Konfrontation mit US-Kapital: Putin setzt Ratingagenturen vor die Tür

19. März 2016
Konfrontation mit US-Kapital: Putin setzt Ratingagenturen vor die Tür
Wirtschaft
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Moskau. Ratingagenturen sind die heimlichen Könige des internationalen Aktien- und Börsengeschäfts. Durch ihre Bewertungen, die sich die Börsen zueigen machen, können sie ganze Konzerne und Volkswirtschaften zugrunderichten – oder umgekehrt aus wertlosem Ramsch im sprichwörtlichen Sinne Gold machen.

Weil auch die großen Ratingagenturen nicht im luftleeren Raum agieren, sondern in der Regel auf Seiten des US-amerikanischen Großkapitals stehen, hat Rußland derzeit oft das Nachsehen – die Agenturen reden die russische Volkswirtschaft an den Börsen schlecht und bewerten russische Unternehmen „politisch“, d.h. unter Wert.

Jetzt verliert der Kreml die Geduld. Wie das Nachrichtenportal „Finanzmarktwelt“ (FMW) mitteilt, hat der russische Präsident Putin die großen amerikanischen Ratingagenturen jetzt vor die Tür gesetzt und stattdessen eine eigene russische Agentur gründen lassen.

Wörtlich berichtet „Finanzmarktwelt“: „Was macht man, wenn man Wladimir Putin heißt und genervt ist von den Abstufungen amerikanischer Ratingagenturen, die Rußland auf ´Junk´ gesetzt haben? Man schmeißt sie einfach raus! Erster Schritt: man ändert die Regeln. Zweiter Schritt: man gründet eine eigene Ratingagentur – unter dem Namen ACRA (Analytical Credit Rating Agency).“

Die Wahrheit ist: die russische Notenbank hatte zuvor die Gründung einer eigenen Ratingagentur verkündet, die unabhängig von „geopolitischen Risiken“ sein werde. Laut „Finanzmarktwelt“ bedeutet das, daß die neue Agentur ins Leben gerufen wurde, um russischen statt US-amerikanischen Interessen zu folgen. Denn die bekannten US-Agenturen hätten mit ihren „politischen“ Bewertungen Rußlands der westlichen Sanktionspolitik in die Hände gespielt. „Also änderte Moskau die Spielregeln: Die US-Ratingagenturen wurden verpflichtet, eine offizielle Genehmigung für den Fortbetrieb ihrer Ratingagenturen in Rußland einzuholen. Moody´s und Fitch lehnten das ab – und wollen sich nun aus Rußland zurückziehen.“, heißt es bei FMW.

Aus russischer Sicht sei nur eine unabhängige Agentur wie die ACRA in der Lage, objektive und von politischen Interessen freie Bewertungen über russische Banken abzugeben. „Putin will zeigen, daß er nicht mehr bereit ist, die Dominanz der amerikanischen Ratingagenturen zu akzeptieren.“, resümiert FMW.

Daß die Gründung der russischen ACRA womöglich eher symbolische Bedeutung hat, darüber macht man sich auch in Moskau keine Illusionen. Direktor Alexei Wentschakow räumte gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Novosti ein, daß der Rückzug der drei US-Ratingagenturen vom russischen Markt keine ernsthaften Folgen für die Wirtschaft und das Finanzsystem nach sich ziehen werde. „Internationale Ratings werden sie auch weiter vergeben“, so Wentschakow. (mü)

6 Kommentare

  1. Frank Bullenreiter sagt:

    Der beste Mann auf Erden!

  2. Der Rechner sagt:

    Im Grunde genommen ist dieser ganze Rating-Quark sowieso Unsinn.

    Denn er führt zu einheitlichem Verhalten von Kreditgebern (i.e. Banken), das letztlich krisenverstärkend wirkt.

    Bloß damit jede Dorfsparkasse in Papierchen investieren kann von denen sie nicht die Bohne versteht wird die Stabilität des internationalen Finanzsystems permanent auf’s Spiel gesetzt.

    Kreditwürdigkeitsbewertung gehört zu den Kernkompetenzen von Kreditinstituten. Diese auszusourcen an Vereinigungen die letztlich das Risiko der Kreditvergabe nicht tragen ist Unsinn.

    Basel I-II-III müssen weg!

    Die Regulierung der Finanzinstitute muß renationalisiert werden.

    Denn ein heterogenes System ist stets stabiler als ein homogenes.

    Lieber öfter viele kleine Krisen als ab und zu eine richtig große, die alle Staaten in den Abgrund reißen kann. Viele Bankenrettungen können wir uns nicht mehr leisten.

  3. Der Rechner sagt:

    Laut „Finanzmarktwelt“ bedeutet das, daß die neue Agentur ins Leben gerufen wurde, um russischen statt US-amerikanischen Interessen zu folgen.

    Genau das war zu befürchten.

    Eine Kreditwürdigkeitsbewertung die russischen Interessen folgt ist natürlich genausowenig glaubwürdig wie eine die US-Interessen folgt.

    Sachdienlich wäre eine interessenunabhängige Kreditwürdigkeitsbewertung.

  4. Der Rechner sagt:

    Wer hat synthetische US-Ramschpapiere mit AAA bewertet?

    Die US-Ratingsagenturen.

    Wer hat griechische Staatsanleihen noch 2010 als „investment grade“ bewertet?

    Die US-Ratingsagenturen.

    Wer hat portugiesische und spanische Staatsanleihen trotz erheblicher Sparanstrengungen dieser Staaten 2011 und 2012 brutal abgewertet?

    Die US-Ratingsagenturen.

    Daß Rußland diesen kriminellen Vereinigungen den Stuhl vor die Tür setzt ist mehr als überfällig.

    Daß diese kriminellen Vereinigungen in Deutschland noch immer nicht verboten und strafrechtlich verfolgt werden ist ein Skandal ersten Grades.

    Daß die „Bewertungen“ dieser kriminellen Vereinigungen durch europäisches Recht Entscheidungsgrundlage für die Annahme von Pfändern der EZB sind ist ein Skandal ersten Grades.

    Die Systempolitik hat aus der Finanzkrise I („Subprime“) ebensowenig gelernt wie aus der Finanzkrise II (europäische Staatsschuldenkrise).

    Und das ist eklatant.

    Sind die so dumm, oder hat die CIA diese Politiker so fest im Griff?

    • Der Rechner sagt:

      Ebenso skandalös ist die Risiko-Bewertung von Pfändern im Besitz von Banken aufgrund von Bewertungen durch US-Ratingagenturen gemäß der Basel-III Regularien.

      US-Ratingagenturen können so die Kreditausfallbewertung europäischer Banken nach belieben hoch- oder runtersetzen, je nachdem wie US-Hedgefonds und US-Banken am Markt für credit default swaps engagiert sind.

  5. ars77 sagt:

    Europa, und vor allem Deutschland braucht es auch. Deutsche Industrie ist sehr konkurenzfähig, noch

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