Ein tollkühner Plan – Vor 40 Jahren befreite ein israelisches Spezialkommando 98 Geiseln in Entebbe

24. Juli 2016
Ein tollkühner Plan – Vor 40 Jahren befreite ein israelisches Spezialkommando 98 Geiseln in Entebbe
Geschichte
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Die israelische Armee steht trotz einiger Blessuren in den letzten Jahren noch immer im Ruf, zu den besten der Welt zu gehören. Begründet wurde dieser Ruf nicht zuletzt in waghalsigen und am Ende erfolgreichen Unternehmen wie der spektakulären Geiselbefreiung in Entebbe im Juli 1976. Sie jährt sich heuer zum 40. Mal.

Was war geschehen? Am 27. Juni 1976 kam es in Athen zur Entführung eines französischen Airbus durch acht Terroristen der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP) und der deutschen „Revolutionären Zellen“. An Bord: über hundert Geiseln, unter ihnen 105 Juden und israelische Staatsbürger. Nach einer Zwischenlandung in Libyen zwangen die Terroristen die Piloten, die Maschine auf dem Flughafen der ugandischen Stadt Entebbe zu landen. Von Ugandas Präsident Idi Amin, der auf seiten der Palästinenser stand, erhielten die Terroristen offensichtlich Unterstützung. Die Entführer drohten mit der Ermordung der Geiseln, wenn nicht 53 in Israel inhaftierte Terroristen freigelassen würden.

Die Sache wurde schnell brenzlig, denn die Entführer gaben bekannt, daß sie nach dem Ablauf eines dreitägigen Ultimatums mit der Ermordung ihrer Geiseln beginnen würden, wenn man ihre Forderungen nicht erfüllte. Die Entführten waren unterdessen in den alten Flughafenterminal von Entebbe verbracht worden, wo sie ständig bewacht wurden.

Daß die Befreiung durch ein israelisches Kommando gelang, hing am Ende nicht zuletzt mit einer falschen Annahme der Entführer zusammen. Sie glaubten sich in Uganda – 4.000 Kilometer von Israel entfernt – relativ sicher vor einem Befreiungsversuch und nahmen an, Israel verfüge nicht über die technischen Kapazitäten, die weite Strecke rasch und reibungslos zu überwinden. Das war ein Irrtum.

Das größere Problem für die israelische Seite war der Mangel an Informationen über die Situation vor Ort, über den Aufenthaltsort der Geiseln und ihrer Bewacher. Doch hier gaben die Entführer ihren Vorteil unfreiwillig selbst aus der Hand, als sie am 30. Juni 47 nichtjüdische Geiseln freiließen – diese wurden auf schnellstem Weg nach Paris geflogen, wo sie von Mitarbeitern des israelischen Geheimdienstes Mossad eingehend befragt wurden.

Und noch ein besonders glücklicher Zufall kam zur Hilfe, der sich in keinem noch so kühnen militärischen Plan einkalkulieren läßt: Der alte Flughafenterminal von Entebbe war ausgerechnet von einer israelischen Firma errichtet worden, und die Baupläne fanden sich im Firmenarchiv. Auf dieser Grundlage konnte der Einsatzplan ausgearbeitet werden.

Am 1. Juli begingen die Entführer den nächsten Fehler – sie boten Verhandlungen an. Tel Aviv ging darauf ein, auch wenn es vorderhand einen Bruch mit dem ungeschriebenen Gesetz bedeutete, daß Israel nicht mit Terroristen verhandelt. Daraufhin ließen die Entführer weitere 101 nichtjüdische Geiseln frei, verlängerten ihr Ultimatum – und verschafften der israelischen Seite so weiteren Spielraum.

Dennoch: Viel Zeit blieb nicht. Jonathan Netanjahu, Kommandeur der israelischen Spezialeinheit Sajeret Matkal und Bruder des späteren Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, entschied sich für einen riskanten Plan, dessen Gelingen einzig und allein von der Aufrechterhaltung des Überraschungsmoments abhing. Er sah vor, daß sich das Spezialkommando in einem als Präsidentenlimousine getarnten Fahrzeug mit zwei Jeeps als Begleitschutz dem alten Flughafenterminal nähern sollte – in der Hoffnung, daß die ugandischen Wachsoldaten auf den Trick hereinfielen und nicht wagen würden, die Kolonne eines vermeintlich hohen Offiziers oder vielleicht von Präsident Idi Amin höchstpersönlich anzuhalten. Nach der Befreiung sollten die Geiseln auf drei inzwischen gelandete C-130 „Hercules“ verteilt und ausgeflogen werden. Eingeplant war wegen der begrenzten Reichweite der schweren Transportmaschinen ein Zwischenhalt in Nairobi – und die Zerstörung der ugandischen MiG-Jäger, von denen man fürchtete, sie würden die Transporter verfolgen und abschießen.

Am 3. Juli genehmigte das israelische Kabinett den waghalsigen Plan. Da waren die insgesamt vier „Hercules“ bereits in der Luft – das Kabinett konnte nur noch zustimmen und beschloß die Fortsetzung der Befreiungsaktion. Die Maschinen nahmen die Route über das Rote Meer, unterflogen das Radar der Saudis und Ägyptens und trafen um 23 Uhr in Entebbe ein.

Dann ging alles sehr schnell und (fast) reibungslos. Keine hundert Meter vor dem Ziel kam es zu einem Schußwechsel, als ein ugandischer Soldat zu feuern begann. Die Schüsse alarmierten die Entführer im Inneren des Terminalgebäudes, und jetzt mußte das israelische Kommando auf Rücksichtslosigkeit und Schnelligkeit setzen. Beim nun folgenden Schußwechsel wurden alle Terroristen, zwei Dutzend ugandische Soldaten und drei Geiseln getötet. Auch der Kommandant des Befreiungskommandos, Jonathan Netanjahu, fiel bei der Erstürmung des Towers. Er erlag seinen Verletzungen noch auf dem Rückflug. Ihm zu Ehren wurde die Operation posthum in „Operation Jonathan“ umbenannt.

Die ganze Aktion dauerte nicht länger als eine Stunde. Nachdem planmäßig die ugandischen MiGs zerstört worden waren, starteten die vier „Hercules“ mit den befreiten 98 Geiseln. Unter den Männern der Sajeret Matkal gab es außer dem gefallenen Kommandeur nur vier Verletzte.

Doch der israelische Husarenstreich wurde nicht überall gefeiert, es hagelte auch Kritik am Vorgehen Tel Avivs. Der deutsche Völkerrechtsexperte Prof. Ulrich Beyerlin sah in der eigenmächtigen Befreiungsaktion der Israelis einen Bruch des internationalen Rechts. Tel Aviv argumentierte – wie immer – mit seinem „Recht auf Selbstverteidigung“. Beyerlin sah dies nicht gegeben: Israel sei nicht angegriffen worden. Bei der Operation Entebbe stellt sich zudem die Frage nach der Vereinbarkeit militärischer Schutzmaßnahmen eines Staates zugunsten seiner im Ausland angegriffenen Bürger mit dem Völkerrecht und anderen Rechtsansprüchen unterhalb der Schwelle eines Krieges. Alles Fragen, die inzwischen immer mehr an Aktualität gewinnen. (Xaver Warncke)

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Bildquelle: wikimedia/Zachi Evenor
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