150 Jahre Bayreuth: Festspiele zwischen Richard Wagner und Vergangenheitsbewältigung
Bayreuth. Die Bayreuther Wagner-Festspiele haben zwei Weltkriege, das Dritte Reich und selbst die Nachkriegs-Entnazifizierung vergleichsweise unbeschadet überstanden. Schon 1951 konnten sie wiedereröffnet werden. Heuer nun feiern die Festspiele, die 1876 von Richard Wagner nach jahrelangem Ringen und unter unsäglichen Mühen eröffnet wurden, ihren 150. Geburtstag.
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In der medialen Berichterstattung, aber auch in der Selbstdarstellung der Festspiele stand der „Antisemitismus“ ihres Gründers und seine immerwährende Bewältigung im Mittelpunkt. Die Jubiläumsveranstaltung am vorvergangenen Samstag stand unter dem Motto „Verstummte Stimmen“ – eine Anspielung auf frühere jüdische Künstler, die nach 1933 nicht mehr an den Festspielen mitwirken durften.
Im Vorfeld hatte Festspielleiterin Katharina Wagner für Aufregung gesorgt, als sie den für Juni geplanten Vortrag des Publizisten Michel Friedman aus Sicherheitsgründen absagte, sich dann aber öffentlich entschuldigte und ihn erneut einlud. Dabei ist Friedman, der 2003 wegen Kokainbesitzes und Mißbrauchs von Zwangsprostituierten zu einer Geldstrafe von 216.000 Euro verurteilt worden war, die denkbar schlechteste Besetzung für die Rolle der moralischen Instanz. Er ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. „Heute habe ich das letzte Wort, und der Antisemit Richard Wagner muß zuhören“, dozierte er und fügte hinzu: „Nicht die, die sich an etwas erinnern, sind das Problem, sondern die, die sich nicht erinnern wollen.“ Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geißelte er die „gelangweilten Demokraten“, die nicht genug gegen die AfD täten, und forderte von den Festspielen noch mehr Vergangenheitsbewältigung.
Erst am Sonntag stand dann Wagners Kunst im Mittelpunkt – allerdings mit einem handfesten Traditionsbruch. Erstmals in der Geschichte des Hauses gelangte Wagners Frühwerk „Rienzi, der letzte der Tribunen“ zur Aufführung, das sein Schöpfer zeitlebens für nicht „Bayreuth-würdig“ hielt. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Festspielleitung war Adolf Hitlers angebliche Vorliebe für das Werk. Die Ouvertüre erklang im Dritten Reich regelmäßig auf den Nürnberger Reichsparteitagen. Dirigentin Nathalie Stutzmann hält das nicht für ein Hindernis, da auch viele andere Komponisten von den Nationalsozialisten vereinnahmt worden seien. Sie hat sich im Vorfeld der Festspiele monatelang mit der umfangreichen Partitur beschäftigt, die seit 1945 verschollen ist – Hitler hatte sie 1939 geschenkt bekommen und kurz vor Kriegsende, als Wagner-Enkel Wieland sie in Sicherheit bringen wollte, die Herausgabe verweigert. Für die Bayreuther Premiere mußten Experten aus zahllosen Fassungen eine spielbare Version neu zusammenstellen.
Die Handlung um den mittelalterlichen Volkstribunen Cola di Rienzo, der aus einfachen Verhältnissen aufsteigt, die römische Adelsmacht bricht, eine Friedensrepublik ausruft und schließlich am eigenen Hochmut scheitert, während das Kapitol in Flammen aufgeht, zeigt unverkennbar Wagners Vorliebe für das tragische Finale. Die ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka inszenierten das Werk ohne aufdringliche Regie-Exzesse, aber mit prägnanten Bildern aus der Welt moderner Wahlkämpfe. Szemerédy bekannte in einem Interview: „Gerade ‚Rienzi’ hier in Bayreuth zu inszenieren, empfinde ich als eine enorme Verantwortung.“ Ihre Kollegin Parditka ergänzte: „Das Stück ist wie ein Mahnmal“ und fügte an: „Letztlich dreht sich ‚Rienzi’ um das Thema Eigenverantwortung. Die Masse singt: ‚Wann machst du uns frei?’ Dabei wäre doch die wichtigere Frage: Tu es selbst. Denke selbst. Laß dich nicht führen“ – was nicht nur mit Blick auf das allgegenwärtige Dritte Reich eine hochaktuelle Botschaft ist.
Das Premierenpublikum am Sonntag erlebte eine musikalische und musikhistorische Sternstunde und bedachte sie zu Recht mit viel Beifall. (rk)
Bildquelle: Wikimedia/Rico Neitzel – https://www.rizi-online.de/CC BY-SA 2.5
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