Kaiserliche Bestattung mit Hindernissen
Dieser Tage wurde in Deutschland ein Kaiser beigesetzt. Sie haben davon nichts gehört? Nun, es geschah vergleichsweise in aller Stille. Obwohl die Zeremonie immerhin in Anwesenheit des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und des Kulturstaatsministers der Bundesrepublik Deutschland abgehalten wurde, berichteten die Massenmedien eher wenig darüber. Wo dies doch geschah, dann aus der Perspektive vorausgegangener genetischer Untersuchungen von Verwandtschaftsgraden oder sonstiger archäologischer Details.
Wir reden von Otto I., dem „Großen“, dem ersten gewählten deutschen König, der auch die römische Kaiserkrone trug und damit eine Tradition begründete, die von 962 bis 1806 ununterbrochen andauerte. Dem von deutschen Fürsten gewählten Staatsoberhaupt stand in diesem Zeitraum die Option offen, auch Römischer Kaiser zu werden. Das trat zunächst nicht bei jedem König von Deutschland ein, und erst von der Frühen Neuzeit an regelmäßig. Jedenfalls vermochte kein anderes europäisches Staatsoberhaupt, diese lange Reihe unter Umgehung des deutschen Wahlprozesses zu durchbrechen. So blieb es, bis schließlich der selbstgekrönte Kaiser des revolutionären Frankreich alias Napoleon Bonaparte diese Tradition nach gut 850 Jahren Dauer mit Gewalt beendete.
Nun wären wir nicht in Deutschland, wenn nicht alles Historische ein Problem wäre und das Ergebnis regelmäßig die Selbstverleugnung. Das ist nicht neu. Schon im Jahr 1962 wurde lebhaft gestritten, ob das anstehende Jubiläum von tausend Jahren Kaiserkrönung Ottos I. von Staats wegen gefeiert werden dürfe. „Tausend Jahre“ feiern, so kurz nach 1945, davon wurde letztlich Abstand genommen.
Auch dieser Tage fielen die Begleitreden zur Neubeisetzung Ottos I. eher allzu typisch bundesrepublikanisch aus. Dabei wurde der vor mehr als tausend Jahren Verstorbene aber zugleich kräftig politisch in die Pflicht genommen.
Der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer sagte in diesem Zusammenhang mit Blick auf „heutige Politiker“: „Ein Rassist kann nicht Deutscher sein. Dem laßt uns fröhlich widerstehen mit dem Geist Ottos, mit dem Geist der Liebe statt des Hasses.“
Vor rund 600 geladenen Gästen aus „Politik, Kultur und Gesellschaft“ griff auch Staatsminister Wolfram Weimer in den heute üblichen Phrasenkasten und läßt sich dazu auf seiner eigenen Weltnetzseite zitieren: „Otto der Große steht wie kaum ein anderer für Stabilität und Kontinuität. Er war ein Großer, dessen Herrschaft auf Haltung und entschlossenem Handeln beruhte.“
Mit Blick auf die strategischen Bündnisse Ottos und seine enge Zusammenarbeit mit der Kirche betonte der Staatsminister: „Vor allem aber verstand er, daß Einheit nur geschaffen und bewahrt werden kann, wenn wir in unseren Nachbarn Freunde sehen, Verbündete suchen und den Blick auf das richten, was uns miteinander verbindet. Dieses Vermächtnis ist auch heute von Bedeutung. Es liegt an uns, es zu bewahren, weiterzutragen und lebendig zu halten.“
Fast überflüssig scheint es zu erwähnen, daß allseitig zugleich von einer „Vereinnahmung“ des Kaisers für nationalistische Zwecke gewarnt wurde. „Otto sei kein ‚deutscher Kaiser‘ mit einem völkischen Staatsbild gewesen. Vielmehr habe er sich als Europäer verstanden, geprägt von einem christlich-inklusiven Weltbild“, heißt es auf der Seite des Kulturstaatsministers.
Otto der Große nun also als eine Art Prediger der universellen Liebe und der Verständigung mit allem und jedem, das ist die offiziöse Deutung, die ihm mit ins neue Grab gegeben wurde. Dazu gab es einen Sarg aus Titan, Gold und allem, was nach heutiger Materialkunde sonst noch ewig halten wird. Die Kosten allein für den Sarg sollen in sechsstelliger Höhe gelegen haben. Man darf also davon ausgehen, daß zumindest das materiell verbliebene Erbe Ottos des Großen und seine sterblichen Überreste der Bundesrepublik Deutschland ein Anliegen sind.
Mit dem immateriellen Erbe sieht es dagegen nicht so gut aus. Ob sich Otto I. als „Europäer“ verstanden hat, darf füglich bezweifelt werden. Er war Christ, Katholik, König eines ostfränkisch-, sächsisch-, alemannischen Reiches, das noch nach seiner neuen Eigenbezeichnung suchte und sie schließlich in „deutsch“ auch fand.
„Das Volk aber sagte viel zu seinem Lob in dankbarer Erinnerung“, schreibt der zeitgenössische Historiker Widukind nach Ottos Tod, „wie er sie von ihren Feinden befreit, Italien unterworfen, die Götzentempel benachbarter Stämme zerstört und Kirchen und geistliche Stände eingerichtet habe“. In der Tat: Otto I. bekämpfte und besiegte Slawen, Dänen und Ungarn und manch andere mehr. Die Feinde draußen zu halten, das ist aber ein Vermächtnis, dem sich die Bundesrepublik erst wieder annähern muß, bevor angemessen beerdigt werden kann.
Dr. Stefan Scheil ist Historiker und Publizist.
Kommentare 0
Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten!