„Ohne Kenntnis der Geschichte bleibt die Gegenwart unbegreifbar“ – Zum Tode Helmut Schmidts

10. November 2015
„Ohne Kenntnis der Geschichte bleibt die Gegenwart unbegreifbar“ – Zum Tode Helmut Schmidts
Kultur & Gesellschaft
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Hamburg. Im Alter von 96 Jahren ist Altkanzler Helmut Schmidt am heutigen Dienstag verstorben. Er prägte die Politik der Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte hinweg und galt noch im hohen Alter als streitbarer Diskutant, dem die Wahrheitsliebe und klare Worte stets wichtiger waren, als sich dem politischen „Mainstream“ unterzuordnen.

Der 1918 in Hamburg geborene Schmidt wollte eigentlich Architekt und Städteplaner werden, doch nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Oberleutnant der Wehrmacht bis zu seiner Gefangennahme im April 1945 diente, ließ er sein gestalterisches Talent in die Politik einfließen. Angetreten, um Politik als aktives Steuern und Lenken zu betreiben, fiel sein Tatendurst in der Aufbauphase der unmittelbaren Nachkriegszeit auf fruchtbaren Boden. Der SPD-Politiker erlebte seinen ersten kommunal- und landespolitischen Höhepunkt, als er sich in seiner Funktion als Hamburger Innensenator als Mann der Tat bewies: während der Flutkatastrophe im Februar 1962 zögerte er keinen Moment, die Bundeswehr zum Einsatz zu beordern; freilich ohne rechtliche Grundlage. Der anpackende Charakter sollte sein Markenzeichen bleiben.

Auch als Bundeskanzler mußte der Hanseat in Ausnahmesituationen kühlen Kopf bewahren. Als fünfzehn Jahre später arabische Links-Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführen, befiehlt Schmidt für den 18. Oktober 1977 die Befreiung der 86 Geiseln: die Bundesgrenzschutz-Sondereinheit „GSG 9“ stürmt die Maschine auf dem somalischen Flughafen Mogadischu – die „Operation Feuerzauber“ glückt. Helmut Schmidts Ruf als „Krisenkanzler“ war begründet.

In der Hochphase des Kalten Krieges war es der SPD-Kanzler Schmidt, der gegen die Parteilinke, die aufkommende Friedensbewegung und den linksextremen Terror eine Linie des realpolitisch Machbaren durchsetzen mußte. Mit dem NATO-Doppelbeschluß, der aus seiner Sicht die Sowjetunion zur Abrüstung ihrer Mittelstreckenraketen zwingen sollte, gelang Schmidt zwar die Durchsetzung seiner Position. Doch mittelfristig war dies der Anfang vom parteipolitischen Ende seiner Kanzlerschaft. Als ihm am 1. Oktober 1982 der Bundestag in einem Mißtrauensvotum das Vertrauen entzog, war dies ein harter Schlag.

Doch Schmidt widmete sich fortan publizistischen Projekten, insbesondere als „Zeit“-Herausgeber sollten es europa- und weltwirtschaftspolitische Themen sein, die in den kommenden 30 Jahren zum Steckenpferd des diplomierten Volkswirts wurden. In den letzten Jahren seines erfüllten Lebens fand der Hamburger Ehrenbürger aber auch zunehmend kritische Worte zur bundesdeutschen Einwanderungs- und Ausländerpolitik. „Wir müssen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturen unterbinden“, so eine viel zitierte Äußerung des Altkanzlers, der die multikulturelle Gesellschaft als „eine Illusion von Intellektuellen“ angriff. Für diese und andere nonkonforme Verlautbarungen stand Schmidt immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik – ohne, daß es ihn je angeficht hätte.

Ob als Verteidigungs-, Wirtschafts- oder Finanzminister, ob als Innensenator oder Bundeskanzler, ob als Zeitungsherausgeber oder Kolumnist: Schmidt polarisierte zeitlebens und gehörte zu den wenigen Charakterköpfen der bundesrepublikanischen Politik. Sein Ausspruch, „Ohne Kenntnis der Geschichte bleibt die Gegenwart unbegreifbar“, war Leitbild seines Schaffens. Ein Credo, das der heutigen Staatsführung ferner nicht sein könnte. (sp)

 

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6 Comments

  1. Eidgenosse schreibt:

    Ich glaube es ist schwierig Helmut Schmidt korrekt einzuordnen. Da war der „offizielle Politiker“ mit seinen Visionen in einer SPD Umgebung, die ihn schlussendlich absetzte. Auf der anderen Seite scheute er sich nicht vor „Clubs“, die heute noch weltweit grossen Einfluss ausüben. Gehörte er also zu den „falschen Fufzigern“? Wahrscheinlich nicht – er wollte vermutlich die geeigneten Mittel einsetzen um das Beste für sein Land zu erreichen. Auch das kann man aber nur vermuten und viele kritische Äusserungen zu den gegenwärtig Herrschenden unterstreichen diese These. Sowohl der Untergang der Sowjetunion als auch die Vereinigung von BRD und DDR waren eine Folge der Politik von Helmut Schmidt. Insofern war er tatsächlich der einzige „Deutsche“ Kanzler der Nachkriegszeit.

  2. vratko schreibt:

    Ein Großer ist von uns gegangen, seine Worte und Taten verdienen Respekt.
    Die Politik wäre gut darin gefahren, seinen klaren und deutlichen Worten Gehör zu schenken und danach zu handeln um unser Land vor Schaden zu bewahren. Eine über nahezu alles erhabene, mahnende Stimme ist verstummt, wer ist in der Lage, in die Spuren Helmut Schmidt’s zu treten und sein Werk weiter voran zu bringen?

  3. olli schreibt:

    Er war nach dem Krieg für die USA notwendig, um Millionen Nationalkonservative in die SPD einzubinden. Das ist ihm gut gelungen. Und er machte gerne weiter für die USA in der Atlantikbrücke.

    Auf CDU-CSU Seite war das die Aufgabe von FJS und so Herren wie Dregger und Jäger (die ich nie mochte nebenbei).

    • Diofan schreibt:

      Genau olli,Er war auch bei den Bilderbergern und genau so ein Allierter Kanzler wie alle anderen Bundeskanzler.Auch hatte er Kontakte bis kurz vor seinen Tot zu Henry Kissinger.Ich denke,daß sagt alles.Nur leider wissen es immer noch zu wenige deutsche,was hier gespielt wird.

  4. Herrmann schreibt:

    Er war der fähigste und intelligenteste Kanzler –bis heute ! Ein echter Verlust für Deutschland.

  5. Der Rechner schreibt:

    Als „Schmidt-Schnauze“ gab er in jungen Jahren im Bundestag linken wie rechten Gegnern Saures.

    Die politische Kultur der BRD ist durch sein Ableben ärmer geworden.

    Noch ärmer.

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