Damit es nicht zum Hunger kommt: Rußland beschleunigt Saatgut-Offensive

Damit es nicht zum Hunger kommt: Rußland beschleunigt Saatgut-Offensive
Foto: Symbolbild

Moskau. Rußland strebt die Saatgut-Souveränität an. Mit einer neuen Plattform für beschleunigte Pflanzenzüchtung will Moskau den üblichen Zeitraum von sieben bis zehn Jahren bis zur Züchtung einer neuen Pflanzensorte auf zwei bis drei Jahre verkürzen – und damit auch die Abhängigkeit von ausländischem Saatgut weiter reduzieren. Das ist dringend nötig, denn auf die Weltmärkte rollen vor dem Hintergrund wachsender Lieferschwierigkeiten und einer drohenden Düngerknappheit Nahrungsengpässe zu. Der Westen hat darauf bislang noch keine Antwort gefunden. Er beklagt zwar den Verlust der ukrainischen Häfen, die für die Getreideverschiffung unentbehrlich sind – aber eine eigene Strategie, um dem drohenden Mangel zu begegnen, hat er bislang nicht.

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Die russische Landwirtschaftsministerin Oksana Lut stellte jüngst bei einer Sitzung des Präsidialrats für Wissenschaft und Bildung das Projekt PUSK vor. Die an der Moskauer Timirjásew-Universität angesiedelte Plattform vereint 86 wissenschaftliche, akademische und wirtschaftliche Akteure. Ihr Auftrag lautet, „neue Sorten und Hybriden schneller auf den Markt zu bringen“. Derzeit arbeiten die Beteiligten an 16 wichtigen Nutzpflanzen. Noch in diesem Jahr sollen Genomanalysen erste genetische Marker für erwünschte Eigenschaften liefern.

Im Mittelpunkt stehen Sorten mit berechenbaren Erträgen, die gezielt an unterschiedliche Regionen, Böden und Klimabedingungen angepaßt werden. Die Saatgutzüchtung ist in Rußland seit 2020 ausdrücklich Teil der Ernährungssicherheitsdoktrin; hinzu kommt das Föderale Wissenschaftlich-Technische Programm für die Landwirtschaft von 2017 bis 2030.

Besonders gut sichtbar sind die Auswirkungen beim Zuckerrübenanbau. 2022 stammte das Saatgut nahezu vollständig aus dem Ausland. 2024 lag der Anteil heimischer Sorten erst bei acht Prozent, 2025 bei 20 Prozent und inzwischen bei 24,2 Prozent. Bis 2030 sollen mindestens 75 Prozent des russischen Saatgutbedarfs aus eigener Züchtung gedeckt werden. Bei mehreren wichtigen Sorten liegt der Anteil bereits nahe 100 Prozent. Nach PUSK-Angaben erzielten russische Zuckerrübensorten 2025 Rekorderträge und übertrafen sowohl regionale Durchschnittswerte als auch ausländische Vergleichssorten.

Vorangetrieben wird die Entwicklung auch durch den Arbeitskräftemangel auf dem Land. Höhere Hektarerträge, Automatisierung und neue Hybriden sollen den Rückgang der ländlichen Bevölkerung teilweise ausgleichen. Zugleich setzt Moskau auf trockenheitsresistente und frühreifende Pflanzen. Oksana Lut verweist auf die Altai-Region: „Wir hatten jetzt zwei Monate lang 36 Grad Celsius in der Region Altai – und das ohne jeglichen Niederschlag. Wir müssen uns bemühen, genetische Merkmale zu züchten, die es uns ermöglichen werden, auch ohne Niederschlag Ernten einzufahren.“

Neben der nationalen Versorgungssicherheit steht der Export im Mittelpunkt. Rußland zählt zu den führenden Lebensmittelexporteuren und ist beim Weizen Weltmarktführer. Die staatliche Agrarstrategie sieht vor, die Agrarexporte bis 2030 auf 41 bis 47 Milliarden US-Dollar zu steigern. Voraussetzung ist ein durchschnittliches jährliches Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion von mindestens drei Prozent. Nach Prognosen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO könnten sich die Nettoimporte von Getreide in Ländern des Globalen Südens und Asiens bis 2050 verdreifachen. (mü)

Bild: Pixabay/Gemeinfrei

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