Berlin. Unter der Merz-Regierung befindet sich Deutschland in einer regelrechten Aufrüstungs-Hysterie. Gleichzeitig verfügt die Bundesrepublik derzeit über keinen einzigen (in Zahlen: 0) öffentlichen Schutzraum, der im Ernstfall sofort einsatzbereit wäre. Käme es zu einem Luftalarm wie jüngst des öfteren in den baltischen Staaten, stünde der Bevölkerung nur ein verschwindend kleiner Teil alter Bunkeranlagen offen. Obwohl das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe seit 2024 an einem neuen Schutzraumkonzept arbeitet, gibt es bislang offenbar keinerlei Fortschritte.
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Der Berliner Verein „Berliner Unterwelten“ will deshalb nicht länger auf politische Entscheidungen warten. Nach den Plänen des Vereins sollen noch in diesem Jahr zwei historische Bunkeranlagen wieder als Schutzräume dienen. Vereinsvertreter Kay Heyne erklärt: „Was wir nämlich vorschlagen, ist, diese sehr gut erhaltene Anlage wieder dem Zivilschutz zur Verfügung zu stellen.“ Nach überschaubaren Umbauten könnten dort bis zu 900 Menschen für mehrere Stunden Schutz finden. Klappstühle und hunderte Wasserkanister wurden bereits eingelagert. Für längere Aufenthalte müßte allerdings die aus den achtziger Jahren stammende Lüftungsanlage ersetzt werden. „Man müßte tatsächlich an einigen technischen Einrichtungen noch mal rangehen“, sagt Heyne. Bislang fehlten dafür die finanziellen Mittel.
Der Bund kündigte inzwischen einen „Zivilschutzpakt“ mit Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Euro bis 2029 an. Innenminister Alexander Dobrindt verweist auf ein verändertes Bedrohungsbild. „Heute stehen wir einer ganz anderen Bedrohung gegenüber“, sagte er. Wegen deutlich kürzerer Vorwarnzeiten müßten Schutzräume schnell erreichbar sein. Das BBK will deshalb in Kürze geeignete Gebäude erfassen. Neben bestehenden Bunkern kommen Tiefgaragen, Tunnel, Keller, Wohnhäuser und Arbeitsstätten als dezentrale Zufluchtsorte in Betracht.
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Nils Brennecke vom Deutschen Bunkermuseum in Schweinfurt hält diese Pläne für unzureichend. „Ein Keller ist unzureichend, die Wände sind 30 Zentimeter stark“, erklärt er. Die Nutzung gewöhnlicher Keller sei „nur Volksberuhigung“. Zwar könnten erhaltene Bunker gegen Splitter, Brände und zeitweilige Gaseinwirkung Schutz bieten, einem direkten Treffer moderner Waffen halte jedoch kein Bauwerk stand. Auch die verbliebenen Anlagen müßten zunächst technisch instandgesetzt werden.
Nach Angaben des BBK existieren von einst rund 2.000 öffentlichen Schutzräumen aus der Zeit des Kalten Krieges nur noch knapp 580. Viele wurden nach dem politischen Beschluß von 2007 aufgegeben oder umgenutzt. Brennecke hält das für einen schweren Fehler: „Es war töricht, es war leichtfertig.“ Er fordert, die verbliebenen Bunker wieder dem Zivilschutz zuzuführen. Andere Staaten wie Finnland, Luxemburg oder die Niederlande seien Deutschland weit voraus und bereiteten ihre Bevölkerung mit regelmäßigen Übungen auf Krisenfälle vor. (st)
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