Bruderzwist beim RN: Marine Le Pen übernimmt wieder die Führung

Bruderzwist beim RN: Marine Le Pen übernimmt wieder die Führung
Foto: Symbolbild

Paris. Kenner der Szene erinnern sich noch an das Jahr 2015. Damals warf die heutige Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National (RN), der damals noch Front National hieß, ihren Vater Jean-Marie Le Pen nach langen Querelen aus der Partei und übernahm selbst das Ruder. Le Pen senior hatte die Partei mitgegründet und seit 1972 geführt.

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Prominente Familienquerelen und Abspaltungen hatte es in der jahrzehntelangen Geschichte der französischen Rechtspartei immer wieder gegeben. Marine Le Pen verordnete ihr seit ihrer Machtübernahme einen Kurs der „Ent-Diabolisierung“, der ihr vor allem den Zugang zu bürgerlichen Wählerschichten eröffnen sollte. Alles in allem scheint das Manöver geglückt. Nachdem die Gerichte bestätigt haben, daß Marine im Frühjahr 2027 als Kandidatin in die Präsidentschaftswahl gehen kann, attestieren ihr die Umfragen Traumwerte. Die meisten gehen davon aus, daß sie es mit Sicherheit in die Stichwahl schafft – und viele sehen sie, egal, wer ihr Konkurrent ist, sogar als Siegerin im zweiten Wahlgang.

Nur: es gibt noch eine Größe im Spiel – den derzeitigen Parteichef des RN, Jordan Bardella. Er war, so lange das Damoklesschwert des Kandidaturverbots über Marine Le Pen schwebte, vorsorglich zu ihrem designierten Nachfolger aufgebaut und sicherheitshalber als Parteivorsitzender installiert werden. Für den Fall, daß Le Pen Marcon als Staatschefin beerben würde, sollte Bardella Regierungschef werden. Er richtete sich in seiner Position ein. Doch inzwischen ist diese Konstruktion überflüssig. Marine Le Pen kann wieder selbst in den Ring steigen. Bardellas Stern beginnt zu sinken.

Als er Ende Juli zum Auftakt der Präsidentschaftskampagne seinen 31. Geburtstag feierte, machten Beobachter frische Gräben aus: Le Pen wurde von den Anhängern frenetisch gefeiert, der Parteichef wirkte distanziert. Als die Marseillaise gesungen wurde, holte Le Pen ihn demonstrativ an ihre Seite. Aber der Schulterschluß trügt.

Schon in Sachfragen treten Unterschiede hervor. Le Pen kündigte ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Raum an und hält an der Rückkehr zum früheren französischen Rentenmodell fest, das zwar bürgerfreundlicher, aber praktisch unbezahlbar ist. Bardella, der allgemein als wirtschaftsnäher gilt, distanzierte sich von einzelnen Punkten. Im Ukrainekonflikt bemüht er sich um eine größere Distanz zu Moskau; Louis Aliot, Bürgermeister von Perpignan und zeitweise Lebensgefährte von Marine, erklärte dagegen, eine künftige RN-Regierung werde die Unterstützung für Kiew zurückfahren. Es ist vermutlich als Geste des parteiinternen Burgfriedens gedacht, daß sich Le Pen und Bardella kürzlich auf eine neue Linie einigten und demonstrativ auf Distanz zu Moskau gingen; plötzlich – und für viele überraschend – gilt der Kreml als feindliche Macht, deren Einmischung in die französische Politik man sich barsch verbittet.

Auch personelle Umgruppierungen lassen darauf schließen, daß Bardella, der Ziehsohn Le Pens, seine besten Tage hinter sich hast. Sein wirtschaftspolitischer Berater François Durvye, der über gute Beziehungen zu geldigen konservativen Kreisen verfügt, wurde kurzerhand vor die Tür gesetzt. Auch Bardellas bisheriger Pressemann verlor seine Funktion. Sie wird neuerdings von Nolwenn Olivier wahrgenommen, Le Pens Nichte und pikanterweise frühere Lebensgefährtin Bardellas. Die Tageszeitung „Le Monde“ weiß darüber hinaus von weiteren Verschiebungen zugunsten langjähriger Vertrauter Le Pens zu berichten.

Eine besonders brisante ist eine andere Nichte Le Pens – Marion Maréchal. Sie war 2022 zum rechten Quereinsteiger Éric Zemmour gewechselt und gründete später eine eigene Partei. Doch inzwischen ist längst wieder familiäre Annäherung angesagt. Marion Maréchal wird verstärkt wieder in Partei und Wahlkampf eingebunden. Bardella ist sich eines sinkenden Sterns offenbar bewußt. „Sie oder ich“, soll er als Reaktion auf die neue Konstellation gesagt haben.

Beobachter ziehen aus alledem vor allem einen Schluß: die Partei ist wie von jeher nicht nur eine Schlangengrube, sondern ein Familienunternehmen. Das war schon unter Gründer Jean-Marie Le Pen nicht anders. Auch dieser hatte sich mit Bruno Mégret in den achtziger Jahren einen talentierten Ziehsohn herangezogen, der in den Neunzigern dann das Handtuch geworfen und eine neue Partei gegründet hatte, den Mouvement national républicain (MNR). Die Abspaltung versank rasch in der Bedeutungslosigkeit.

Jordan Bardella, der dafür zu jung ist, hat das abschreckende Beispiel womöglich nicht vor Augen. Wenn er klug ist, läßt er von einer Parteigründung aus gekränkter Eitelkeit die Finger und arrangiert sich besser mit Hausherrin Marine Le Pen. Am Ende ist das lohnender als der Sturz ins politische Niemandsland. (mü)

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