Das neue Deutschlandbild der Chinesen: Der Lack ist ab

Das neue Deutschlandbild der Chinesen: Der Lack ist ab
Foto: Symbolbild

Peking/Berlin. Der wirtschaftliche Abstieg, aber mehr noch die von den letzten beiden Bundesregierungen befeuerte Konfrontationspolitik Peking gegenüber hat dafür gesorgt, daß China zusehends auf Distanz zu Deutschland geht. Der Nimbus, der Deutschland ehedem in den Augen der Chinesen umgab, ist verblaßt. Darüber hat jetzt der Korrespondent des „Handelsblatts“ in Shanghai, Martin Benninghoff, in einem aufschlußreichen Beitrag für sein Blatt berichtet.

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Er werde häufig gefragt, wie Deutschland wieder wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen könne. Die Anteilnahme der chinesischen Gesprächspartner klinge bisweilen aufrichtig, manchmal aber auch mitleidig oder herablassend: „Wie konnte es so weit kommen?“ Benninghoff macht kein Hehl daraus, daß er sein Land inzwischen seltener verteidige als früher. Aber er bestreitet auch nicht, daß sich die Wahrnehmung Deutschlands verändert hat: „Mein Punkt ist nicht, daß Chinas Bild von Deutschland grundsätzlich falsch wäre. Es hat sich verändert.“ Das Image der Bundesrepublik habe gelitten. Folgen könne dies für chinesische Familien haben, die auf Arbeitsplätze bei deutschen Unternehmen, deutsche Schulen und Studienplätze an deutschen Hochschulen gesetzt haben. Sinke das Interesse, nähmen Austausch, Wissen und persönliche Erfahrungen auf beiden Seiten ab. Geopolitische Rivalitäten und Spionagevorwürfe erschwerten die Zusammenarbeit zusätzlich.

Auch die wirtschaftlichen Symbole der früheren Industrie-Lokomotive verlören zusehends an Ansehen. Das Label „made in Germany“ genieße zwar weiterhin Ansehen, „auch wenn der frühere Glanz verblaßt“. In Shanghai seien deutsche Autos heute deutlich seltener unterwegs als noch vor fünf Jahren. Und um den Ruf der Deutschen Bahn zu reparieren, müßten vermutlich „teure Werbeagenturen die kommenden zwei Jahrzehnte viele clevere Slogans erfinden“, schreibt Benninghoff. Auf chinesischen Portalen seien Witze über deutsche Züge und das Chaos am Bahnsteig längst allgegenwärtig.

Der Wandel zeigt sich auch an den Hochschulen. Die Zahl chinesischer Studenten und Promovierender in Deutschland sank von 41.353 im Wintersemester 2019/20 auf 38.989 im Wintersemester 2024/25. Auch diese Entwicklung passe zum Gesamteindruck, Deutschland sei für junge Chinesen nicht mehr selbstverständlich erste Wahl.

Jan Harder von der Tongji-Universität erzählte Benninghoff von einem „gereiften“ Deutschlandbild. Vor 15 Jahren sei es beinahe übertrieben positiv gewesen. Heute gebe es „ein vielschichtigeres, gereiftes Bild, das nicht nur die Vorteile sieht“. Die deutsche Autoindustrie gelte zwar als stark, doch vor allem im traditionellen Fahrzeugbau. Das sei eine „höfliche, indirekte Form, auszudrücken, daß die neuen und spannenden Dinge woanders passieren“.

Auch Chinas Hochschulen sind attraktiver geworden. Deutschland wird weiterhin respektiert, schreibt Benninghoff, taugt aber immer weniger als Zukunftsversprechen. Das gilt im übrigen auch für die Deutschen selbst. (mü)

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