Lula oder Bolsonaro: Brasiliens Stichwahl entscheidet über die BRICS

Lula oder Bolsonaro: Brasiliens Stichwahl entscheidet über die BRICS
Foto: Symbolbild

Brasilia/Washington. Am 25. Oktober entscheiden die Brasilianer in einer Stichwahl darüber, wer das größte Land Lateinamerikas künftig führt. Im ersten Wahlgang am 4. Oktober konnte keiner der 13 Kandidaten die absolute Mehrheit erreichen. Rund 47 Prozent entfielen auf Flávio Bolsonaro, den Sohn des seit 2025 inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, 45 Prozent auf den amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (wir berichteten).

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Mit der Wahl Ende Oktober ist eine hochbrisante geopolitische Entscheidung verbunden: bleibt Brasilien auch künftig eine tragende Säule des BRICS-Blocks – oder wird es zum Spielstein der amerikanischen Hemisphärenpolitik?

CNN kommentierte zutreffend: „Die Abstimmung wird darüber entscheiden, ob sich das größte Land der Region dem wachsenden konservativen Block anschließt, der US-Präsident Donald Trump unterstützt, oder ob es die von Lula eingeleitete multipolare Außenpolitik fortsetzt.“

Die Linke hat in Lateinamerika in den letzten Jahren rasant an Boden verloren. In Kolumbien und Peru verlor sie im Juni 2026 Wahlen, in Venezuela wurde der sozialistische Machthaber Nicolás Maduro Anfang Januar im Zuge eines US-Handstreichs gestürzt, Kuba leidet unter einem brutalen US-Embargo. Brasilien unter Lula galt als letzte starke Bastion der gemäßigten Linken. Bolsonaro verspricht nun, das Land außenpolitisch neu auszurichten. Er will die brasilianische Beteiligung am BRICS-Verbund überdenken. Von einem Austritt spricht er nicht, doch wäre es bereits folgenschwer genug, den Weg seines Vaters einzuschlagen, der die BRICS-Beteiligung Brasiliens während seiner Präsidentschaft auf ein Minimum herunterfuhr.

„Unsere Außenpolitik muß auf Professionalität und Pragmatismus beruhen, nicht auf Ideologie“, sagt Bolsonaro. Lulas Engagement in der BRICS-Runde – die Befürwortung nationaler Währungen im Handel, die Stärkung der Beziehungen zum Globalen Süden, die Entdollarisierung – hält er für ideologisch motiviert. Anstelle der BRICS will er den Schwerpunkt auf bilaterale Beziehungen zu den USA, Argentinien und Israel legen. Das käme der amerikanischen „Donroe-Strategie“ entgegen, die eine dominierende Rolle der USA in der westlichen Hemisphäre vorsieht, und würde Trump dabei helfen, die Integration innerhalb der BRICS zu untergraben. Zugleich würde ein Verzicht auf jegliche Verurteilung Israels die Beziehungen Brasiliens zu den muslimischen BRICS-Staaten beeinträchtigen.

Andrei Pjatakow vom Lateinamerika-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften sagt gegenüber der Zeitung „Wsgljad“: „Unter Bolsonaro senior erhielt Brasilien von den USA den Status eines wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten (Major Non-NATO Ally, kurz MNNA), unter seinem Sohn könnte die Zusammenarbeit weiter gestärkt und ausgebaut werden.“ Zudem will Bolsonaro „aufhören, vor China zu kriechen“. Einen Bruch mit Peking kündigt er nicht an; zu groß wäre der Widerstand in der eigenen Wählerschaft. China ist seit etwa 2009 Brasiliens größter Handelspartner. 2025 beliefen sich allein die Agrarexporte nach China auf rund 55 Milliarden US-Dollar. Im Falle eines Wahlsiegs könnte der angekündigte Kurswechsel jedoch bedeuten, daß amerikanische Unternehmen Vorteile auf dem brasilianischen Markt erhalten.

Bolsonaro gilt als Favorit. Er lag im ersten Wahlgang zwei Prozent vor Lula, ein erheblicher Teil der Wähler der anderen, überwiegend rechten Kandidaten dürfte zu ihm überlaufen. Lateinamerikaexperte Pjatakow verweist auch auf die hohe Wahlenthaltung: „33 Millionen Brasilianer haben beschlossen, zu Hause zu bleiben, obwohl die Teilnahme an der Wahl verpflichtend ist. Das zeugt von einer Enttäuschung über die Politik als solche, und vor diesem Hintergrund erhält die stärker mobilisierte rechtsgerichtete Wählerschaft deutliche Vorteile.“

Parallel zum ersten Durchgang der Präsidentenwahl wurden am 4. Oktober auch die Gouverneure, das Repräsentantenhaus und ein erheblicher Teil des Senats gewählt. Bei allen drei Wahlen lag Bolsonaros Liberale Partei vor Lulas Arbeiterpartei. Vieles spricht dafür, daß sich hier tatsächlich ein Richtungswechsel ankündigt. Er hätte globale Auswirkungen – und der große Gewinner wäre Uncle Sam. (mü)

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