ZUERST!-Hintergrund: Iran, die Huthis und die Meerengen: Wie Amerikas Ordnung am Golf zerfällt
Riad/Teheran. Gut ein halbes Jahr nach dem US-israelischen Überfall auf den Iran gerät das Mächtespiel am Persischen Golf vollends ins Rutschen – mit Auswirkungen weit über die Region hinaus. Zu den Hauptbetroffenen dürften vor allem die Europäer gehören, die den Schuß aber noch nicht gehört haben.
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Mehr denn je hängt die Weltwirtschaft in diesen Wochen an zwei Nadelöhren. Seit Mitte September kontrollieren die USA, der traditionelle Hegemon im Mittleren Osten, keines von ihnen mehr. Am Persischen Golf entscheidet Teheran, welcher Tanker die Straße von Hormus passieren darf – die einschneidendste Änderung der regionalen Ordnung. Und am Ausgang des Roten Meeres haben sich seit der Einnahme der Insel Perim die jemenitischen Huthis festgesetzt. Dazwischen liegt Saudi-Arabien, jahrzehntelang Tankstelle der Welt und Juniorpartner der Vereinigten Staaten – und nun in einer tödlichen strategischen Klemme.
Am Morgen des 10. September trafen Drohnen mehrere Pumpstationen der Ost-West-Pipeline, jener rund 1200 Kilometer langen Leitung, über die die Saudis bisher ihr Öl am blockierten Golf vorbei nach Yanbu am Roten Meer pumpen konnten. Vier bis fünf Millionen Barrel täglich hatte sie zuletzt befördert. Die Fluggeräte kamen aus der irakischen Provinz Maysan, wo pro-iranische Milizen das Sagen haben. Das Energieministerium in Riad sah sich gezwungen, die Leitung abzuschalten, der saudische Ölriese Aramco setzte die Beladung in Yanbu aus. Parallel dazu stießen die Huthis entlang der Küste vor, eroberten die Hafenstadt Mokka und besetzten am Tag nach dem Anschlag die Insel Perim in der strategisch wichtigen Straße von Bab al-Mandab. Die Meerenge befindet sich jetzt im Feuerradius ihrer Raketen. Durch sie laufen normalerweise bis zu 15 Prozent des Welthandels.
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman griff angesichts der Bedrängnis zum Telefon. Nach übereinstimmenden Berichten von Axios und Reuters bat er US-Präsident Donald Trump um ein militärisches Eingreifen gegen die Huthis. Der Präsident lehnte ab und bot lediglich Aufklärungsdaten an. Der Nahostexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht das Königreich in der Bredouille: „Für die Saudis kann diese Situation existenzbedrohend sein.“ Mit beiden Meerengen unter feindlichem Zugriff kann Riad nur noch etwa ein Drittel seiner gewohnten Rohölmengen verkaufen. Da der Ölexport mehr als 60 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht und die Saudi-Monarchie den Alltag ihrer Untertanen großzügig subventioniert, droht aus der Handelskrise eine Staatskrise zu werden.
Daß die Huthis ausgerechnet jetzt zuschlagen, ist eine Folge ihrer Zähigkeit, die sich nun auszahlt. Nach dem Streit um Hadramaut Ende 2025 zogen die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Soldaten ab und drehten ihren jemenitischen Verbündeten den Geldhahn zu. Zurück auf dem Kriegsschauplatz blieben nur noch Verbände auf dem Papier. Riad, das selbst seit einem Jahrzehnt ohne greifbaren Erfolg im Jemen Krieg führt, ließ sie im Regen stehen, ohne auch nur ein Flugzeug aufsteigen zu lassen. Im neuen Ringen um die Golfregion gehören die Saudis zu den am meisten Gedemütigten.
Die Huthis verfolgen dabei zwar eigene Ziele, sind aber gleichzeitig Waffenbrüder Teherans. Ihre Sperre in der Straße von Bab al-Mandab trifft vorerst nur saudische Schiffe; sie ist ein Faustpfand. Der russische Politologe Kirill Semjonow erläutert, worum es geht: „Die Huthi wollen, daß die gegen sie verhängte Blockade – sowohl die Luft- als auch die Seeblockade – aufgehoben wird.“ Gemeint ist die Abriegelung, die eine saudisch geführte Koalition 2015 über den Nordjemen verhängte. Selbst eine Einigung zwischen Washington und Teheran über die gleichfalls blockierte Straße von Hormus würde das Rote Meer deshalb nicht automatisch befrieden. Der ungehinderte Warenfluß durch eines der wichtigsten Nadelöhre der Weltwirtschaft hängt nun ausschließlich vom Wohlwollen der streitbaren Gotteskrieger aus dem jemenitischen Hochland ab. Mehr als vieles andere zeigt dieser Umstand, wie sich die Gewichte in der Region verschoben haben – und der Westen, allen voran die USA, muß tatenlos zusehen.
