Eine Kampfgruppe namens „Getica“: Ukrainische Geheimdienste nehmen Westeuropa ins Visier
Kiew/Bukarest/Brüssel. Die ukrainischen Geheimdienste machen sich die engen Verbindungen zur EU zunutze und bauen dezent eigene Strukturen im Westen auf, um den Kampf gegen Rußland auch fernab des eigenen Territoriums führen zu können.
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Kiew bedient sich bei seinen Aktivitäten auf dem Territorium der EU unter anderem einer rumänischen Kampfgruppe namens „Getica“, die über engste Beziehungen zu ukrainischen Diensten verfügt. Nach Recherchen des Journalisten Stéphane Luçon betreibt die Gruppe eine Datenbank unter dem Titel „Fünfte Kolonne“, in der mehr als 150 Personen und Organisationen aus Europa und den USA erfaßt sind, denen die Gruppe vorwirft, prorussisch zu handeln oder Rumänien zu schaden. Die Einträge erfolgen ohne Benachrichtigung der Betroffenen. Vertreter von „Getica“ behaupten, ein System aus OSINT‑Analyse und militärischer KI schlage „Kandidaten“ vor, die endgültige Entscheidung treffe aber ein Mensch. Eine frühere Version der Seite enthielt sogar eine Rubrik mit „empfohlenen Maßnahmen“ wie Standortermittlung und Observation.
„Getica“ entstand als Zusammenschluß rumänischer Kämpfer, die sich nach eigenen Angaben zunächst dem ukrainischen Militärgeheimdienst HUR und später den ukrainischen Streitkräften unterstellten. Gründer Sergiu Meșeșan erklärte, er habe 37 Einsätze absolviert; insgesamt hätten rund 50 Personen zur Gruppe gehört, wobei nie mehr als 20 gleichzeitig an der Front waren. Einige Mitglieder besitzen ukrainische Militärausweise und werden von der ukrainischen Armee bezahlt. Auf der Website der Gruppe tauchten zeitweise Embleme ukrainischer Einheiten auf, die nach journalistischen Rückfragen ausgetauscht wurden. Offizielle Stellen in Kiew übernehmen keine Verantwortung für „Getica“. Auch das rumänische Verteidigungsministerium betont, die Gruppe sei nicht Teil der rumänischen Streitkräfte.
Meșeșan gab öffentlich zu, zwei „begrenzte Überwachungsoperationen“ in Rumänien durchgeführt zu haben. Rumänisches Recht verbietet bewaffnete Formationen außerhalb staatlicher Strukturen. Je nach Interpretation wären die Aktionen entweder illegal oder Bestandteil einer nicht genehmigten Tätigkeit einer ausländischen bewaffneten Organisation in einem EU‑ und NATO‑Staat gewesen. In schriftlichen Nachrichten an Betroffene deutete die Gruppe an, daß Personen aus ähnlichen Datenbanken „mitunter durch Unfälle“ ums Leben gekommen seien.
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Im April 2024 veröffentlichte „Getica“ ein Manifest, in dem angekündigt wurde, man werde „aus dem Schatten heraus“ gegen angeblichen russischen Einfluß in Rumänien und Moldau vorgehen. Für den Fall einer Niederlage der Ukraine stellte die Gruppe einen Schlag „von einer Intensität und Feuerkraft“ in Aussicht, „wie Rumänien sie noch nicht erlebt hat“. Meșeșan erklärte, das Gesetz könne hinderlich sein; man sei bereit, es zu umgehen. „Terroristen für die einen sind Freiheitskämpfer für die anderen“, schrieb er.
Rumänische Nachrichtendienste sehen bislang keinen Handlungsbedarf. Anfragen von Abgeordneten führten nicht dazu, daß der Fall an die Terrorismusbehörden übergeben wurde.
Die Aktivitäten von „Getica“ sind im größeren Zusammenhang mit anderen Operationen ukrainischer Dienste in Westeuropa zu sehen, darunter etwa gezielte Tötungen in Spanien und Monaco. Ob diese Aktionen im Auftrag Kiews oder eigenmächtig erfolgten, ist ungeklärt, spielt aber letztlich auch keine Rolle. Viel gravierender ist der Umstand, daß die ukrainischen Geheimdienste beginnen, auch in Westeuropa Fuß zu fassen. (mü)
Bildquelle: Pixabay/gemeinfrei
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