Ein Geistesgestörter als Friedensbringer? Vor 75 Jahren: „Führer“-Stellvertreter Rudolf Heß fliegt nach Schottland

26. Juni 2016
Ein Geistesgestörter als Friedensbringer? Vor 75 Jahren: „Führer“-Stellvertreter Rudolf Heß fliegt nach Schottland
Geschichte
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Im Frühjahr 1941 war der Zweite Weltkrieg noch kein Weltkrieg, und Optimisten konnten sich der Hoffnung hingeben, das Ärgste sei bereits überstanden. Die Welt stand noch immer unter dem Eindruck des überwältigenden deutschen Sieges im Westen, als die Wehrmacht Frankreich in einem Sechs-Wochen-Feldzug niedergeworfen hatte. Krieg geführt wurde seither eigentlich nur noch mit England, das sich den verschiedenen Friedensangeboten Hitlers freilich beharrlich verweigerte. Seit kurzem standen sich britische und deutsch-italienische Verbände auch in Nordafrika gegenüber, und im April wurde zudem im Südosten gekämpft, wo die Folgen des deutschfeindlichen Putsches in Jugoslawien und die britische Flankenbedrohung in Griechenland ausgeräumt werden mußten. Aber auch hier war ein Ende absehbar, und bereits am 27. April fiel die griechische Hauptstadt Athen.

Zwei Wochen später geschieht etwas Überraschendes. Am Abend des 10. Mai, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn des Westfeldzuges, passiert gegen 22 Uhr eine zweimotorige Me 110 die nordostenglische Küste. Am Steuer sitzt kein Geringerer als Rudolf Heß, „Stellvertreter des Führers“ und einer der frühesten und treuesten Gefolgsleute Adolf Hitlers. Im September 1939 hat ihn der „Führer“ persönlich zum zweiten Nachfolger nach Hermann Göring bestimmt.

Die britische Luftabwehr, die den Anflug der deutschen Maschine ungläubig registriert, läßt einen veralteten Defiant-Jäger aufsteigen, um die Me 110 zu verfolgen. Doch das erweist sich als überflüssig. Eine halbe Stunde vor Mitternacht kehrt der Jäger zurück, der Pilot meldet: Das deutsche Flugzeug ist um 23.07 Uhr in der Nähe von Eaglesham südlich von Glasgow abgestürzt. Die Wahrheit ist, daß Heß mit dem Fallschirm abgesprungen ist, vom schottischen Heimatschutz aufgegriffen wird und verlangt, einen Lord Hamilton zu sehen, dem er eine wichtige Botschaft zu überbringen habe.

Der Englandflug von Rudolf Heß ist bis heute eines der rätselhaftesten und letztlich ungeklärten Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Am Ende hat Heß, der 1987 als letzter Angehöriger der NS-Führung unter ebenfalls dubiosen Umständen im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis starb, sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Bis heute kann letztlich nur darüber spekuliert werden, was es mit seinem abenteuerlichen Englandflug auf sich hatte.

So oder so: Neun Stunden nach dem Absprung über Schottland, am Sonntag vormittag, wartet Heß’ Adjutant, der 29jährige Karlheinz Pintsch, in der Halle von Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg mit einem versiegelten Brief auf den „Führer“. Doch Hitler schläft noch und darf nicht gestört werden. Endlich, kurz nach zwölf Uhr, kann er den Brief übergeben und melden: „Reichsminister Heß ist gestern abend um 18 Uhr nach Schottland geflogen, um mit dem Herzog von Hamilton zu sprechen.“

Erst am Montag abend findet das Ereignis seinen Weg in die deutschen Rundfunk-Nachrichten. Die offizielle Version, die verbreitet wird, besagt, Heß sei zu einem Flug mit unbekanntem Ziel gestartet und nicht zurückgekehrt. Ein hinterlassener Brief zeige „bedauerliche Hinweise auf geistige Umnachtung“, es müsse damit gerechnet werden, daß Parteigenosse Heß einem Unfall zum Opfer gefallen sei.

