Kein Interesse an Beutekunst
Die Begriffe Raubkunst und Beutekunst spielen in der aktuellen kunsthistorischen und museumspädagogischen Diskussion eine Rolle. Unter Raubkunst werden diejenigen Kunstwerke verstanden, die in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig oder moralisch fragwürdig von Verfolgten des NS-Systems erworben wurden. Wobei „moralisch fragwürdig" viel Interpretationsspielraum zuläßt. Die Zahl der betroffenen Kunstwerke soll mehrere 100.000 betragen haben. Aufgrund diverser Gesetze, wie des Bundesrückerstattungsgesetzes von 1957 oder der Washingtoner Erklärung von 1998, wurden viele einst geraubte Kunstwerke ausfindig gemacht und an die Nachkommen der ehemaligen Eigentümer zurückgegeben.
Ausstellungshallen wie das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal haben deshalb die gezeigten Kunstwerke mit daneben angebrachten „Provenienz-Ampeln" versehen. Bei „Grün" ist die Herkunft des Objekts lückenlos geklärt. Es gilt als „unbelastet". Bei Orange weist die Herkunft noch Lücken auf, oder es besteht ein „Verdacht". Bei „Rot" handelt es sich um NS-Raubkunst oder Objekte mit sehr lückenhaften Nachweisen. Die „Provenienz-Ampel" reiht sich ein in die Welt der Gütesiegel, die anzeigen sollen, ob ein Produkt „Fairtrade" gehandelt und ohne Kinderarbeit hergestellt wurde, vegan oder Gentechnik-frei ist. Die „Provenienz-Ampel" wirkt wie der „Nutri-Score" im Aldi-Regal. Ist das eine für diejenigen, die Nährwertangaben über Geschmacksgenuß stellen, so ist das andere für diejenigen Besucher, die der Anblick der Gemälde offenbar so langweilt, daß sie sich eher mit grünen oder roten Ampel-Punkten beschäftigen. Über allem steht das Gefühl, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Für Produzenten und Konsumenten, Aussteller und einzelne Betrachter.
Lag die Beschäftigung mit der NS-Raubkunst im Trend der die Nachkriegsjahrzehnte dominierenden Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, so hat sich im Zuge der postkolonialen Ideologie das Interesse langsam auf außereuropäische Sammlungsstücke der Kolonialzeit verlagert. Beispielsweise das Berliner „Humboldt-Forum" beschäftigte sich mit der „Postkolonialen Provenienzforschung" in bezug auf seine völkerkundlichen Sammlung. Vorgänge einer anderen Zeit werden dabei nicht selten aus dem verengten moralischen Blick der Gegenwart bewertet. Aus dem so gezimmerten Kolonialschuld-Narrativ können dann medienwirksame Rückgabe-Inszenierungen folgen, wie jene der „Benin-Bronzen" 2022 durch Außenministerin Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Der nigerianische Staat gab die Werke kurz darauf an den Oba (König) von Benin, Ewuare II., weiter. Restitution kennt eben stets einzelne materielle Profiteure.
Zurückhaltender sind Medien und Politik hingegen bei der Beutekunst. Das meint Kunst, die im Zuge von Kriegshandlungen entwendet wurde. Beutekunst gab es häufig in der Geschichte, so beim „Prager Kunstraub" der Schweden 1648 oder bei den Napoleonischen Kriegszügen. Beutekunst betrifft aber heute in erheblichem Maße nach 1945 aus Deutschland gestohlenes Kulturgut. Zwar tauchen auch noch immer mal wieder Kunstwerke auf, die nach 1945 von US-Soldaten nach Amerika gebracht wurden, vor allem aber lagern bis heute in Rußland noch über eine Million kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter und rund 3,6 Millionen historische Bücher. Obwohl illegal von der Roten Armee verschleppt, entschied das russische Parlament 1997, daß die Beutekunst nun legitimes Eigentum Rußlands sei.
Eine konservative Wochenzeitung aus Berlin widmete sich Ende April der Anfrage eines AfD-Bundestagsabgeordneten hierzu. Interessant waren die Leserkommentare. „Das deutsche Nazi-Regime hat ziemlich barbarisch gehaust in Rußland und zum Beispiel russische Kriegsgefangene vorsätzlich verhungern lassen. Ich denke deshalb, wir sollten denen den Plunder schenken, den sie bei uns abgeholt haben", kommentierte ein Leser. „Krieg verloren; Ende", schrieb ein anderer. Ein dritter hievte das Thema auf die Ebene des aktuellen Rußland-Ukraine-NATO-Konflikts: „Wäre doch ein triftiger Grund, endlich mit dem Verteidigungskrieg gegen den pösen Putin zu beginnen." Diese Kommentare zeigten, daß sich Desinteresse an und Entfremdung von nationalem Kulturgut offenbar selbst in konservativen Leserkreisen finden. Und zwar in deutlichem Gegensatz zum vehementen Engagement der Vertreter postkolonialer Schuldideologie. Wenn also schon unten nur ein Achselzucken herrscht, weshalb sollten dann Medien und Politik mehr nationales Interesse zeigen?
Dr. Claus-M. Wolfschlag ist freier Publizist.
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