Furchtbarer Finanzminister – Vor 125 Jahren wurde Henry Morgenthau jun. geboren, der mit einem barbarischen Plan berühmt wurde

20. Mai 2016
Furchtbarer Finanzminister – Vor 125 Jahren wurde Henry Morgenthau jun. geboren, der mit einem barbarischen Plan berühmt wurde
Geschichte
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Wenn der Name Morgenthau fällt, denkt jeder sofort an den fatalen Plan, der sich mit seinem Urheber, eben jenem US-Finanzminister Henry Morgenthau jun., verbindet. Das berühmt-berüchtigte Projekt sah für die 1945 besiegten Deutschen ein schlimmes Schicksal vor.

Tatsächlich hatte der Plan wie sein Urheber eine Vorgeschichte. Morgenthau jun. wurde am 11. Mai 1891 in Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York geboren. Sein Vater, der genauso hieß, war ebenfalls Politiker und bekleidete von 1913 bis 1916 den Posten des US-Botschafters in Konstantinopel, dem späteren Istanbul. Zu seinen bedeutenderen Amtshandlungen zählte ein Bericht über den Völkermord an den Armeniern, den er in der Türkei miterlebte.

Der junge Morgenthau nahm nach der Schule ein Studium der Architektur und Agronomie auf, brachte sein Studium aber nicht zu Ende und wandte sich der Landwirtschaft zu. 1916 heiratete er, hatte mit seiner – ebenfalls jüdischstämmigen – Frau Elinor Joan Fatman drei Kinder und übernahm in den zwanziger Jahren die Zeitschrift American Agriculturist. Das Landleben, nicht die New Yorker Börsenwelt, war sein Faible, und er brachte es zum Vorsitzenden der landwirtschaftlichen Beratungskommission des Staates New York.

Morgenthau war gut mit Franklin D. Roosevelt und seinen Kreisen befreundet. 1932 war er sogar Roosevelts Wahlkampfberater – mit Erfolg, denn Roosevelt zog 1933 ins Weiße Haus ein. Und Morgenthau jun. wurde Finanzminister. Er unterstützte die „New Deal“-Politik, hing allerdings einem ausgeglichenen Staatshaushalt an. Doch der „New Deal“ fruchtete nicht, und so verlegte sich auch Morgenthau aufs Geldausgeben, was die ökonomische Situation des Landes nur noch verschlimmerte.

Man muß kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, Tatsache ist aber, daß Morgenthau Seite an Seite mit Roosevelt und seinen Seilschaften lange vor dem Kriegseintritt der USA eine zielstrebige Eskalationspolitik verfolgte. Er ließ nichts unversucht, um deutsche Auslandsguthaben zu blockieren, konnte aber erst 1942 schalten und walten, wie er wollte. Nun ließ er deutsche Guthaben, deren sein Ministerium habhaft werden konnte, beschlagnahmen und in den USA ansässige deutsche Tochterfirmen unter amerikanische Kontrolle stellen.

In Europa erlangte Morgenthau vor allem durch seinen umstrittenen Plan Berühmtheit, den er im September 1944 skizzierte und der, wie man heute weiß, nicht als amtliches amerikanisches Regierungsprogramm gedacht war, sondern als Diskussionsbeitrag zur Frage, wie nach dem absehbaren Kriegsende mit den besiegten Deutschen verfahren werden solle.

Als sein Papier durch eine gezielte Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangte, konnte sich Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels über eine propagandistische Steilvorlage freuen, denn das nun als „Morgenthau-Plan“ bekannt gewordene Nachkriegskonzept fügte sich nahtlos an die alliierte Forderung nach bedingungsloser Kapitulation an und schien schlimmste Befürchtungen zu bestätigen. Der Durchhaltemoral in Deutschland konnte es nur förderlich sein.

Tatsächlich versprach der Entwurf den Besiegten eine barbarische, ja geradezu apokalyptische Zukunft. Deutschland sollte nicht nur entmilitarisiert, sondern auch in einen Nord- und einen Südstaat aufgeteilt werden. Das Saarland und angrenzende Gebiete schlug der Plan Frankreich zu, Ostpreußen und Oberschlesien Stalins Sowjetunion beziehungsweise Polen. Außerdem forderte er, daß künftig die Vereinten Nationen das Ruhrgebiet und andere Territorien im Westen verwalten sollten. Vor allem aber sollte dort jedwede Industrie demontiert und die gesamte deutsche Wirtschaft für zwei Jahrzehnte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Nie wieder sollte sich Deutschland noch einmal wie nach dem Ersten Weltkrieg erheben und wieder gefährlich werden können.

Während sich Roosevelt das Konzept gar nicht erst zu eigen machte und Morgenthaus Phantasien nie Gegenstand konkreter Planungen wurden, hielt sein Urheber um so hartnäckiger daran fest. Noch ein Jahr später erweiterte er ihn zu einem Buch, mit dessen Titel er seine zentrale Behauptung bekräftigte: Deutschland ist unser Problem.

Historiker sehen im Morgenthau-Plan heute eher eine Art Maximalforderung in der erhitzten Diskussion im Vorfeld des absehbaren Kriegsendes. Als der Krieg dann gewonnen war und sich bald genug die nächste weltpolitische Konfrontation, die mit der UdSSR, am politischen Horizont abzeichnete, hatte die neue US-Administration unter Präsident Truman kein Interesse an ideologisch unterfütterten Racheorgien.

Morgenthau reichte das nicht. Er räumte seinen Posten als Finanzminister und zog sich in die illustre Welt der Think Tanks und Hintergrundzirkel zurück. Das siegreiche Amerika ehrte ihn, indem es ihm noch im gleichen Jahr die Medal for Merit, die höchste zivile Auszeichnung der USA, verlieh. Morgenthau heiratete 1951 ein zweites Mal und starb 1967. (Xaver Warncke)

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3 Comments

  1. Denker schreibt:

    Meines Wissens hat zwar Roosevelt nichts von diesen Vorschlägen gehalten, dafür aber Churchill.
    Jedenfalls kann man davon ausgehen, hätten nicht Amerikaner und Russen die Deutschen jeweils für ihre Interessen einspannen wollen, dann wäre Deutschland für immer niedergehalten worden.
    1989 haben die Russen die Deutschen in die Freiheit entlassen. (sicher mehr aus Schwäche als aus gutem Willen, aber immerhin) Die Amerikaner aber leider nicht… Es ist bekannt, dass jeder werdende Bundeskanzler erst bei den Amis eine Unterschrift leisten muss, bevor er sein Amt antreten kann. (Brandt soll damals schockiert gewesen sein und ernsthaft überlegt haben, ob er unter diesen Umständen das Amt wirklich antritt.)

    • georg Schulz schreibt:

      Der Plan war nicht als denkbeitrag gedacht, sondern lag Roosevelt schon zur Unterschrift vor, als er an die Öffentlichkeit kam. Erst da ruderte Roosevelt zurück.

  2. Aspirin schreibt:

    So etwas erfährt man heute nicht mehr in der Schule. Leider!!

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