Paris/Düsseldorf. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine setzt die EU auf milliardenschwere Aufrüstung und Militarisierung. Als Feindbild muß Rußland herhalten. Doch ein Blick auf die Pariser Rüstungsmesse „Eurosatory“, die jüngst wieder ihre Pforten zur jährlichen Leistungsschau öffnete, offenbart ein Grundproblem der europäischen Verteidigungspolitik, das frappant an ähnliche Probleme der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg erinnert: zwar beschwören die europäischen Regierungen seit Jahren eine gemeinsame Sicherheits- und Rüstungspolitik. Doch auf dem wichtigsten Branchentreffen des Kontinents zeigte sich das Gegenteil: statt eines einheitlichen Kampfpanzers für die nächsten Jahrzehnte sind immer mehr nationale Sonderentwicklungen zu sehen. Im militärischen Ernstfall könnte das für die NATO zu einem erheblichen logistischen Problem werden.
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Praktisch jeder große Hersteller präsentiert inzwischen eigene Panzerentwürfe. KNDS zeigt den „Leopard“ 2 A-RC 3.0 mit unbemanntem Turm, automatischem Ladesystem sowie Radar- und Drohnenabwehr. Parallel dazu wirbt das Unternehmen mit dem „Capint“ als möglichem Nachfolger des französischen „Leclerc“. Rheinmetall wiederum setzt auf den „Panther“ KF51 mit 130-Millimeter-Kanone und eigener Flugabwehr. Hinzu kommen das – inzwischen geplatzte – deutsch-französische MGCS, das EU-Projekt MARTE, weitere „Leopard“-Weiterentwicklungen sowie nationale Sonderwege wie Polens K2-Variante auf südkoreanischer Grundlage.
Die Folge ist ein immer unübersichtlicherer Flickenteppich an Typen, Konzepten und Entwürfen. Jeder neue Panzer bringt eigene Software, Sensoren, Feuerleitsysteme, Ersatzteile und Ausbildungsanforderungen mit. Hinzu kommen unterschiedliche Kaliber und Munitionsarten. Im Bündnisfall müßten Streitkräfte deshalb eine kaum noch überschaubare Palette an verschiedenen Ersatzteilen, Werkzeugen und Versorgungsketten vorhalten. Die seit Jahren propagierte Interoperabilität wird so zur Farce. Aus logistischer Sicht droht im Ernstfall ein Szenario, in dem mehrere Armeen zwar gemeinsam kämpfen sollen, aber technisch immer weniger kompatibel sind.
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Dabei hat der Ukraine-Krieg keineswegs das Ende des Kampfpanzers eingeläutet, von dem viele überzeugt sind. Nach einer Studie des französischen Instituts IFRI gingen seit Februar 2022 zwar auf beiden Seiten zusammen mehr als 5.000 Kampfpanzer verloren. Analyst Léo Péria-Peigné kommt dennoch zu dem Schluß, daß Panzer weiterhin unverzichtbar bleiben. „Drohnen sind nur selten die alleinige Ursache eines Verlustes“, schreibt er. Häufig würden beschädigte Fahrzeuge erst nach Treffern durch Minen, Artillerie oder Panzerabwehrwaffen von Drohnen endgültig zerstört. Viele könnten sogar instandgesetzt und erneut eingesetzt werden.
Die Industrie reagiert darauf mit immer aufwendigeren Konzepten. Moderne Kampfpanzer sollen künftig über aktive Schutzsysteme, eigene Drohnenabwehr und leistungsfähige Sensorik verfügen. Damit steigen jedoch die Entwicklungskosten weiter an, und die technischen Unterschiede werden immer noch größer.
Besonders vertrackt stellt sich die Lage bei den europäischen Gemeinschaftsprojekten dar. MGCS sollte erst Mitte der 2040er Jahre einsatzbereit sein, nun wird mit MARTE bereits ein weiteres EU-Programm für einen Standardpanzer ausgerollt. Parallel dazu drängt Rheinmetall mit dem „Panther“ auf den Exportmarkt und hofft unter anderem auf Aufträge aus Italien, Ungarn, Rumänien und der Ukraine.
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Die „Eurosatory 2026“ dokumentierte damit nichts weniger als den Weg zu einer gemeinsamen europäischen Panzerflotte. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnte die NATO – oder was dann noch von ihr übrig ist – in den 2030er-Jahren über sechs oder sieben verschiedene Panzerplattformen verfügen – mit inkompatiblen Ersatzteilen, unterschiedlichen Munitionssorten und Softwaresystemen, die nicht miteinander kooperieren. Für jede Armee würde das höhere Kosten bedeuten, für die Logistik im Ernstfall einen kaum zu leistenden Kraftakt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. (he)
Foto: Rheinmetall
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