Pekings Strategie – Droht ein Ausverkauf der deutschen Wirtschaft an chinesische Investoren?

13. November 2017
Pekings Strategie – Droht ein Ausverkauf der deutschen Wirtschaft an chinesische Investoren?
Wirtschaft
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Wenn das Reich der Mitte in Deutschland einkaufen geht, ist das keine Schnäppchenjagd. Nein, die Chinesen sind auf Hochwertiges aus, und dafür greifen sie auch gerne tief in die Tasche. Zum Beispiel für den Augs­burger Roboter-Hersteller Kuka. Um 95 Prozent der Aktien zu erwerben, legte Midea, ein börsennotierter Misch­konzern mit dem Schwerpunkt auf Haushaltsgeräten, über 4,5 Milliarden Euro auf den Tisch. Schon Kuka ist mit 13.200 Mitarbeitern weltweit, davon 3.500 am Stammsitz in Augsburg, nicht gerade ein Zwerg. Doch der neue Eigen­tümer zählt zu den 500 größten Kon­zernen auf diesem Planeten und will weiter expandieren. Mit dem neuen Er­werb aus Deutschland wolle man sich „ein neues Standbein mit enormen Wachstumschancen aufbauen“, verriet Midea-Vizechef Andy Gu im Januar der Augsburger Allgemeinen.

Ein fleißiger Einkäufer ist auch der chinesische Mischkonzern HNA, der sich im April 9,9 Prozent der Anteile der Deutschen Bank krallte. Dieser Coupwar nicht der erste, mit einem Volumen von damals 3,4 Milliarden Euro aber der bislang teuerste Fang in Deutsch­land für den Konzern, der in China vor allem als Betreiber der größten privaten Fluglinie sowie von rund 450 Hotels be­kannt ist. Allerdings gilt der Konzern, der nun größter Einzelaktionär der Deutschen Bank ist, als zunehmend zwielichtig, seit selbst die chinesische Finanzaufsicht ein Auge auf ihn gewor­fen hat. Die Bank of America will mit HNA nichts mehr zu tun haben und erklärte „den Abbruch der Geschäftsbeziehungen mit der nicht durchschau­baren Aktionärs- und Konzernstruktur, dem diffusen Geschäftsmodell, zweifel­haften politischen Beziehungen“, wie die österreichische Presse Anfang Au­gust berichtete.

Kurz zuvor war bekanntgeworden, daß der Energiedienstleister Ista aus Es­sen für 4,5 Milliarden Euro von der CKHutchison Holdings des chinesischen Milliardärs Li Ka-shing geschluckt wur­de. Ista hatte als Heizungs- und Wasser­ableser begonnen und beschäftigt der­zeit 5.400 Menschen in 24 Ländern. Die Firma erzielte im vergangenen Jahr ein Ergebnis – vor Zinsen und Steuern – von immerhin 185 Millionen Euro und ist weiter auf Wachstumskurs. Sie zählt heute zu den führenden Dienstleistern für Energieeffizienz. Der „Mega-Deal“ ist nicht das erste deutsche Engagement des Multimilliardärs mit Wohnsitz in Hongkong, so gehören ihm 40 Prozent der Drogeriemarktkette Rossmann, und 2015 hat er in die junge Berliner Firma Jobspotting investiert. Mit 31,2 Milliarden Dollar privatem Ver­mögen bekleidet Li Ka-shing Rang 19 auf der aktuellen Forbes-Liste der reich­sten Menschen der Welt.

Kuka, Deutsche Bank, Ista– Milliar­den, Milliarden, Milliarden. Doch sind diese Käufe nur Einzelfälle, oder sind es Vorboten einer großflächigen Übernahmeattacke der Chinesen auf die Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland? Einige Sorgen in diese Richtung könnte man sich schon ma­chen, wenn man den Kurzbericht 60/2017 des Kölner Instituts der deut­schen Wirtschaft (IW) zur Hand nimmt, der Ende August veröffentlicht wurde. Dem Verfasser Christian Rusche zufolge haben die Aktivitäten chinesischer Investoren in Deutschland seit 2010 spür­bar zugenommen. Zwischen Januar 2010 und Juli 2017 hat er 193 Übernahmen oder Beteiligungen durch Chi­nesen gezählt – nicht alle waren freilich so spektakulär wie die hier angeführten Beispiele. Jeweils 44 Transaktionen fie­len auf die Bundesländer Baden- Württemberg und Nordrhein-Westfalen, es folgten Bayern und Hessen.

