Dichter der Nordsee – Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Gorch Fock

5. Mai 2016
Dichter der Nordsee – Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Gorch Fock
Geschichte
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Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Gorch Fock in der Seeschlacht am Skagerrak

Bei dem Namen Gorch Fock denkt man heute vor allem an das Segelschulschiff der Deutschen Marine, das seit 1963 den Zehn-Mark-Schein zierte, daneben, wenn man aus Norddeutschland stammt, auch an eine Mettwurst oder eine Schnapsmarke. Vielleicht hält man ihn auch für einen nautischen Begriff oder vermutet hinter ihm einen Kapitän oder Admiral – nur noch wenige wissen, daß sich hinter diesem nach Seefahrt und Abenteuer klingenden Namen einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbirgt: der am 22. August 1880 auf der Elbinsel Finkenwerder geborene Johann Wilhelm Kinau, dessen Roman Seefahrt ist not! sich allein in Deutschland über eine halbe Million mal verkaufte.

Gorch Fock, wie sich Kinau nach einer norddeutschen Form von „Georg“ und dem Mädchennamen seiner Großmutter väterlicherseits nannte, war von Anfang an mehr ein Markenname als das Pseudonym eines Künstlers. Tagsüber arbeitete der bescheidene und geradlinige Mann in seinem Kontor, abends schrieb er Bücher, die unzählige junge Leute heimlich unter der Schulbank oder der Bettdecke verschlangen. Eigentlich wollte er wie sein Vater Hochseefischer werden, aber aufgrund seiner schmächtigen Konstitution und Neigung zur Seekrankheit mußte er 1895 bei einem Onkel in Geestemünde (heute ein Teil Bremerhavens) eine kaufmännische Lehre beginnen. In den folgenden Jahren besuchte er die Handelsschule in Bremerhaven, war als Buchhalter in Meiningen, Bremen und Halle tätig und erschloß sich in eifrigem Selbststudium die deutschen Klassiker. 1904 kehrte er in den Norden zurück und arbeitete zunächst bei der Zentraleinkaufsgesellschaft deutscher Kolonialwarenhändler und seit 1907 bei der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG). 1908 heiratete er Rosa Elisabeth Reich, mit der er drei Kinder hatte.

Ab 1905 entfaltete Gorch Fock eine rege Publikationstätigkeit und veröffentlichte zahlreiche Gedichte und kleine Erzählungen in verschiedenen Hamburger Zeitungen. 1906 gründete er mit seinem Vetter Hinrich Wrede die niederdeutsche Theatergruppe „Finkwarder Speeldeel“; zwei Jahre später wurde er Vorstandsmitglied der Vereinigung „Quickborn“ und 1911 auch der „Literarischen Gesellschaft zu Hamburg“. Allmählich macht er sich einen Namen als Autor volkstümlicher, vorwiegend plattdeutscher Geschichten und Theaterstücke, darunter die „Finkenwärder Fischer- und Seegeschichten“ Schullengrieper und Tungenknieper (1910) sowie der Einakter Doggerbank und die „Deftige Hamburger Geschichte“ Hein Godenwind, der Admirol von Moskitonien (beide 1911).

1912 war das Jahr seines literarischen Durchbruchs, aber auch einer für sein weiteres Leben schicksalhaften Begegnung: Während der Proben zur Aufführung von Doggerbank am Schillertheater Altona lernte er die neun Jahre jüngere Schauspielerin Aline Bußmann, die Darstellerin der weiblichen Hauptrolle, kennen, die für ihn zur Muse und Seelenpartnerin wurde. Ende November erschien dann (mit der Jahreszahl 1913), wie seine anderen Werke im Hamburger Verlag Glogau, der Roman Seefahrt ist not!, der Gorch Fock schlagartig berühmt machen sollte. Das auf Hochdeutsch verfaßte, aber mit plattdeutschen Dialogen durchsetzte Werk trägt autobiographische Züge, ist aber auch von Theodor Storms Schimmelreiter beeinflußt und schildert das gefahrvolle Leben der Fischer von Finkenwerder. Zweifellos hat der Schriftsteller in dem Leben des jungen Klaus Mewes, der erst nicht zur See fahren sollte, sich dann aber, trotz des Seemannstodes des Vaters, gegen den Willen der Mutter durchsetzte, ein heroisiertes Alter Ego beschrieben.

