Deutschland in der Gas-Falle: Speicher nur halbvoll, Preise ziehen an
Berlin. Deutschlands Gasspeicher sind derzeit erst zu rund 50 Prozent gefüllt. Bis Anfang November müßte die Einspeicherung deshalb erheblich beschleunigt werden. Nach Berechnungen der Preisberichtsagentur Argus Media fehlen bis zu einem Gesamtfüllstand von etwa 70 Prozent noch rund 49 Terawattstunden Gas. Um diese Menge in den kommenden gut zwei Monaten einzulagern, wären durchschnittlich 670 Gigawattstunden täglich erforderlich – das wäre nahezu das Dreifache des Mittelwerts der vergangenen drei Jahre. Im bisherigen August lag die tägliche Einspeicherung dagegen nur bei etwa 425 Gigawattstunden.
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Parallel dazu haben die europäischen Gaspreise schon kräftig angezogen. Der für Europa maßgebliche TTF-„Frontmonat“ wurde zuletzt mit 63,77 Euro je Megawattstunde bewertet, dem höchsten Stand seit Januar 2023. Als wesentlicher Auslöser gilt die Krise im Nahen Osten. Der Verkehr durch die Straße von Hormus ist stark eingeschränkt, wodurch Europa verstärkt mit asiatischen Käufern um verfügbare LNG-Ladungen konkurrieren muß.
„Die Einspeicherung müßte im Durchschnitt 670 Gigawattstunden pro Tag erreichen, damit Deutschland sein Ziel schafft“, sagt Natasha Fielding, leitende Expertin für LNG- und Gasmärkte bei Argus Media. Für die meisten deutschen Speicher gilt zum 1. November ein Mindestfüllstand von 80 Prozent.
Ein niedriger Speicherstand bedeutet zwar nicht zwangsläufig eine Versorgungslücke, erhöht jedoch die Abhängigkeit von laufenden Importen. „Wenn die Straße von Hormus in diesem Winter faktisch geschlossen bleibt, drohen Europa Preisspitzen, wenn es sich bei starker Konkurrenz aus Asien knappe LNG-Ladungen sichern muß“, warnt Fielding. Europa müßte dann gegebenenfalls höhere Preise zahlen, um Lieferungen aus dem Weltmarkt anzuziehen.
Deutschland zahlt schon jetzt höhere Preise. Am 20. August lag der deutsche Gas-Winterkontrakt für 2026/27 nach Argus-Angaben 1,45 Euro je Megawattstunde über dem niederländischen TTF-Markt und 2,72 Euro über dem französischen Preis. Fielding nennt als einen Grund die hohen Kosten deutscher LNG-Terminals: „Deutschlands LNG-Terminals gehören zu den teuersten in Europa.“
Steigende Großhandelspreise könnten zudem die Industrie noch mehr als bisher zum Sparen beim Gasverbrauch zwingen.
Deutschland befindet sich bereits seit Juli 2025 in der Frühwarnstufe des Notfallplans Gas. Besonders angespannt würde die Lage bei anhaltenden Einschränkungen in der Straße von Hormus und einem kalten Spätwinter, der die LNG-Nachfrage in Europa und Asien gleichzeitig steigen ließe.
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche unterdessen wegen der niedrigen Gas-Füllstände zum Rücktritt aufgefordert. „Die leeren Gasspeicher sind Staatsversagen. Wirtschaftsministerin Reiche hat dieses Desaster zu verantworten und muß deshalb zurücktreten“, erklärte sie. Die Ministerin habe trotz bereits im Frühjahr zu beobachtender außergewöhnlich niedriger Speicherstände monatelang nicht gehandelt. „Schon im Frühjahr gab es historische Tiefstände. Daß die Ministerin ein halbes Jahr die Hände in den Schoß gelegt hat, ist ein Skandal“, sagte Wagenknecht.
Als Ausweg fordert sie die Wiederaufnahme russischer Pipelinegaslieferungen über Nord Stream: „Wir brauchen das preiswerte russische Pipeline-Gas. Nord Stream muß aufgedreht werden!“ Auch die BSW-Landtagsfraktionen in Magdeburg und Schwerin sollen sich nach einem Einzug ihrer Partei für eine Rückkehr zu russischem Gas einsetzen, „um die Speicher in Rekordzeit wieder zu füllen“. In beiden Bundesländern sind im September Landtagswahlen. (rk)
Bild: Pixabay/Gemeinfrei
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