayan, Armeniens Ministerpräsident Paschinjan hat ein gutes Verhältnis zum französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Was glauben Sie: Will die armenische Regierung, daß sich die EU mehr in der Region engagiert?

Babayan: Wir sind uns sehr bewußt darüber, wie sehr sich die EU bemüht, neutral in diesem Konflikt zu bleiben. Natürlich würden wir uns da mehr Eindeutigkeit wünschen. Es kommen zwar Erklärungen und Verlautbarungen, aber es werden keine echten politischen Schritte unternommen. Man sieht daran aber auch das Dilemma, in dem viele europäische Länder und EU-Strukturen offensichtlich stecken. Es gibt einen Konflikt zwischen den Idealen und den Interessen. Zwar redet man dort gerne über die Ideale der Demokratie und der Menschenrechte, aber am Ende geht es dann leider oft doch um die ökonomischen Interessen und Vorteile. Durch einen eindeutigen Standpunkt könnte aber Europa zu Frieden und Stabilität in der Region beitragen.

Herr Babayan, vielen Dank für das Gespräch.

Bildquelle: ZUERST!-Archiv

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3 Comments

  1. Pingback: Endzeit-Umschau – September 2020 – Deutsches Herz

  2. Spionageabwehr schreibt:

    Das Ziel scheint Destablisierung der Region zu sein

    Man weiß nicht ob es nur von der Türkei ausgeht,
    die auf Beute aus ist.
    Oder ob auch Washington dahintersteht.

    Der Hauptkonflikt China x USA ist hiervon nicht betroffen.

    • Scripted Reality schreibt:

      Es kommt der USA bestimmt gelegen, wenn Rußland jetzt in Armenien,Weißrußland und mit NATO-Manövern im Baltikum dort immer mehr Konfliktpunkte schafft.

      Der Kaukasus ist ebenfalls eine Problemzone und bei den zentralasiatischen Republiken wie Usbekistan,Turkmenistan,Kasachstan etc. hat man ebenfalls eine zu guteb Demografie und aufstrebenden religiösen Fundamentalismus.

      Gege Rußland läuft ein „Lauwarmer Krieg“, speziell seit Snowden dort Asyl gefunden hat.

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