Natürlich bot sich eine politisierende Lesart des Abenteuerromans in der Zeit der Seerüstung schon aufgrund des Titels an: Die deutsche Flotte sollte unter Großadmiral Alfred von Tirpitz – seit 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamtes – so weit ausgebaut werden, daß eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich für Großbritannien zu einem Risiko würde, blieb aber, trotz eines Budgets von 25 Prozent des gesamten Rüstungshaushalts für den Flottenbau in den letzten beiden Friedensjahren, weit davon entfernt, mit der britischen Seemacht gleichzuziehen. Gorch Fock trat nun auch als patriotischer Redner hervor; der Höhepunkt dieser Betätigung war eine Rede am 27. Januar 1914 im Hamburger Hof anläßlich des Geburtstags Kaiser Wilhelms II.

Als Anerkennung für seinen literarischen Erfolg spendierte die HAPAG ihrem prominenten Angestellten eine luxuriöse Norwegen-Kreuzfahrt, die ihn im Juni 1913 bis nach Trondheim führte. Die Erfahrung der gewaltigen Fjordlandschaften und die Beschäftigung mit der nordischen Mythologie beeindruckten ihn tief. So schrieb er Aline Bußmann pathetisch: „Ich stand Wotan und Donar gegenüber, Auge in Auge, ich fühlte ihren eisigen Atem, ich sah ihre Throne, von der Sonne beschienen und mit Schneeteppichen belegt. Ich verstand, daß hier ein Heldenglaube wie der germanische entstehen mußte […], daß hier die Germanenbibel, die Edda, geboren werden mußte.“

Zwar spricht die Begeisterung für die germanische Mythologie – bzw. die Trauer über deren Untergang – bereits aus früheren Werken Gorch Focks, etwa aus der Erzählung Auf Helgoland (1906), aber die Freundin hat ihn in dieser Haltung nachdrücklich bestärkt: „Daß Sie so deutsch, so germanisch denken, erfüllt mich mit tiefster, höchster Freude“, schrieb er ihr daher. Voller Enthusiasmus kehrt er zurück und will nun ein „Wunderbuch von Norwegen“ schreiben, das zugleich ein „Brautbuch“ für Aline sein soll, die „Heidin“ mit den „Nornenaugen“.

Mit Braut und Buch wurde es nichts; immerhin aber wurde sein nächstes Theaterstück Cili Cohrs eine Hommage des verheirateten Dichters an die Geliebte, die bei der Uraufführung im Januar 1914 die Titelrolle spielte. In schneller Folge erschienen seine Komödie Die Königin von Honolulu, sofort nach Kriegsausbruch Plattdeutsche Kriegsgedichte und im Dezember 1914 Fahrensleute. Neue Seegeschichten.

Am 18. Dezember meldet sich Gorch Fock als Kriegsfreiwilliger; er wird im März 1915 einberufen, kämpft zunächst in Rußland, Serbien und Frankreich, bevor er endlich auf seinen Wunsch hin zur Marine versetzt wird. Seit dem 18. April dient er auf der SMS „Wiesbaden“, und nach nur sechs Wochen auf See findet der Dichtermatrose am 31. Mai 1916 nach schwerem Beschuß durch die überlegene britische Flotte in der Skagerrak-Schlacht den Tod in den Fluten. Wahrscheinlich gegen Abend ging Gorch Fock mit dem vorderen Mastkorb über Bord; von den 589 Besatzungsmitgliedern überlebte lediglich der Oberheizer Hugo Zenne. Zwei Wochen später wurde sein Leichnam an die schwedische Schäreninsel Trolleskären angespült und sodann auf der Insel Stensholmen bestattet.

(…)

1917 gibt Aline Bußmann „Tagebuchblätter und Gedichte“ unter dem Titel Sterne überm Meer aus seinem Nachlaß heraus; es erscheinen weitere Erzählungen und 1925 sowie 1941 zwei Werkausgaben. Seefahrt ist not! wurde 1921 von Rudolf Biebrach als Stummfilm verfilmt.

Schon bald nach seinem Tod wird Gorch Fock Objekt einer Gedächtnispflege, die ihn zu einem Mythos der deutschen Seefahrt werden läßt: 1917 wird ein Vorpostenboot der Kaiserlichen Marine nach ihm benannt, 1933 ein Segelschulschiff der Reichs- und Kriegsmarine und 1958 das weltberühmte Segelschulschiff der Bundeswehr. Im Dritten Reich versuchte vor allem sein ebenfalls schriftstellerisch tätiger Bruder Jakob Kinau (neben Rudolf und Johann Wilhelm der dritte der schreibenden Brüder), ihn zu einem Vorkämpfer des Nationalsozialismus zu stilisieren – in seiner Neuausgabe von Gorch Focks Hauptwerk strich er allerdings kurzerhand die Stelle: „England ist Rom, und wir sind Karthago.“ Allein dieser prophetische Satz zeigt, daß Gorch Fock mehr war als nur ein unterhaltsamer Heimatdichter. (Dr. Baal Müller)

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