Sturm im Wasserglas: Salvini sprach vom Duce-Balkon – na und?

12. Mai 2019
Sturm im Wasserglas: Salvini sprach vom Duce-Balkon – na und?
International
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Forlì. In Italien regen sich politisch korrekte Meinungswächter über einen weiteren angeblichen „Tabubruch“ von Innenminister Salvini auf: dieser erdreistete sich jetzt, von einem Balkon in Forlì in Norditalien eine Rede zu halten – ganz wie vor 75 (!) Jahren der frühere „Duce“ Benito Mussolini.

An den Laternenpfählen auf der Piazza Saffi vor dem Palazzo Comunale hatte der Duce damals zur Abschreckung vier Partisanen aufhängen lassen, die tags zuvor getötet worden waren. Die Laternen stehen heute noch – als Mahnmal gegen die Diktatur und zum Gedenken an die vier Partisanen.

Den Balkon über der Piazza Saffi als Redebühne zu benutzen, war während der letzten 75 Jahre praktisch undenkbar. Doch irgendwann hat alles sein Ende. Salvini pries in seiner Balkonrede die Vorzüge der chemischen Kastration von Sexualstraftätern und warnte vor einem „islamischen Kalifat“ in Brüssel. Seine Gegner bezeichnete der Lega-Chef bei dieser Gelegenheit als „Zecken“.

Natürlich zeigten sich politische Gegner empört und betroffen. „Der Innenminister hat es für passend gehalten, die Massenveranstaltungen des faschistischen Regimes zu imitieren“, kritisierte Davide Drei, der sozialdemokratische Bürgermeister von Forlì. Und die örtliche Sekretärin des linken PD halluzinierte ein „groteskes Déjà-vu“. Salvinis Auftritt belege, mit welcher Unverfrorenheit der Innenminister den Italienern ein neues Geschichtsbild eintrichtern wolle.

Salvini ficht das nicht an. Er hatte in erfrischender Deutlichkeit erst kürzlich klargemacht, was er vom etablierten Geschichtsbild hält – nichts. Am 25. April, dem italienischen Feiertag der „Liberazione“, der „Befreiung“ vom Faschismus, hatten er und die anderen Lega-Minister demonstrativ die Feierlichkeiten boykottiert.

Salvini selbst bezeichnet die Vorwürfe, er verharmlose den Faschismus, um in Italien demnächst wieder ein autoritäres Regime etablieren zu können, als „lächerlich und hysterisch“. „Diese alten Kategorien langweilen mich“, erklärt er – und findet im übrigen bei vielen Italienern Zustimmung. Laut jüngsten Umfragen beurteilen 48 Prozent der Befragten seine politischen Leistungen als positiv. (mü)

 

Bildquelle: Ministry of the Interior – http://www.interno.gov.it/it/ministero/matteo-salvini/CC BY 3.0 it

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