Hitler hat lange gewartet – 34 Stunden lang und mit wachsender Nervosität –, bevor er seinen Stellvertreter öffentlich über alle Sender für verrückt erklären läßt. Als keine Nachricht aus England kommt, muß er annehmen, daß Heß’ Mission gescheitert ist. Um sein Gesicht zu wahren, muß er sich öffentlich von seinem Stellvertreter distanzieren.

75 Jahre danach ist die Aktenlage noch immer lückenhaft. Die Akten des britischen Geheimdienstes sind nach wie vor unter Verschluß, und die Dokumente aus dem Kriegs- wie aus dem Außenministerium sind selbst für Wissenschaftler gesperrt – Grund genug für die Annahme, daß London etwas zu verheimlichen trachtet. Die Ermittlungsunterlagen des Reichssicherheitshauptamtes gegen Heß’ Mitarbeiter, die von deutscher Seite her hätten Aufschluß geben können, gelten als verschollen und sind offenbar bei Kriegsende vernichtet worden. So bleibt der spannendste Teil des Falles, die Frage nach den Hintergründen des spektakulären Fluges, nach wie vor im dunkeln. War der Stellvertreter des „Führers“ also dessen Friedensbote, der London das ultimative Friedensangebot des Reiches überbringen sollte? Und inwieweit handelte Heß in Hitlers Auftrag? Hätte der Krieg im Frühjahr 1941 zu Ende sein können?

Als gesichert kann gelten, daß Heß keineswegs allein mit seiner Annahme stand, in England gebe es eine starke Anti-Churchill-Front, die, des Krieges müde, mit Deutschland den Ausgleich suche. Die Kontakte der NS-Führung zu britischen Kreisen, die noch während des Krieges besonders von Heß gepflegt wurden, verdichteten sich im Herbst 1940 in einem Briefwechsel, den Heß mit einflußreichen Mitgliedern der britischen Aristokratie zu führen glaubte, während er offenbar jedoch bereits vom britischen Geheimdienst geködert wurde. Von ihm erfuhr Heß von angeblichen Zerwürfnissen in der britischen Regierung, vom bevorstehenden Sturz von Premier Winston Churchill und friedenswilligen konservativen Politikern.

Je näher der Termin für den Präventivschlag gegen Stalins Sowjetunion rückte und ein Zweifrontenkrieg für Deutschland drohte, desto drängender erschien Heß der Ausgleich mit England. Stichhaltige Hinweise darauf, daß er seine Mission mit Hitler abgestimmt hat, liegen der Öffentlichkeit zwar bis heute nicht vor. Doch das muß angesichts der immer wieder verlängerten Sperrvermerke der einschlägigen britischen Archive nichts besagen. Selbstverständlich ist denkbar, daß Heß unmittelbar in Hitlers Auftrag handelte und den Engländern dessen Friedensvorschläge aus erster Hand überbringen sollte.

Dabei ging es vorrangig darum, daß sich England künftig jeder Einmischung auf dem europäischen Kontinent enthalten und Deutschlands Vormachtstellung in Europa sowie seine sämtlichen Gebietsgewinne anerkennen müsse. Außerdem solle England Deutschland alle seine 1918 entrissenen Kolonien zurückgeben. Im Gegenzug wäre Deutschland bereit, den Bestand des britischen Empire zu garantieren – allerdings müsse England einen neuen Premierminister haben, mit dem anstelle des notorisch kriegsbesessenen Churchill verhandelt werden könne.

