Unproduktive Scharfmacher: Washington mahnt Europäer zur Zurückhaltung gegenüber Rußland
Washington/Brüssel. Ein beispielloser Vorgang: der aggressive Eskalationskurs der Europäer Rußland gegenüber geht nun sogar den USA zu weit. Das Pentagon hat deshalb mehrere europäische NATO-Partner aufgefordert, ihre öffentlichen Warnungen vor Rußland zu mäßigen. Bei vertraulichen Gesprächen hätten amerikanische Vertreter erklärt, scharfe Äußerungen europäischer Politiker könnten die Sicherheit des Kontinents gefährden. Das berichtet Reuters unter Berufung auf vier mit den Gesprächen vertraute Personen, darunter drei europäische Regierungsvertreter.
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Adressaten der US-Rüge waren demnach Estland, Lettland und Litauen. Eine zentrale Rolle spielte offenbar Elbridge Colby, Staatssekretär für Verteidigungspolitik und einflußreicher Sicherheitspolitiker der Trump-Regierung. Er soll einem baltischen Vertreter nahegelegt haben, weitere „Sticheleien“ gegen Moskau zu unterlassen. Als Beispiel seien Äußerungen angeführt worden, Rußland sei wie eine Ratte in die Enge getrieben worden. Estlands Ministerpräsident Kristen Michal hatte Kremlchef Putin Ende September als „Ratte in der Ecke“ bezeichnet.
Ein europäischer Gesprächsteilnehmer faßte die amerikanische Botschaft gegenüber Reuters sinngemäß so zusammen: Washington stehe weiterhin zu seinen Verbündeten, erwarte aber, daß diese öffentlich weniger Wirbel verursachten Die Gespräche seien höflich verlaufen, hätten bei einigen europäischen Vertretern jedoch Verwunderung ausgelöst. Das Pentagon wollte die Berichte weder bestätigen noch dementieren.
Die amerikanische Kritik betrifft freilich auch Deutschland. Verteidigungsminister Boris Pistorius unterstellte erst am 23. September im Bundestag: „Die Bedrohung wird konkreter. Sie ist ernst, sie ist akut, und sie wird immer sichtbarer.“ Er verwies auf Drohnenvorfälle, Sabotage und mutmaßlich russische Aktivitäten. Auch andere Vertreter aus Militär und Politik überbieten sich förmlich in Warnungen vor einem früher oder später bevorstehenden russischen Angriff und drohen mit der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr (um die es allerdings nicht zum besten steht). Erst dieser Tage hatte der Kommandeur der Spezialeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK), Andreas Kühne, offen verkündet, daß Rußland „unsere Schlagkraft“ genau kenne und daß man sich „sehr speziell auf den Gegner Rußland“ konzentriere. Unvergessen ist auch die Ansage von Heeresinspekteur Christian Freuding in der FAZ im November 2025, die Bundeswehr sei bereit für den „Fight tonight“.
Die Trump-Regierung verfolgt unterdessen einen anderen politischen Kurs. Sie bemüht sich um eine Verhandlungslösung für den Ukrainekrieg und prüft offenbar wirtschaftliche Anreize für Moskau, darunter mögliche Sanktionserleichterungen. Zugleich strebt das Pentagon eine Verringerung der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa an. Die lauten und unverhohlen aggressiven Töne aus Europa sind diesem Ziel nicht förderlich. (mü)
Bild: Pixabay/gemeinfrei
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