Sommerpause vor dem Sturm: Wirtschaftskrise voraus?
Washington/Brüssel. Trotz Kriegsgefahr und einer wachsenden Instabilität der Weltlage sind die Europäer in diesen Wochen im Sommer- und Ferienmodus. Doch die Ruhe ist trügerisch, und spätestens im Herbst, vermutlich schon früher, droht ein Realitätsschock. Der Irankrieg zieht sich weiter hin. Die strategischen Erdölreserven der OECD-Staaten sinken unaufhörlich. Die Gasspeicher Europas füllen sich nicht rechtzeitig für die Heizperiode. Und die Inflation kletterte im Juli um 0,5 Prozent auf 2,8 Prozent. Alles zusammen hat das Zeug zu einer handfesten Krise.
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Die Gefahr ist größer als im Frühjahr. Zwar blieb die befürchtete Kerosin-Knappheit für Flugreisen aus – allein dank der USA. Deren strategische Reserve faßt derzeit 308 Millionen Barrel Rohöl, das sind 43 Prozent der üblichen Kapazität, der tiefste Pegel seit 1983. Präsident Donald Trump zapft dieses Lager seit Monaten an, um die Benzinpreise im Inland zu drücken und zugleich die EU mit Lieferungen zu versorgen. Aber beides hat demnächst ein Ende. Der Kongreß hat eine Untergrenze von 250 Millionen Barrel für die strategische Reserve fixiert. Zudem bröckeln die unterirdischen Kavernen in Texas und Louisiana durch die fortdauernde Entleerung; die geologische Stabilität leidet bereits.
Stoppt das Notfallprogramm im Spätsommer oder erreicht es das technische Limit, müssen die USA die Ausfuhren nach Europa kürzen, um den heimischen Kraftstoffpreis zu halten. Die EU-Kommission beziffert den US-Anteil an den gesamten Erdöleinfuhren der Union auf 15 Prozent. Der Iran hält derzeit den Krieg auf niedriger Flamme und die Meerenge von Hormus blockiert, um dem Westen zu schaden. Die Huthi aus dem Jemen verstärken die Zwangslage, indem sie bei Bab-el-Mandab auch den Weg zum Suezkanal versperren. Das taktische Ziel sind die US-Midterm-Wahlen am 3. November.
Die Europäische Zentralbank unter Christine Lagarde verfolgt die Preisentwicklung aufmerksam, und es gibt Grund zur Sorge. Der Inflationssprung von Juni auf Juli ist kein gutes Zeichen. Am 10. September entscheidet die EZB erneut über den Leitzins. Lagarde hob ihn im Juni erstmals seit drei Jahren an, getrieben vom Ölpreis. Ob sie im September so weitermacht, hängt vom August ab. Die Aussichten sind trüb. Energie und Lebensmittel verteuern sich ungebremst. Die Kerninflation ohne diese Posten liegt laut Bundesbank bei 2,6 Prozent. Auch Dienstleistungen und Industriewaren werden schneller teurer – ein Domino-Effekt der Energiekosten durch alle Branchen. Lagarde dürfte ihre Juni-Prognose umsetzen: bei einer Fortdauer des Iran-Krieges und weiterem Preisdruck könnte der Leitzins für Banken am 10. September um 0,25 Prozent auf 2,5 Prozent steigen. Das belastet Betriebe doppelt: durch höhere Energiepreise und teurere Kredite für Investitionen.
Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer kritischen Phase. Das leichte Plus verdankt sich allein Staatsausgaben und Rüstungsproduktion. Ohne Panzer und Kanonen liegt das Land seit einem Jahr in der Rezession. Das DIW-Konjunkturbarometer fiel im Juli auf 91,3 Punkte, der tiefste Wert seit Herbst 2025. DIW-Chefin Geraldine Dany-Knedlik spricht von einer „Achterbahnfahrt“ und warnt vor einer Abwärtsspirale durch den Iran-Krieg.
Auch Frankreich, Italien und die USA schwächeln: das US-Wachstum sank im zweiten Quartal von 2,1 auf 1,5 Prozent. Chinas Konjunktur kühlt ab, trotz riesigen Nachholbedarfs. Der Ölpreis für Brent und WTI erreicht inzwischen wieder das Frühjahrshoch. Und in Deutschland wächst der Schuldenhaushalt von Finanzminister Lars Klingbeil automatisch, denn die steigenden Zinsen verteuern Staatsanleihen.
Am 1. Oktober beginnt die Heizsaison. Die Gasspeicherstände sind laut Bundesnetzagentur viel zu niedrig. Die Versorgung für den Winter steht auf tönernen Füßen. (se)
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