Chrupalla und der Dritte Weltkrieg
Vor einigen Wochen machte der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla mit einer Äußerung landesweit Schlagzeilen.
„Wir stehen wahrscheinlich an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg“, hatte er in der Sendung Markus Lanz öffentlich gesagt. Chrupalla tat dies mit Blick auf die damals aktuellen israelischen und amerikanischen Angriffe auf den Iran und auf Wahlversprechen, die der damalige US-Präsidentenkandidat Trump noch im Wahlkampf gegeben habe: eben keinen Dritten Weltkrieg zu beginnen. Die bundesdeutsche Presse war in mehrfacher Hinsicht irritiert. Eigentlich hatte sich die AfD-Führung lange Zeit deutlich erkennbar an den neuen US-Präsidenten angelehnt. Die Nähe zu Trump hatte auch Chrupalla ganz persönlich im Wahlkampf auf einer USA-Reise durch Besuch von Veranstaltungen gesucht. Nun diese Trendwende bei Chrupalla zu sehen und kommentieren zu müssen, erforderte einen Spagat zwischen der hergebrachten AfD-Feindlichkeit der Medien, ihrer gleichzeitigen Abneigung gegen Trump wie zu Israels Regierungschef Netanjahu und der ebenso überwiegend vorhandenen Israel-Freundlichkeit.
Ein beachtlicher Teil der Medien suchte den Ausweg, indem man dem AfD-Chef fehlende historische Bildung vorwarf und eine Art verharmlosenden historischen Revisionismus erkennen wollte. Schließlich sei die gemeinsame US-amerikanisch/israelische Aktion bei aller Kritik etwas ganz anderes als Teil eines Weltkriegs. In der Tat ist es eine interessante Frage, was eigentlich einen Weltkrieg ausmacht. Ob es überhaupt bereits zwei Weltkriege gegeben hatte, bezweifelte der britische Kriegspremier Churchill bekanntlich nach 1945 mit guten Gründen. Er nannte die Ära zwischen 1914 und 1945 insgesamt einen zweiten Dreißigjährigen Krieg. In Historikerkreisen wurde das nur teilweise aufgenommen. Skeptisch waren vor allem diejenigen, die deutsche Verantwortung von 1939 als Auslöser eines Zweiten Weltkriegs betonen wollten, und das waren in den Nachkriegsjahrzehnten unterm Strich die meisten.
Eine Kriegsära läßt sich letztlich nicht nur mit dem Beginn und Ende einzelner Feldzüge und bewaffneter Auseinandersetzungen gegen eine übrige Zeit des relativen Friedens abgrenzen. Ein wesentlicher weiterer Punkt ist die Existenz einer Rechtsordnung, an die sich alle mehr oder weniger halten und gebunden fühlen. Ein Weltkrieg beginnt mit deren Auflösung und endet dann, wenn sich nach einer Phase des Kampfes und der allgemeinen Unsicherheit wieder eine solche „Ordnung“ etabliert.
In diesem Sinn hatte Churchill auch recht, wenn er auf den ersten Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 als Vorbild für den zweiten von 1914 bis 1945 verwies. An deren Ende standen jeweils Rechtsordnungen, die für längere Zeit hielten, also wenigstens für einige Jahrzehnte. Der „Westfälische Frieden“ von 1648 gilt sogar als bedeutender Schritt zu so etwas wie Völkerrecht. In vergleichbarer Weise etablierten sich nach 1945 die „Vereinten Nationen“ mitsamt ihrer Charta als Dauerorganisation gegen die ehemaligen Kriegsgegner Japan, Italien und Deutschland und Verkörperung von Recht. Nun bedarf es eigentlich keiner Erwähnung, daß sämtliche vertraglichen Abmachungen im Rahmen internationaler Beziehungen immer nur begrenzten Wert haben. Mangels Machtmonopol gibt es auch niemanden, der geltendes Recht weltweit durchsetzen könnte. Immerhin darf man aber feststellen, daß die nach 1945 etablierten Rechtsformen die militärischen Aktionen der Großmächte etwas eingeschränkt haben. Man bemühte sich immerhin um Wahrung der Form, um Gemeinsamkeit und Resolutionen im UN-Sicherheitsrat. Die frühere Gewohnheit von Mächten wie auch den USA oder Rußland, ein Nachbarland oder fernes Gebiet einfach anzugreifen, zu erobern und zu annektieren, schien fast verschwunden zu sein. Territorial gesehen, herrschte seit 1945 weitgehend ein Status quo.
Es ist eine eher akademische Diskussion, welcher Großstaat diesen Zustand zuerst schwer beschädigt hat und wann genau dies geschah. Wer „angefangen“ hat, spielt für die Analyse des inzwischen erreichten Ist-Zustands nur eine begrenzte Rolle. Dieser Ist-Zustand wird allerdings kaum bestreitbar durch die zunehmende Bereitschaft gekennzeichnet, die eigene Macht auszukosten und nach Gutdünken anzuwenden, auch durch Angriffe und offene Eroberungsdrohungen sowie Vernichtungsankündigungen gegen andere Staaten.
Ob das nun der „Dritte Weltkrieg“ wird, wird sich erst noch zeigen. Eigentlich ist aber die Bühne dafür bereitet. Die von Chrupalla erwähnte Schwelle kann jederzeit überschritten werden.
Dr. Stefan Scheil ist Historiker und Publizist.
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