Diese Zahlen stehen, wie Rusche herausgefunden hat, in engem Zusam­menhang mit der Intensität der Patentanmeldungen. „Befürchtet wurde, daß wichtiges Know-how aus Deutschland abfließt“, heißt es wörtlich in der Studie. „Diese Befürchtung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, weil die chinesi­sche Regierung mit ihrem Programm ‚Made in China 2025‘ massiv in die Mo­dernisierung der chinesischen Industrie investiert.“ „Made in China 2025“ – das ist der Masterplan: zehn Branchen, in denen China in acht Jahren Weltmarkt­führer sein will. Auch bei Kuka scheint das ein wesentliches Motiv gewesen zu sein, wie Firmenchef Till Reuter der Augsburger Allgemeinen erklärte. Den Käufer habe „vor allem fasziniert, daß Kuka für deutsche Hochtechnologie steht“, so Reuter. Und mit dieser deut­schen Spitzentechnologie soll der riesige chinesische Markt für Automatisierungen erschlossen werden, ob mit Industrierobotern, Haushaltsrobotern oder „Pflegerobotern“.

Die Bundesregierung, die ansonsten angesichts bedrohlicher nationaler Ent­wicklungen eine bemerkenswerte Nach­lässigkeit an den Tag legt, war übrigens von der Kuka-Übernahme nicht begeistert. Sie hätte sich gewünscht, daß Midea mit höchstens 49 Prozent ein­steigt, wie das Handelsblatt erfahren hat. Im Juli war außerdem eine Reihe von Änderungen der Außenwirtschaftsverordnung beschlossen worden, um Akquisitionen durch Nicht-EU-Auslän­der zu erschweren. Für den Erwerb von Unternehmen in kritischen Sektoren gelten seitdem verschärfte Meldepflich­ten, außerdem müssen sich potentielle Verkäufer und Käufer auf längere Prüf­verfahren durch das Bundeswirtschafts­ministerium einstellen. Es werde in je­dem Einzelfall untersucht, „ob der Er­werb die öffentliche Ordnung oder Si­cherheit der Bundesrepublik Deutsch­land gefährdet“, so die Bundesregierung über die neue Regelung.

Doch die IW-Studie scheint zum Zeitpunkt ihres Erscheinens teilweise schon überholt gewesen zu sein, denn kurz zuvor berichteten etwa die Deut­schen Mittelstands Nachrichten (DMN), daß die chinesischen Aktivitäten in Eu­ropa bereits wieder rückläufig seien. So gingen die Übernahmen und Beteiligungen im ersten Halbjahr 2017 von 176 auf 117 gegenüber dem Vergleichs­zeitraum des Vorjahres zurück. Das Vo­lumen schrumpfte gleichzeitig von 72,9 auf nur noch 26,3 Milliarden

US-Dol­lar. Der Trend betrifft auch Deutsch­land, wo das Volumen von 10,5 auf 6,5 Milliarden Dollar sank. Nachlesen kann man diese Daten in einer aktuel­len Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (E&Y). „Die Shoppingtour chinesischer Firmen in Europa geht zwar weiter, allerdings pendeln sich die Aktivitäten langsam wieder auf Normalmaß ein“, so Alexander Kron von E&Y.

Allerdings: Für die Chinesen „ist und bleibt Deutschland ein Premium- Standort und zumindest im industriel­len Bereich das attraktivste Investitionsziel in Europa“, ist sich E&Y-Ex­pertin Yi Sun sicher. Noch liegt das Reich der Mitte aber mit 25 Transaktio­nen im ersten Halbjahr 2017 deutlich hinter Firmen aus den USA zurück, die sich im selben Zeitraum 82 deutsche Unternehmen einverleibten. In der

Zwischenzeit hat man jedoch nicht nur in Deutschland auf die chinesischen Aktivitäten reagiert, auch Peking selbst zieht die Bremse deutlich an. Grund: Die Kapitaltransfers ins Ausland schwä­chen die heimische Währung, und der Staat ist zum Gegensteuern gezwungen. So mußte das Reich der Mitte „seit Sommer 2014 beinahe eine Billion Dol­lar seiner Währungsreserven einsetzen, um den Yuan stabil zu halten“, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Man darf dabei nicht vergessen: Auch wenn China seit Jahrzehnten sei­ne Ökonomie in eine Art „sozialistische Marktwirtschaft“ verwandelt, hat die Kommunistische Partei im Staat immer noch die Fäden fest in der Hand. Und so erließ die Regierung im August eine Di­rektive, wonach „irrationale“ Ankäufe ausländischer Unternehmen künftig zu unterlassen seien. Statt dessen solle lie­ber in die von Staatschef Xi Jinping an­gestoßene Initiative einer „neuen Sei­denstraße“ investiert werden. Seitdem stehen die großen privaten Firmenkon­sortien unter verschärfter Beobachtung, nicht zuletzt deshalb, weil quasi alle chi­nesischen „Global Player“ ihre gigantischen Investitionen durch Kredite fi­nanziert haben und somit bei einem Scheitern als „Rettungskandidaten“ ein Risiko für den Staat darstellen. Das wiederum könnte dem Ruf Chinas als zuverlässiger Wirtschaftspartner massiv schaden.

