Preise explodieren: Gas heute fünfmal so teuer wie vor den Rußland-Sanktionen
Berlin. Deutschland bezahlt heute für norwegisches Gas das Fünffache dessen, was zu Zeiten russischer Pipeline-Lieferungen fällig war.
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Das Kölner Forschungsinstitut ewi Energy Research & Scenarios hatte 2018 in einer Fachanalyse auf energie.de prognostiziert, daß die geplante Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 die Gaspreise in Europa und weltweit drücken würde. Für die US-Frackingindustrie hätte dies den Todesstoß bedeutet, da bei solchen Preisen selbst eine nur kostendeckende Produktion kaum möglich gewesen wäre. Die Experten nannten damals drei Hauptgründe für die erwarteten niedrigen Preise: russisches Pipeline-Gas würde sich im direkten Preiskampf mit Flüssigerdgas (LNG) durchsetzen, europäische Verbraucher würden dadurch jährlich 8 bis 24 Milliarden Euro sparen, und die sinkende Eigenproduktion in Europa würde sich durch kostengünstiges russisches Gas ausgleichen lassen.
Die Zerstörung der Pipelines im September 2022 machte alle diese Berechnungen zunichte. Statt des vorhergesagten Preissturzes kam ein historischer Preisschock. Der Gaspreis für deutsche Kunden beträgt heute das Fünffache des Vorkrisenniveaus. Die zerstörte Infrastruktur verhinderte den von den Ökonomen erwarteten Dämpfungseffekt. Europa muß nun als Großabnehmer auf dem volatilen Weltmarkt für Flüssiggas agieren, anstatt flexibel zwischen günstigem Pipelinegas und LNG wählen zu können.
Auch beendete die Sprengung nicht etwa die angebliche Abhängigkeit von russischem Gas, sondern bewirkte noch eine weitere, viel teurere Abhängigkeit – und zwar von einem Lieferanten, der gegen weite Teile der Welt Sanktionen verhängt und Wirtschaftskriege führt, wenn Länder nicht tun, was er will. Die neue Abhängigkeit von den USA ist ungleich drastischer als jene von Rußland, die es mit Nord Stream 2 je hätte geben können.
Zwei zentrale Probleme sind nun die Folge: günstiges russisches Gas wirkte als natürliche Preisobergrenze; ohne diese Mengen bestimmen nun die hohen Produktions- und Transportkosten von LNG das Preisniveau, ohne daß die europäischen Abnehmer nennenswerte Alternativen haben. Zudem konkurrieren europäische Einkäufer direkt mit Asien um LNG-Schiffsladungen, weshalb geopolitische Erschütterungen – etwa Krisen im Nahen Osten oder Blockaden an der Straße von Hormus – sofort auf die Weltmarktpreise durchschlagen.
Hinzu kommen gewaltige Infrastrukturkosten. Deutschland investiert bis 2038 rund 9,7 Milliarden Euro an staatlichen Mitteln in den Aufbau und Betrieb schwimmender LNG-Terminals – mehr als das Dreifache der ursprünglichen Planungen von 2022. Damals waren knapp drei Milliarden Euro veranschlagt. Die Budgetobergrenzen des Bundeswirtschaftsministeriums mußten immer weiter angehoben werden. Drei Kostentreiber sind ausschlaggebend: zwei der schwimmenden Speicher- und Regasifizierungseinheiten (FSRUs) wurden nicht für zehn, sondern für fünfzehn Jahre gechartert; jedes schwimmende Terminal schlägt netto mit rund 55 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Der Netzanbindungsausbau verschlang zusätzliche 641 Millionen Euro. Und die Bereitstellung der Hafeninfrastruktur an Standorten wie Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade und Mukran verteuerte sich durch inzwischen gestiegene Bau- und Materialkosten erheblich.
Parallel dazu entstehen dauerhafte landbasierte Terminals: in Brunsbüttel sind dafür Gesamtkosten von rund 1,5 Milliarden Euro veranschlagt, der Bund beteiligt sich über die KfW mit 940 Millionen Euro. Das Terminal in Stade kostet etwa eine Milliarde Euro, ebenfalls mit staatlichen Zuschüssen. Was ehedem von Habeck und Co. nur als temporäre Brückenlösung gedacht war, ist längst zum milliardenschweren Dauerprojekt geworden – ohne jede Aussicht auf eine Rückkehr zu den früheren niedrigen Gaspreisen. (se)
Bildquelle: Wikimedia/Jan Arrhénborg/AGA/CC BY-SA 3.0
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