Schicksalstag 7. Oktober 2023: Was inzwischen bekannt ist – und was nicht

Schicksalstag 7. Oktober 2023: Was inzwischen bekannt ist – und was nicht
Foto: Symbolbild

Tel Aviv. Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 ist das Bild eines völlig überraschenden Überfalls auf den ahnungslosen Staat Israel nicht mehr haltbar. Rund 1.200 Menschen wurden nach israelischen Angaben getötet, 251 Menschen als Geiseln nach Gaza verschleppt. Unter den Opfern waren damals mehr als 800 Zivilisten und rund 300 Soldaten.

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Besonders schwer wiegen die inzwischen vorliegenden Erkenntnisse über Warnungen vor dem Angriff. Israelischen Sicherheitsdiensten war bereits mehr als ein Jahr zuvor ein detaillierter Hamas-Angriffsplan bekannt, der sogenannte „Jericho-Mauer“-Plan. Darin wurden wesentliche Elemente des späteren Überfalls beschrieben. Eine Analystin der Einheit 8200 warnte 2023 nach einer Hamas-Übung ausdrücklich vor einem realistischen Angriffsszenario. Ihre Einschätzung wurde jedoch zurückgewiesen. Auch aus Ägypten soll es Warnungen vor einem größeren bevorstehenden Angriff gegeben haben.

Eine Untersuchung der israelischen Armee kam im Februar 2025 zu dem Ergebnis, daß es in den beiden Jahren vor dem Angriff mindestens zehn Warnzeichen gegeben habe. Grundlegende Annahmen seien nicht überprüft worden; selbst Hinweise in der Nacht vor dem Angriff seien nicht als Alarmsignal erkannt worden. 

Auch der Umgang der israelischen Streitkräfte mit den Angreifern und Geiseln ist Gegenstand anhaltender Recherchen und Kontroversen. Dokumente und Zeugenaussagen deuten darauf hin, daß am 7. Oktober an mehreren Stellen die sogenannte Hannibal-Direktive angewandt wurde. Sie soll verhindern, daß israelische Soldaten entführt werden – notfalls unter Inkaufnahme ihres Todes. Berichte von „Haaretz“ und „Yedioth Ahronoth“ beschreiben massiven Beschuß von Fahrzeugen auf dem Weg nach Gaza. Wie viele Israelis dabei durch eigenes Feuer starben, ist bis heute nicht geklärt. Ein ausdrücklicher Befehl, Zivilisten gezielt zu töten, ist nicht belegt.

Hinzu kommen widersprüchliche Aussagen über die Grenzsicherung. Soldaten berichteten von defekten Kameras, fehlenden Waffen und unzureichender Ausbildung. Eine Aussage eines Golani-Soldaten über einen angeblichen Befehl, am Morgen des 7. Oktober bis 9 Uhr keine Patrouillen am Grenzzaun durchzuführen, konnte bislang nicht bestätigt werden. Festzuhalten bleibt aber, daß die Grenze zum Gazastreifen zu den am besten gesicherten der Welt gehört. Wie sie von der Hamas überrannt werden konnte, ist bis heute ein Rätsel.

Umstritten ist auch die politische Verantwortung. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lehnte eine unabhängige staatliche Untersuchung zunächst ab und verwies auf den laufenden Krieg sowie später auf mögliche Befangenheit der Richter. Der Oberste Gerichtshof verlangt eine Begründung für die Verweigerung einer staatlichen Untersuchungskommission. Auch Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara hält eine solche Kommission für den gesetzlich korrekten Weg.

Alles in allem bleibt drei Jahre nach dem 7. Oktober die zentrale Frage unbeantwortet: wie konnte ein derart umfangreicher Angriff trotz vorhandener Warnungen, nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und einer hochgerüsteten Grenzsicherung stattfinden? Nach einer Umfrage der Hebräischen Universität befürworten 72 Prozent der Israelis eine Untersuchung. Sie ist aber bislang unterblieben. Die Aufarbeitung des größten israelischen Sicherheitsversagens seit Jahrzehnten ist damit selbst zum nationalen Streitthema geworden. (mü)

Bild: Hamas-Terrorist schießt am 7. Oktober 2023 in einen Bunker in der Nähe des Supernova-Festivals; Wikimedia/gemeinfrei

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