Historiker Jan von Flocken: „Drei Irrtümer über Martin Luther“

9. Juni 2017
Historiker Jan von Flocken: „Drei Irrtümer über Martin Luther“
Geschichte
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Leben und Werk des großen deutschen Reformators sind auch 500 Jahre danach Legenden und Mißdeutungen ausgesetzt

Der erste Irrtum: Der Thesenanschlag von 1517

In Wittenberg existiert keine Schloßkirche. Sachsens Kurfürst Friedrich der Weise hatte seit 1489 das alte Askanierschloß in seiner Residenzstadt vollständig abreißen lassen. An seine Stelle trat ein neuer Grundbau, dessen Errichtung der Werkmeister Hans von Torgau bis 1496 leitete. Die zum Wohnschloß gehörende Kirche erwies sich in ihrer Urform allerdings als so wenig bausicher, daß bis 1506 eine völlige Umgestaltung vor genommen werden mußte. Diese noch nicht überwölbte Kirche wurde am 17. Januar 1503 „Allen Heiligen“ geweiht, und so heißt sie offiziell noch heute.

Die Kirche diente aber nicht nur als reiner Sakralbau. Nach Gründung der Wittenberger Universität „Leucorea“ (griechisch für „weißer Berg“ als Synonym des Stadtnamens) 1502 wurde sie fünf Jahre später dieser Bildungsstätte beigeordnet und entwickelte sich zu einem akademischen Weiheort. In dem Gotteshaus erhielten Studenten ihre Promotionsurkunden, Dozenten wie der berühmte Philipp Melanchthon hielten hier Vorlesungen, und die wichtigsten Würdenträger der Universität fanden im Chorraum ihre letzte Ruhestätte.

Das hölzerne Hauptportal der Kirche diente der Universität Anfang des 16. Jahrhunderts gleichsam als „Schwarzes Brett“, vor allem für Verwaltungsmitteilungen und Diskussionsbeiträge. Daraus entstand die Legende, der Theologieprofessor Martin Luther habe am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen mit lauten Hammerschlägen an diese Tür geheftet, um zur Diskussion über den Zustand des katholischen Klerus aufzufordern.

Doch die erste schriftliche Darstellung des Thesenanschlags stammt von dem Theologen und Luther-Assistenten Georg Rörer, genannt Rorarius. Er notierte 1541: „Im Jahr 1517, am Vorabend von Allerheiligen, sind in Wittenberg an den Türen der Kirchen die Thesen über den Ablaß von Doktor Martin Luther vorgestellt worden.“ Allerdings war Rörer kein Augenzeuge, denn er kam erst 1522 von der Universität Leipzig nach Wittenberg. Gleiches gilt für die Darstellung von Philipp Melanchthon aus dem Jahre 1546, der ebenfalls kein Augenzeuge gewesen sein konnte, da er erst 1518 als Professor an die Wittenberger Universität berufen wurde.

Sicher erwiesen ist, daß Luther seine 95 Leitsätze in Wittenberg verfaßt hat, und zwar in der damals üblichen Gelehrtensprache Latein als Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum (Diskussion zur Erläuterung der Tugend und der Gnaden). Diese Schrift schickte er am 31. Oktober 1517 mit einem erläuternden Brief an seinen Vorgesetzten Kirchenfürsten, Kardinal Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg und Mainz. Ohne Luthers Wissen wurden die Thesen quasi als Raubdruck erstmals im März 1518 auf Deutsch veröffentlicht und erzielten ihre historische Wirkung.

Luther selbst hat übrigens nie etwas von einem Thesenanschlag erwähnt. Er schrieb nur: „So habe ich einen Disputationszettel herausgegeben, in dem ich Gelehrte einlud, ob sie vielleicht mit mir debattieren wollten.“ Warum entstand dann diese Legende? Sicher um des Effektes willen. Denn es ist natürlich sehr spektakulär, wenn ein Umstürzler seine Thesen mit wilden Hammerschlägen öffentlich an eine Kirchentür nagelt. Dagegen wirkt ein Gelehrter, der an seinen Dienstherrn einen Brief abschickt, eher langweilig.

