Macher mit Macken – Mit 96 Jahren starb Altkanzler Helmut Schmidt in Hamburg

6. Dezember 2015
Macher mit Macken – Mit 96 Jahren starb Altkanzler Helmut Schmidt in Hamburg
National
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Foto: Symbolbild

Seinen 97. Geburtstag erlebte er nicht mehr: Am 10. November starb Altkanzler Helmut Schmidt in seiner Heimatstadt Hamburg. Noch im September hatte er sich im Krankenhaus ein Blutgerinnsel aus dem Oberschenkel entfernen lassen, danach kehrte er in sein Haus im Stadtteil Langenhorn zurück, in dem er rund um die Uhr betreut wurde. In der Klinik hatte der starke Raucher sogar auf seine geliebten Menthol-Zigaretten verzichtet, von denen er aus Angst vor einem Verbot angeblich 200 Stangen auf Vorrat gebunkert hatte. In den Tagen vor seinem Tod hatte sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert.

Schmidt galt als Macher, als Krisenmanager, als einer, der anpackt. Noch 2013 kürten ihn in einer Stern-Umfrage die Deutschen zum beliebtesten aller Kanzler – noch vor Konrad Adenauer. Zeit seines Lebens hatte es der Hanseat nie so mit den Theoretikern. Sein Ausspruch „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ ist heute noch ein geflügeltes Wort. Geprägt durch Kriegseinsätze als Offizier an Ost- und Westfront sowie eine kurze britische Kriegsgefangenschaft, waren ihm Werte wie Pflichterfüllung und Disziplin in Fleisch und Blut über gegangen. Schon 1946 wurde er SPD-Mitglied, studierte in Hamburg Staatswissenschaften und Volkswirtschaft und schloß 1949 mit dem Diplom- Volkswirt ab.

Seine Qualitäten konnte er während der großen Sturmflut vom Februar 1962 unter Beweis stellen. Als Hamburger Innensenator ließ er seine Kontakte zu Bundeswehr und NATO spielen, um mit deren Hilfe möglichst viele Menschen aus verzweifelter Situation zu retten. Dies trug ihm hohes Ansehen ein. Während der Großen Koalition stand Schmidt zwischen 1967 und 1969 an der Spitze der SPD-Bundestagsfraktion. Nach dem Wahlsieg von Willy Brandt 1969 avancierte er in dessen Kabinett zunächst zum Verteidigungsminister und dann zum „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen. Schließlich beerbte Helmut Schmidt den zunehmend antriebsschwachen Brandt 1974 als Bundeskanzler.

In seiner Amtszeit bis 1982 hatte der fünfte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland eine Reihe gravierender Herausforderungen zu meistern: Ölkrise und Wirtschaftsrezession, den „Deutschen Herbst“ mit dem linken RAF-Terror, das beschleunigte Wettrüsten der Supermächte. Nach seinem Sturz stellte er sich selbst das Zeugnis aus: „Alles in allem haben wir es nicht so schlecht gemacht.“ Das sahen viele Bundesbürger auch so, manch Konservativer wähnte ihn gar in der falschen Partei. Auf der anderen Seite brachte ihm etwa das Durchpeitschen des NATO-Doppelbeschlusses zur Stationierung von US-Mittelstreckenraketen auch heftige Kritik ein.

Ohnehin fällt die Bilanz seiner aktiven Zeit zwiespältig aus. Schmidt war schon immer ein glühender Transatlantiker, trat bereits 1952 der US-Einflußorganisation Atlantik-Brücke bei und war gerngesehener Gast auf den Konferenzen der „Bilderberger“. Gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing entwickelte Schmidt das europäische Währungssystem, das 1979 eingeführt wurde – als Vorläufer des Euro. Bis zuletzt beharrte er darauf, daß die sogenannte „europäische Integration“ und damit der Souveränitätsverzicht zu den wichtigsten deutschen Interessen gehöre.

In den letzten dreiunddreißig Jahren kostete Schmidt die Rolle des „elder statesman“ aus – als Mitherausgeber der Zeit, vielfacher Buchautor, Interview- Partner und Talkshow-Gast. Dabei schlüpfte dem großen Welterklärer auch so mancher Satz heraus, der den politisch Korrekten sauer aufstieß. Noch in der letzten Phase seiner Kanzlerschaft hatte Schmidt Ende 1981 erklärt: „Die Bundesrepublik soll und will kein Einwanderungsland werden.“ Multikulti sah er als eine „Illusion von Intellektuellen“ und mit einer Demokratie nur schwer vereinbar. „Insofern war es ein Fehler, daß wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten“, sagte er 2004 dem Hamburger Abendblatt. (Dorian Rehwaldt)

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Ein Kommentar

  1. Deutsches Reich sagt:

    Sollen das Neuigkeiten sein?

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