Amerikas Zurückhaltung erklärt sich aus seinen leeren Waffenarsenalen nach einem halben Jahr Krieg – und den bevorstehenden Midterms. Das Pentagon beziffert den Materialverbrauch im Krieg gegen Iran auf mehr als 22 Milliarden Dollar; bis die Bestände an Raketen und Flugabwehrmunition ersetzt sind, können drei Jahre vergehen. Und wenige Wochen vor den Kongreßwahlen im November scheut Trump jedes überflüssige Risiko. „Aus Trumps subjektiver Sicht mag diese Zurückhaltung plausibel sein“, sagt der Experte Steinberg, „aber aus saudischer Sicht ist das traumatisch. Man wird wieder im Stich gelassen wie im Jahr 2019.“ Damals, nach den Angriffen auf die Anlagen von Abqaiq und Churais, blieben die erhofften Vergeltungsschläge aus. Die Golfmonarchien zogen daraus ihre Lehren. Sie suchten den Ausgleich mit Teheran und ließen Peking 2023 die Versöhnung zwischen Riad und Teheran einfädeln.
Diesmal könnte die Abkehr endgültig sein. „Auch dieses Mal könnte es sein, daß sich Saudi-Arabien den Chinesen zuwendet“, mutmaßt Steinberg. Peking hätte sich damit durch kluge Diplomatie den Platz des Vermittlers am Golf gesichert, ohne auch nur einen einzigen Soldaten zu entsenden – auch dies ein herber Gesichtsverlust für den traditionellen Platzhirsch, die USA.
Lawrence Wilkerson, einst Stabschef unter US-Außenminister Colin Powell, gibt der Saudi-Monarchie nur noch eine Überlebenschance von 50 zu 50. Er erwartet, was naheliegend ist und sich längst abzeichnet, daß sich die Golf-Anrainer mit Iran als neuer Regionalmacht arrangieren.
Tatsächlich geht Teheran aus dem Kräftemessen mit dem größten Punktgewinn hervor. Die Islamische Republik hat den Atommächten USA und Israel über ein halbes Jahr lang erfolgreich die Stirn geboten und behauptet hartnäckig die Kontrolle über die Straße von Hormus; im Süden verschafft ihr der eigenwillige Huthi-Verbündete zusätzliches Gewicht. Israel muß zusehen, wie die Grundlage seiner fragilen Sicherheitsarchitektur zerbröselt. Ein Hormus-Abkommen der Anrainer, wie es Wilkerson für möglich hält, käme ohne Washington und ohne Jerusalem aus. Er verweist auf den omanischen Außenminister, der das Kernproblem der Region nicht in Teheran, sondern in Israel verortet. Tatsächlich ist die Isolation Israels, das sich mit seinem mörderischen Vorgehen im Gazastreifen weltweit ins Abseits manövriert hat, mit Händen zu greifen. Da nützt dem Judenstaat auch sein hochgerüstetes Atomwaffenarsenal nicht viel.
Für Europa könnte die Entwicklung gravierende, ja dramatische Folgen haben, und das schon in nächster Zukunft. Aramco hat einen Teil seiner Öllieferungen für die Europäer gestrichen oder verschoben, Brent-Öl kostet wieder mehr als 100 Dollar, der Dieselpreis an deutschen Tankstellen erreicht Rekordhöhen. Händler warnen, die Tanklager an den saudischen Häfen am Roten Meer reichten nur für fünf bis sieben Tage. Bislang hatte die Umleitung über die Ost-West-Pipeline den Ölpreis im Zaum gehalten; dieser Puffer ist nun dahin. Eine Untersuchung der Observer Research Foundation in Neu-Delhi rechnet vor, daß eine doppelte Sperre der beiden Meerengen ein Viertel des globalen Öl- und Gashandels und 30 Prozent des Seegüterverkehrs träfe. Bei Dünger, Aluminium, Automobilen und Haushaltsgeräten stünden dann 20 bis 40 Prozent der weltweiten Exporte im Stau. Wochenlange Verzögerungen hätten Produktionsstopps in der Industrie, teure Transporte, knappe Düngemittel und magere Ernten zur Folge. Den Hunger spüren zuerst die armen Importländer, die Teuerung aber auch die Europäer. Und der Winter naht.
Rußland reibt sich unterdessen die Hände. Jeder Preissprung beim Öl spielt dem Kreml in die Karten, und die russischen Exportwege führen weder durch Hormus noch durch Bab al-Mandab. Je knapper das Angebot, desto geringer die Neigung der Abnehmer, sich an westliche Sanktionen zu halten. China wiederum gewinnt weniger an Barrel als an geopolitischem Gewicht: es bietet sich als Ordnungsmacht an, ohne Flugzeugträger schicken zu müssen.
Teheran und die Huthis sind dabei, im Mittleren Osten eine neue Ordnung aus der Taufe zu heben – ausgerechnet die beiden Parias des zu Ende gehenden amerikanischen Zeitalters. Für die bisherigen Hegemonialmächte USA und Israel könnte die Demütigung nicht größer sein. Sie werden nicht mehr gebraucht und haben – das hat der Krieg gegen Iran hinlänglich bewiesen – nicht mehr die militärischen Mittel, der Region ihren Willen aufzuzwingen. Auch die Europäer, die ihre Energieversorgung jahrzehntelang dem Schutz des großen US-Verbündeten anvertraut haben, stehen vor einer bitteren Lektion: Washington wird keinen Finger rühren, ihnen bei ihren Energieproblemen aus der Patsche zu helfen. Einmal mehr bewahrheitet sich: wer sich auf die USA verläßt, ist am Ende selbst verlassen. Man wird gut daran tun, sich beizeiten mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren.
Eine geopolitische Analyse von Hagen Eichberger
Bild: Pixabay/gemeinfrei
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