Der zweite Irrtum: Luther, der Frauenversteher

(…)

Der dritte Irrtum: Luther als Fremdenfeind

Daß nach der osmanischen Invasion Osteuropas und der ersten Belagerung Wiens 1529 durch Sultan Suleiman I. Luther zur Feder griff, ist verständlich. Vom Kriege wider die Türken (1529) und Heerpredigt wider die Türken (1530) stellen einen Alarmruf gegen diese Gefahr dar. Luther bezeichnet die überall Angst und Terror verbreitenden Türken als „Gottes Rute und des Teufels Diener“, als „ein wüster, furchtbarer Zuchtmeister“ und warnt angesichts des fremdländischen Sklavenhandels: „Man verkauft in der Türkei die gefangenen Christen wie das Vieh und wie die Säue; achtet nicht, wer hier Vater, Mutter, Kind oder Weib sei, da wird das Weib dorthin, der Mann hierher verkauft.“

Aber Luther sieht die Türkengefahr auch als Strafe Gottes für die Sünden der Christen. Und diesen stellt er die orientalischen Eindringlinge sogar als nachahmenswertes Vorbild dar: „So wirst du sehen bei den Türken, nach dem äußerlichen Wandel, ein tapferes, strenges und ehrbares Wesen. Sie trinken nicht Wein, saufen und fressen nicht, so wie wir tun, kleiden sich nicht so leichtfertiglich, bauen nicht so prächtig, prangen auch nicht so, schwören und fluchen nicht so, halten großen, trefflichen Gehorsam, Zucht und Ehre gegen ihren Kaiser und Herrn.“ Ja in mancher Hinsicht wünscht sich Luther geradezu türkische Zustände: „Sie haben ihr Regiment äußerlich gefaßt und im Schwang, so wie wirs gerne haben wollten in deutschen Landen.“ Der Mann wußte also zu differenzieren.

Was Luthers angeblichen Antisemitismus betrifft, so hegte der wortgewaltige Glaubenskämpfer ursprünglich die Hoffnung, viele Juden würden sich von ihrem Ritus abwenden und zur Reformation übertreten. In seiner Schrift Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523) kommt durchaus Sympathie für die späteren Gegner zum Ausdruck. Er plädiert darin, die Juden freundlich zu behandeln und sie aus ihrem Ghetto in die Gesellschaft aufzunehmen. Vorwürfe und Gerüchte, die Israeliten würden Ritualmorde an Kindern begehen oder Brunnen vergiften, hält er für gefährlichen Unsinn. Luthers Absicht zielte eindeutig darauf, die Juden zum Christentum zu bekehren. Denn letztlich war das Judentum für ihn die falsche, durch das Wirken von Jesus Christus überflüssig gewordene Religion. Deshalb kritisierte er die Juden ebenso wie die Anhänger der katholischen Papstkirche, und das mit heftig deftigen, zu seiner Zeit durchaus üblichen Vokabeln. Er plädierte für die Einheit von Protestanten, Katholiken und Juden – eine Kirchenspaltung hat Luther niemals gewollt. Ihm ging es darum, durch Argumente aus der Bibel zu überzeugen.

So verfaßte Luther 1538 seinen Brief wider die Sabbather. Anlaß war ein Schreiben, in dem davon berichtet wurde, daß die Juden, anstatt zu Christus bekehrt zu werden, ihrerseits missionarisch tätig seien und Christen zum Judentum verführten; sie behaupteten, der Messias sei noch nicht gekommen und der Juden Gesetz bleibe ewig und müsse auch von den Heiden angenommen werden. Was Martin Luther zunehmend verbitterte, war die Tatsache, daß seine Bemühungen um die Bekehrung der Juden völlig fruchtlos blieben. Vielmehr wurde seine Reformation von zahlreichen Rabbinern abgelehnt und lächerlich gemacht. Voller Zorn veröffentlichte er deshalb Anfang 1543 die Streitschrift Von den Juden und ihren Lügen. Damit wollte er die Andersgläubigen schlicht loswerden, und er empfahl, man möge sie „zum Lande austreiben“. Seine wütenden Tiraden muten heute erschreckend an, aber weiland wurde verbal (und nicht nur auf diesem Gebiet) mit härtesten Bandagen um den wahren Glauben gestritten.

Während seiner letzten Predigt, die Luther gehalten hat, am 14. Februar 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben, äußerte er eine „Vermahnung wider die Juden“. Darin rief er wiederum dazu auf, freundlich an ihnen zu handeln und ihnen den christlichen Glauben anzubieten. „Dort aber, wo sie Christus annehmen, da sollen wir sie als unsere Brüder halten – sonst aber nicht dulden noch leiden.“ Religiöse Intoleranz gehörte im 16. Jahrhundert zu einer ganz gewöhnlichen und von allen Seiten benutzten Praxis. Martin Luther war in dieser Hinsicht nicht besser und nicht schlimmer als seine Zeitgenossen.

Jan von Flocken

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Ein Kommentar

  1. Belsazar schreibt:

    Eines ist sicher, Luther hätte den neuen Bundestag mit Sicherheit , wegen seiner judenfeindlichen Aussagen nicht eröffnen dürfen. Aber bei den Lutherfeiern saßen die dieselben Verhinderer mit andächtigen Gesichtern in der ersten Reihe der Veranstaltungen.

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