Tirana. Im Windschatten anderer geopolitischer Großkonflikte finden die seit Wochen anhaltenden Massenproteste in Albanien in den Mainstream-Medien meist nur am Rande Beachtung. Sie haben aber durchaus das Zeug zu einem weiteren Konflikt mit internationalen Auswirkungen – einer der Hauptbeteiligten ist schließlich Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump.
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Die Proteste entzünden sich an einem milliardenschweren Tourismusprojekt, das von Kushner maßgeblich vorangetrieben wird. Tausende Menschen demonstrieren dagegen – inzwischen aber nicht mehr nur gegen das konkrete Projekt im Gebiet Zvërnec, sondern gegen Korruption und mangelnde Transparenz auf Seiten der Regierung.
Unter Parolen wie „Albanien ist nicht zu verkaufen“, „Rama, tritt zurück“ und „Zvërnec gehört uns“ versammeln sich täglich Menschen in zahlreichen Städten des Landes sowie in albanischen Gemeinden in Griechenland, Deutschland und Großbritannien. Zusätzlichen Auftrieb erhielt die Bewegung nach der Veröffentlichung eines Videos, das zeigt, wie ein Demonstrant von einem Sicherheitsmitarbeiter auf dem Baugelände angegriffen wird. Seitdem gewinnt die sogenannte „Revolution der Flamingos“ weiteren Zulauf.
Ihren Namen verdankt die Bewegung den Flamingos in der Lagune von Narta, einem der artenreichsten Feuchtgebiete des Mittelmeerraums. Naturschützer warnen vor irreversiblen Schäden. Joni Vorpsi von der Organisation PPNEA spricht von einem „Massaker“ an der Natur und kritisiert: „Wir sind gegen eine solche Investition, weil sie zerstörerisch ist. Seit über einem Monat fahren die Maschinen ohne Umweltgenehmigungen dort hin und schädigen den natürlichen Lebensraum. Welchen Wert hat ein Schutzgebiet, wenn es von den Behörden nicht geschützt wird?“ Zugleich verweist er darauf, daß auf den Baustellenschildern weder eine Baugenehmigung noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung ausgewiesen seien.
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Neben dem 1,6 Milliarden Dollar teuren Resort bei Zvërnec ist auf der Insel Sazan ein weiteres Großprojekt im Umfang von rund 1,4 Milliarden Dollar vorgesehen – dieses taucht in der Medienberichterstattung allerdings so gut wie gar nicht auf. Auch hier ist Kushner involviert.
Sazan war im Kalten Krieg eine der am stärksten befestigten Militärinseln des Mittelmeerraums. Mehr als 3.000 Soldaten waren dort stationiert. Die Insel verfügte über rund 3.600 Betonbunker, mehr als 16 Kilometer unterirdische Tunnel, ein geschütztes Kommandozentrum, moderne Küstenartillerie, Flugabwehrraketensysteme, Radaranlagen sowie einen Marinehafen für Patrouillen- und Torpedoboote. Auch die benachbarte Halbinsel Zvërnec war durch Küstenbefestigungen und Feuerleitstellungen militärisch gesichert.
An der hochsensiblen strategischen Konstellation hat sich nichts geändert. Vielmehr kontrolliert Sazan den Zugang zur Tiefwasserbucht von Vlora, dem wichtigsten Naturhafen Albaniens für größere Kriegsschiffe. Bis zur italienischen Küste an der Straße von Otranto sind es lediglich etwa 75 Kilometer – vergleichbar mit der Straße von Hormus (39 km) und der Meerenge Bab al-Mandab (32 km). Diese Meerenge bildet die einzige Verbindung zwischen Adria und Mittelmeer und besitzt damit erhebliche Bedeutung für Handel, Energieversorgung und militärische Seeverbindungen. In ihrem Einzugsbereich liegen zahlreiche Öl-, LNG- und LPG-Häfen, darunter Triest und Venedig. Außerdem gibt es Pläne für eine Erdgasanbindung Europas vom israelischen Leviathan-Gasfeld aus über Griechenland bis nach Italien, deren Trasse in unmittelbarer Nähe des Projektgebietes verlaufen könnte.
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Beobachter vermuten vor diesem Hintergrund, das Bauvorhaben diene nur vordergründig touristischen Interessen und habe vielmehr langfristig auch das strategische Interesse an einem maritimen Nadelöhr im Blick. Die Regierung in Tirana weist unterdessen sämtliche Vorwürfe zurück und hält an beiden Projekten fest. (mü)
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