Machtspiele am Horn von Afrika
Am 26. Dezember 2025 hat Israel als erster Staat der Welt die Unabhängigkeit Somalilands, des nordwestlichen Teil Somalias, anerkannt. Das ehemalige Britisch-Somaliland hatte 1991 einseitig seine Unabhängigkeit erklärt und blieb – anders als der Rest Somalias – vom Bürgerkrieg verschont. Israel erntete für die Anerkennung Somalilands viel Kritik, und nun wird zu beobachten sein, ob andere Staaten dem Beispiel Tel Avivs folgen werden.
Das trifft vor allem auf die Vereinigten Staaten zu, zumal von US-Präsident Donald Trump widersprüchliche Signale kommen. Hatte er ursprünglich angedeutet, für die Anerkennung der Unabhängigkeit Somalilands offen zu sein, sagte er nun, nach dem Vorpreschen Israels: „Wir werden das prüfen. Wir werden das prüfen. Ich beschäftige mich mit vielen Themen und treffe stets gute Entscheidungen, die sich als richtig erweisen.“
Strategisch betrachtet wäre für Washington die „richtige Entscheidung“ die Anerkennung Somalilands als unabhängiger Staat. Denn dieses im Westen weitgehend unbekannte Gebiet am Horn von Afrika grenzt an Dschibuti, wo sowohl die Vereinigten Staaten als auch China einen Militärstützpunkt unterhalten, befindet sich in relativer Nähe der Meerenge Bab el-Mandab und liegt am Golf von Aden gegenüber dem Jemen. Die US-Denkfabrik Atlantic Council hielt im Dezember 2024 in einem Bericht fest: „Somaliland befindet sich im Schnittpunkt mehrerer konvergierender US-Interessen, da es Hunderte von Meilen friedlicher Küste entlang einer der verkehrsreichsten Handelsrouten der Welt beherbergt. Außerdem liegt es strategisch günstig in der Nähe des Jemen, wo die Huthis seit dem Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas immer stärker gegen die Verbündeten der USA vorgehen und den Seehandel im Roten Meer stören.“
Aus Sicht dieser eng mit der NATO verbundenen Denkfabrik bietet eine Militarisierung des Somalilands den USA die Chance, verstärkt militärische Abschreckung und gegebenenfalls auch militärische Gewalt gegen Gegner in der Region auszuüben, was der Atlantic Council so formuliert: „Eine vertiefte Partnerschaft mit Somaliland könnte auch dazu beitragen, die militärische Überlastung in Dschibuti zu verringern, so daß die Vereinigten Staaten flexibler gegen nationale Sicherheitsbedrohungen in der weiteren Sicherheitsarena am Roten Meer vorgehen können.“
Aber weniger die „militärische Überlastung“ in Dschibuti wird für die USA zum Problem, sondern daß dieser strategisch günstig gelegene Kleinstaat in Ostafrika keine Kolonie des US-Imperiums werden will und deshalb enge Beziehungen zu China sucht, was Washington naturgemäß mißfällt, weil die USA sich ihre regionale Vorherrschaft ungern mit anderen Mächten teilen. Das Middle East Institute, eine Denkfabrik mit Sitz in Washington, merkte an, daß, rund eineinhalb Jahrhunderte nachdem die Franzosen die Kontrolle über das heutige Dschibuti übernahmen, das Land ein wichtiger Akteur im Handel in der Region am Horn von Afrika ist, „aber auch als Kanal für den chinesischen Einfluß dient, und mit bösartigen Akteuren wie dem Iran und den Huthis in Verbindung gebracht wurde“. Der Iran ist bekanntlich der größte US-Widersacher im Nahen Osten.
Aufschlußreich ist auch das Strategiepapier „Project 2025“, das viele Beobachter als Blaupause für die Trump-Präsidentschaft betrachten. Darin wird die Anerkennung der Unabhängigkeit Somalilands „als Absicherung gegen die sich verschlechternde Position der USA in Dschibuti“ bezeichnet. Darüber hinaus ist Somaliland längst zu einem Thema in den Washingtoner Politik-Zirkeln geworden. Im Repräsentantenhaus brachte am 12. Dezember 2024 der Republikaner Scott Perry einen Entschließungsantrag zur Anerkennung der Unabhängigkeit Somalilands ein. Interessant und aufschlußreich zugleich ist die Begründung dieses Gesetzesvorschlags. Darin wird angeführt, eine stärkere Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Somaliland würde aufgrund der geographischen Lage Somalilands am Horn von Afrika und in der Nähe des Golfs von Aden, der demokratischen Legitimation, einschließlich friedlicher Machtübergaben nach Wahlen, und der relativen Stabilität am Horn von Afrika „zahlreiche, für beide Seiten vorteilhafte strategische Möglichkeiten bieten“.
Die Anerkennung Somalilands als unabhängiger Staat dürfte somit nur mehr eine Frage der Zeit sein. Ein solcher Schritt wäre übrigens eine Kehrtwende in der US-Außenpolitik, da Washington bisher an der Seite Somalias stand und in diesem gescheiterten Staat am Horn von Afrika, wo Islamisten ihr Unwesen treiben, in der Vergangenheit mehrfach militärisch intervenierte.
Dr. Bernhard Tomaschitz ist Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitschrift Zur Zeit.
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