Editorial 7-8/2026
Sehr geehrte Leser,
nun ist es amtlich: Der Hindenburgdamm, der das deutsche Festland mit der Insel Sylt verbindet, wird umbenannt. Die Lebensader der friesischen Nordseeinsel soll künftig schlicht „Syltdamm" heißen. Der Vorgang reiht sich ein in eine ganze Tilgungswelle gegen den Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten aus dem öffentlichen Raum. Das Kieler Hindenburgufer wurde bereits 2014 umgetauft, und auch in anderen Städten wie etwa Hamburg, Münster, Hannover oder Trier wurde Hindenburgs Name ausradiert.
Die Praxis erinnert frappierend an die „Damnatio memoriae" der Römer. Verräter oder unbeliebte Herrscher wurden damals auf Geheiß des Kaisers oder des Senats aus Dokumenten und Urkunden getilgt, Statuen wurden gestürzt, Büsten zerstört oder die Köpfe abgetrennt. Im Fall Hindenburgs wird diese Verdammung des Andenkens häufig mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg begründet. Es wird ihm aber auch gerne allgemein eine „demokratiefeindliche" Einstellung attestiert. Dabei war Hindenburg als Reichspräsident der Weimarer Republik eine Figur des Ausgleichs in einer Phase größter politischer Zerrissenheit. Er bleibt bis heute zudem das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das direkt vom Volk gewählt wurde.
Die Umbenennungsorgie trifft keineswegs nur historische Persönlichkeiten, die dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen sind. Eine Historiker-Kommission der Stadt München veröffentlichte im Jahr 2019 eine Liste mit 320 Namensgebern von Straßen und Plätzen, die sie für problematisch oder änderungswürdig hielt. Darunter fanden sich etwa der erste Bundespräsident Theodor Heuss, der Mediziner Robert Koch und sogar der Autor Erich Kästner.
Diese Auflistung klingt willkürlich, und sie ist es auch. Von der Stadt Hamburg heißt es, eine „Umbenennung einer Straße soll dann erfolgen, wenn der Straßenname heutige Wertvorstellungen in eklatanter Weise verletzt". Doch der Maßstab, daß historische Persönlichkeiten in allen Lebenslagen und allen politischen Belangen dem unendlichen und zugleich stündlich veränderbaren Anforderungskatalog zeitgeistiger Linker genügen müssen, um erinnerungswürdig zu bleiben, ist schlichtweg absurd. Man könnte ja einmal einen der großen deutschen Kaiser oder Könige fragen, was diese so von parlamentarischer Demokratie dachten oder wie sie es mit der Bewertung von Transpersonen hielten. Sind sie deshalb weniger bedeutend für unsere Geschichte? Wohl kaum.
Man könnte die andauernde Namenstilgerei als nervige, aber letztlich harmlose Selbstbeschäftigungstherapie links-grüner Kreise mit erhöhter Empörungsbereitschaft abtun, aber so einfach ist es nicht. Der ständige Eingriff in das gewohnte Straßenbild verursacht horrende Kosten, eliminiert Vertrautheit mit der eigenen Umgebung und bringt Menschen künstlich gegeneinander auf. Schlimmer aber: Radiert man Menschen und ihr Erbe aus dem kollektiven Bewußtsein aus, erlischt auch die Identifikation mit der Geschichte unseres Volkes. „Ein Volk ohne Kenntnis seiner Geschichte, seines Ursprungs und seiner Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln", wußte der jamaikanische Politiker Marcus Garvey zu berichten. Ob nach ihm hierzulande wohl bald eine Straße benannt wird?
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Karsten, Chefredakteur
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