Nach viereinhalb Jahren Ukrainekrieg: Was die Bundeswehr lernen muß

Nach viereinhalb Jahren Ukrainekrieg: Was die Bundeswehr lernen muß
Foto: Symbolbild

Kiew/Berlin. Der Krieg in der Ukraine ist anders als alle vorangegangenen Kriege. Er hat das Schlachtfeld von Grund auf verändert, weil mit der zunehmend autonomer agierenden Drohnenwaffe ein Kampfsystem im Einsatz ist, gegen das konventionelles Kriegsgerät wie Panzer oder schwere Artillerie immer mehr ins Hintertreffen gerät. Für die beteiligten Soldaten hat das einschneidende Folgen – sie müssen der Allgegenwart von Drohnen durch ihr Verhalten auf dem Schlachtfeld permanent Rechnung tragen.

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Während die ukrainischen Streitkräfte den Drohnenkrieg mittlerweile viereinhalb Jahre lang am eigenen Leib miterleben und ihn in die eigene Gefechtsführung integriert haben, befinden sich die meisten westlichen Streitkräfte mental immer noch im Krieg des 20. Jahrhunderts. Dem modernen Drohnenkrieg wären sie nicht gewachsen – das ist jedenfalls die Einschätzung ukrainischer Frontsoldaten, die in jüngster Zeit verstärkt von westlichen Streitkräften eingeladen werden, um ihre Erfahrungen weiterzugeben oder sogar Ausbildungsmissionen zu übernehmen. Auch die Bundeswehr möchte von dieser Möglichkeit profitieren. 

Seit Jahresbeginn vermitteln ukrainische Frontveteranen auf deutschen Truppenübungsplätzen ihre Kampferfahrungen. Nach Ansicht der ukrainischen Gäste reicht dies jedoch nicht aus. Sie sehen bei ihren europäischen Partnern einen tiefgreifenden Reformbedarf bei Technologie, Organisation und Personalführung.

Im Mittelpunkt steht das Tempo militärischer Innovation. Brigadekommandeur Wadym Krykun beschreibt einen ständigen Wettlauf zwischen neuen Waffen und Gegenmaßnahmen: „Das eigentliche Problem ist die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der sich dieser Krieg verändert.“ Jede technische Neuerung werde vom Gegner rasch beantwortet. „Wir entwickeln ein Werkzeug, der Gegner entwickelt das Gegenmittel. Wer sich ausruht oder selbstzufrieden wird, fällt sofort zurück.“

Die ukrainischen Streitkräfte versuchen diesen Wettbewerb mit einem Bonussystem für Drohneneinheiten zu beschleunigen. Visuell bestätigte Treffer bringen Punkte, die erfolgreiche Verbände über die militärische Plattform „Brave1“ gegen neue Ausrüstung wie Aufklärungsdrohnen, FPV-Systeme oder unbemannte Bodenfahrzeuge eintauschen können. „Topot“, Kommandeur einer Einheit der Eliteformation „Magyar’s Birds“, erklärt das Prinzip so: „Wer die meisten hochwertigen Ziele ausschaltet, erhält mehr Guthaben und kann damit neue Systeme beschaffen. Je erfolgreicher eine Einheit ist, desto schneller kann sie sich weiterentwickeln.“

Ebenso wichtig erscheint den ukrainischen Offizieren eine veränderte Führungskultur. Junge Kommandeure, bevorzugt solche mit Qualifikationen im Digitalbereich, prägen inzwischen viele Schlüsseldomänen. Als Beispiel gilt Michajlo Fedorow, der nach seiner Zeit als Digitalminister Anfang des Jahres das Verteidigungsministerium übernahm und Mitte Juli wieder ausschied. Er organisierte zu Kriegsbeginn den Einsatz des Starlink-Netzes in der Ukraine und trieb den Ausbau digitaler Fähigkeiten voran. Auch Software des US-Unternehmens „Palantir“ unterstützt die ukrainischen Streitkräfte. Fedorow formulierte das Ziel, Rußland monatlich Verluste von bis zu 50.000 Soldaten zuzufügen. Parallel dazu tragen junge Offiziere Verantwortung für zentrale Drohnenverbände. „Wir warten nicht darauf, daß der Staat Probleme löst. Wir suchen selbst nach Lösungen“, sagt ein Offizier namens „Topot“.

Eine weitere Lehre betrifft die Rolle der Nachrichtendienste. Viereinhalb Jahre nach Kriegsbeginn operieren der ukrainische Militärgeheimdienst GUR und der Inlandsdienst SBU inzwischen weit hinter den russischen Linien. Ihnen werden Sabotageeinsätze, gezielte Angriffe auf hochrangige Militärs sowie die Vorbereitung der Operation „Spinnennetz“ vom Juni 2025 zugeschrieben, bei der strategische Bomber auf russischen Flugplätzen zerstört worden sein sollen. Im Bundesverteidigungsministerium leitet man daraus die Forderung nach einer viel engeren Zusammenarbeit von Bundeswehr und Nachrichtendiensten ab.

Auch Mobilisierung und Rüstungsproduktion gelten als zentrale Schwachstellen – vor allem dann, wenn Vorbereitungen erst im Krisenfall anlaufen. Unmittelbar nach Kriegsbeginn im Februar 2022 fehlten der Ukraine Ausbilder, Unterkünfte und Übungsplätze für Hunderttausende Freiwillige. Gleichzeitig blieb das Land zunächst lange auf westliche Waffenlieferungen angewiesen. Inzwischen produziert die ukrainische Industrie selbst eigene Drohnen und Präzisionswaffen. Für die Bundeswehr ergibt sich daraus die dringende Forderung, daß Ausbildungskapazitäten, Reservestrukturen, Munitionsbestände und industrielle Fertigungskapazitäten unbedingt bereits in Friedenszeiten aufgebaut werden müssen. Wenn es zum ersten Schuß kommt, ist es zu spät.

Ebenfalls ein Thema, das hierzulande noch nicht einmal im Ansatz erfaßt ist, sind die personellen Belastungen eines langwierigen Abnutzungskrieges. Trotz der Mobilisierung kämpfen viele Ukrainer freiwillig. „Unsere Armee ist im Kern eine Armee von Zivilisten“, heißt es von einem ukrainischen Frontoffizier. „Auch ich wurde nach 2022 erneut mobilisiert.“ Zugleich beschreibt er die langfristige Perspektive des Krieges: „Wir haben uns innerlich damit abgefunden, daß wir unser ganzes Leben kämpfen müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob Bürger anderer europäischer Länder zu einem solchen Opfer bereit wären.“

Die Bundeswehr mit Sicherheit nicht. Sie hat im Augenblick massive Schwierigkeiten, auch nur genügend Freiwillige für die Litauen-Brigade zu gewinnen. Gleichzeitig gewinnt die Debatte über verpflichtende Dienstmodelle sowie den Ausbau von Reserve, Zivilschutz und Schutzräumen an Fahrt. Nur sehr allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, daß die deutsche Gesellschaft nach einer jahrzehntelangen Friedensperiode nicht ohne einen Pflicht-Wehrdienst und andere Pflicht-Modelle wie etwa im Katastrophenschutz oder beim Technischen Hilfswerk zu mobilisieren sein wird. 

Hagen Eichberger

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