„Der Chef der Versicherungsgruppe Anbang sitzt bereits im Gefängnis“, meldet die Badische Zeitung. Und auch auf Deutsche-Bank-Anteilseigner HNA haben die Aufsichtsbehörden ein Auge geworfen. Es ist daher wohl keine zu gewagte Prognose, daß chinesische „Mega-Deals“ in Deutschland dem­nächst eher die Ausnahme bleiben. Zu Nachlässigkeit sollte diese Annahme al­lerdings nicht verführen. China hat es weiterhin auf Spitzentechnologie abgesehen, von der es in Deutschland reichlich gibt. Um solch wichtiges Know-how zu erwerben, müssen nicht unbedingt immer Milliarden fließen. Es ist also weiterhin sehr präzise darauf zu achten, welche potentiellen Transaktionen nicht nur der nationalen Sicherheit, sondern auch der ökonomischen Position Deutschlands auf dem Weltmarkt schaden oder nutzen könnten. Denn China ist und bleibt ein cleverer Akteur.

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8 Comments

  1. Achim Beck schreibt:

    Es ist NICHT China, das unser „Tafelsilber“ kauft und uns ausbeutet!
    Es ist das anglo-amerikanische KAPITAL!!!

    Klar hat die Bank of America kein Interesse bei Geschäften, bei denen sie nicht die volle Kontrolle hat und die Regeln bestimmmen kann.

    Es wäre besser, Deutschland würde sich dem Projekt Chinas „dieNeue Seidenstrasse“ anschliessen, das auch von diesem Medium kaum erwähnt wird.

    • Fackelträger schreibt:

      Gebe Ihnen recht, aber ich verstehe nicht ganz, warum Deutschland sich besonders für die Neue Seidenstraße engagieren soll. Haben wir nicht schon mehr als genug chinesischen Ramsch bei uns? Soll deren Import noch einfacher und billiger werden? Deutschland muss wieder auf mehr Autarkie hinarbeiten! Deutsche Firmen, die zum Verkauf anstehen, muss eben der deutsche Staat ankaufen, wenn sich kein deutscher Käufer findet!

      • Kobia schreibt:

        Dafür ist der Zeitpunkt zu spät. Ohne den wie sie nennen „chinesischen Ramsch“ wären Produkte in fast allen Bereichen nicht mehr zu bezahlen. Und was meinen sie mit „Deutschland“ Ich kenne nur das Wirtschaftskonstrukt“ „BRD“ die von der Politikerkaste im Auftrag der Atlantikbrücke fremdverwaltet wird

  2. Fackelträger schreibt:

    Jehova sei Dank werden die meisten Entwicklungen und Erfindungen aus Deutschland sicher schon auf englisch benamst und deren Aufbau wie Fertigung (Patentbeschreibung) ebenfalls in der Globalistensprache.

    So schön einfach macht man es damit den Wissens-und Technologieeinkäufern aus Fernost ohne die „unnötige“ Übersetzungsarbeit mit Irrtumsgefahr…

  3. Teri schreibt:

    Wenn schon Verkauf stattfinden soll (keine Nachfolge o.ä.), ist es für die Mitarbeiter besser, wenn die Firmen an eupäische Firmen verkauft werden (ähnliche Kultur/ Führungstil/ weniger Sprachprobleme in der Kommunikation etc.)
    Aber im Vergleich zu manchen Ländern mit zuviel Öl-Geld und ganz anderen Arbeitsmoral, ist auch China die bessere Alternative.

  4. Sack schreibt:

    Wem gehört die „deutsche“ Wirtschaft?

  5. Fernglas schreibt:

    „Denn China ist und bleibt ein cleverer Akteur.“ Offenbar zu clever für unsere hiesigen Politiker, Manager und Unternehmer. Diese Leute würden den Chinesen sogar noch ihr letztes Unterhemd verkaufen, ohne zu merken, dass sie dann wie der Kaiser ohne Kleider aussehen.

  6. Vorausschau schreibt:

    Es ist bequem ab einer bestimmten Größe und Technologie zu verkaufen. Besser wäre es mit genügend Geld systematisch zu wachsen und hinzuzukaufen. Wo bleiben deutsche Venture-Capital-Unternehmen? Wo ist die deutsche Wirtschaftspolitik, die strategische Schlüsselindustrien weiter entwickelt? Der Verkauf von Kuka, deren Robotik den Kern der Industrie 4.0 bildet, ist nicht nachzuvollziehen. Diese Technologie an China abfließen zu lassen ist Selbstmord auf Raten. Kurzfristige Riesenaufträge und langfristig Technologieabhängigkeit. Wir müssen langfristig und strategisch sowohl technologisch als auch in der Rohstoffbeschaffung von der politischen Bequemlichkeit wegkommen.

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