Ob Heß dieses Gesprächsangebot mit oder ohne Hitlers Auftrag nach Schottland brachte, wird sich ohne die in den Archiven schlummernden Geheimdokumente nicht klären lassen. So hält sich der Großteil der Historiker einstweilen an die Annahme, daß Heß, dessen Funktion im Krieg immer unbedeutender geworden war, seinem „Führer“ zu Diensten sein und in vorauseilendem Gehorsam den gordischen Knoten zerschlagen wollte. Tatsächlich soll Hitler, als die Nachricht von Heß’ Flug auf dem Obersalzberg eintraf, nach übereinstimmenden Zeugenaussagen über den „Verrat“ seines treuesten Gefolgsmannes schockiert und getroffen gewesen sein. Doch das kann genausogut Teil der Inszenierung gewesen sein, die für den Fall eines Scheiterns der Mission – als „Plan B“ sozusagen – abgesprochen war.

Zur Überraschung Berlins blieb es nach Bekanntwerden der Sensation auf der anderen Seite des Kanals still. London verzichtete darauf, den „Fall Heß“ mit größtmöglicher Orchestrierung propagandistisch auszuschlachten. Warum? Sollte der Eindruck entstehen, man wolle mit Hitler ins Gespräch kommen – um so Washington unter Druck zu setzen? Aber diese Hypothese übersieht, daß Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt ohnehin längst am gleichen Strang zogen und zielstrebig auf einen amerikanischen Kriegseintritt hinarbeiteten.

Ob mit oder ohne Hitlers Wissen – Heß’ waghalsiges und dilettantisch anmutendes Manöver war der letzte Versuch, Deutschland einen neuerlichen Zweifrontenkrieg zu ersparen. Natürlich kannte Heß als leitendes Mitglied des „Ministerrates für die Reichsverteidigung“ den „Operationsentwurf Ost“, den Generalmajor Erich Marcks, Chef des Generalstabs der 18. Armee, in Hitlers Auftrag angefertigt hatte. Der „Operationsentwurf Ost“ war der direkte Planungsvorläufer von „Barbarossa“.

Und genau im Spätsommer 1940 beauftragte Heß seine Sekretärin Hildegard Fath, ihm regelmäßige Wettermeldungen für das Gebiet der Nordsee zu besorgen. Heß flog nach England, weil er als Schüler des Geopolitikers Karl Haushofer, dessen Vorlesungen er einst in München gehört hatte, beim Gedanken an einen weiteren Zweifrontenkrieg erschauerte, dem Deutschland nach allen Lehren der Geschichte und der Geographie nicht gewachsen sein würde. Deshalb setzte er alles auf einen Separatfrieden mit England. Inwieweit der „Führer“, dessen Wertschätzung für die Engländer bekannt war, davon wußte, muß einstweilen offen bleiben.

Die englischen Zeitungen mit ihrem Sinn für „sportsmanship“ waren im übrigen des Lobes voll über den riskanten Alleinflug des 47jährigen Stellvertreters. Ersichtlich war auch: Die monatelangen gründlichen Vorbereitungen waren schwerlich das Werk eines „Geisteskranken“, als den die offiziellen deutschen Meldungen Heß nach dessen Flug darstellten.

Allerdings nützte das Presselob dem waghalsigen Friedensflieger rein gar nichts. Er wurde von seinen britischen Bewachern verhört, verhaftet, weggesperrt und im Nürnberger Prozeß als „Kriegsverbrecher“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Vermutung hält sich hartnäckig, Heß sei in Spandau ermordet worden, weil er im Falle seiner Freilassung durch Sowjet-Führer Michail Gorbatschow mit der Wahrheit an die Weltöffentlichkeit treten wollte. (Xaver Warncke)

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2 Comments

  1. Groko und der Rest schreibt:

    An Geistesgestörten herrschte in Deutschland noch nie ein Mangel.
    Auch heute noch ist das unbestreitbar.

  2. Oreus schreibt:

    Mit welcher Arroganz und Menschenverachtung nimmt man einen Komplementär fest und verbannt ihn ein Leben lang in einem Gefängnis.
    Am Ende wird er ermordet.

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