Britische TV-Doku: Ein Land, das seine Bürger nicht mehr wiedererkennen
London. „Fühlst du dich eher als Engländer oder als Bangladescher?“ – „Als Bangladescher.“ „Vermißt du Bangladesch?“ – „Ja.“ „Was machst du beruflich?“ – „Ich arbeite nicht.“ „Wie verdienst du Geld?“ – „Ich kriege Sozialhilfe.“ Dieses Straßeninterview aus dem Londoner Stadtteil Whitechapel verbreitet sich derzeit rasant im Internet. Der britische Investigativjournalist Steven Edginton hat damit eine Diskussion ausgelöst, die weit über den konkreten Fall hinausgeht. Es geht um das Selbstverständnis der britischen Gesellschaft.
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Die Szene stammt aus einer Dokumentation über den demographischen Wandel (vulgo: Bevölkerungsaustausch) und den Verlust des traditionellen Großbritannien. Edginton beschreibt sein Vorhaben so: „Wie sah Großbritannien vor der Masseneinwanderung aus? Und was hält die Generation, die sich noch daran erinnert, heute von diesem Land?“ Er reist in seiner Dokumentation quer durch England, spricht mit Zeitzeugen und stellt deren Erinnerungen den heutigen Zuständen gegenüber.
Zu Wort kommen unter anderem der frühere Falkland-Militär Julian Thompson, der Historiker David Starkey und der Demograph Paul Morland. Besonders eindringlich ist die Begegnung mit dem 92jährigen Ron Clark. Edginton begleitet ihn nach Tottenham, wo Clark während des Zweiten Weltkriegs aufwuchs. Mehr als fünf Jahrzehnte nach seinem Wegzug sieht der alte Mann einen Ort wieder, den er kaum noch als seine Heimat erkennt.
Die Gegensätze zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen offenbaren Abgründe. Migranten loben Großbritannien als „best for benefits“ – als besonders großzügig bei Sozialleistungen. Ältere Einheimische äußern dagegen ihre Entfremdung. „I hate to live around here now“, sagt einer: „Ich hasse es, hier heute zu leben.“ Auf die Frage, wie ihre Vorfahren das heutige Land beurteilen würden, antworten Gesprächspartner: „They’d be horrified“ – sie wären entsetzt.
Das Interview mit dem arbeitslosen Bangladeschi ist nur eine Momentaufnahme. Grundtenor von Edgintons Doku ist der Verlust von Vertrautheit, kultureller Kontinuität und Zugehörigkeit. Ähnliche Empfindungen kennen auch Deutsche und Österreicher. Hier wie dort geht es um Gesellschaften, in denen sich die eigenen Bürger zunehmend fremd in ihrer Heimat fühlen. (mü)
Bild von Oskar Młodziński auf Pixabay/gemeinfrei
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