Ohne Rücksicht auf Verluste – Vor 100 Jahren begann der Kampf um Verdun

21. Februar 2016
Ohne Rücksicht auf Verluste – Vor 100 Jahren begann der Kampf um Verdun
Geschichte
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Vor 100 Jahren begann der Kampf um Verdun – eine klassische Schlacht ohne Sieger, aber mit mehr als 300.000 Todesopfern

„Die Front wankt, heute hat der Feind die Höhe, morgen wir. Irgendwo ist hier immer verzweifelter Kampf. Mancher, der sich eben noch der warmen Sonne freute, hörte es schon bald brüllen und heulend herankommen. Dahin sind alle Träume von Frieden und Heimat, der Mensch wird zum Wurm und sucht sich das tiefste Loch: Das ist Verdun.“ Diese Zeilen schrieb der deutsche Soldat Paul Boedicke im Sommer 1916 kurz vor seinem Tod an der wohl berüchtigtsten Front des Ersten Weltkriegs.

Seit dem Spätherbst 1914, als nach offensivem Beginn des Ersten Weltkriegs die Westfront im Stellungskampf erstarrt war, gab es mehrfach Bestrebungen, diese Situation durch Offensiven wieder in Bewegung zu bringen. Doch jeder Versuch scheiterte an den inzwischen verbesserten Abwehrwaffen wie Maschinengewehren und Stacheldraht. Vor Verdun hatten bis Anfang 1916 allerdings nur unbedeutende Kampfhandlungen stattgefunden.

Die Stadt Verdun, bis 1648 als „Verden“ zum deutschen Reich gehörend, wurde nach der Niederlage 1870/71 zum mächtigsten Festungskomplex Frankreichs ausgebaut. Elf Forts, vier auf dem linken und sieben auf dem rechten Ufer der Maas, schützten zusammen mit Dutzenden kleinerer Bastionen das Gelände. Als Ausfallstellung gegen die deutschen Nachschublinien in Nordfrankreich und Belgien sowie als Knotenpunkt wichtiger Eisenbahnlinien hatte dieser Frontabschnitt für die Franzosen erhebliche strategische Bedeutung.

Deshalb erschien dem deutschen Generalstabschefs Erich von Falkenhayn Verdun als geeigneter Ort für seine geplante „Ermattungsstrategie“. Mit ihrer Hilfe wollte er den Gegner durch einen örtlich begrenzten Vorstoß zwingen, immer neue Truppen in den Kampf zu werfen, bis er schließlich „ausgeblutet“ sei. In Falkenhayns Denkschrift vom Dezember 1915 lautete der Kernpunkt: „Hinter dem französischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden sich Frankreichs Kräfte verbluten, da es ein Ausweichen nicht gibt. […] Tut sie es nicht und fällt das Ziel in unsere Hände, dann wird die moralische Wirkung in Frankreich ungeheuer sein.“

Den Angriff sollte die 140.000 Mann zählende 5. Armee ausführen, an deren Spitze nominell der deutsche Kronprinz Wilhelm stand, die aber de facto durch seinen Stabschef General Konstantin Schmidt von Knobelsdorf kommandiert wurde. Das Überraschungsmoment war gesichert, denn „allzu lange hatten es Briten und Franzosen als gegeben hingenommen, daß die Deutschen an der Westfront lediglich defensiv kämpften. Der Schock war deshalb ebensosehr psychologisch wie physisch, als die Deutschen bei Verdun, dem unteren Angelpunkt der Westfront, zu einer ziemlich unerwarteten Großoffensive antraten“, so der britische Militärhistoriker John Keegan.

Am Morgen des 21. Februar 1916, wegen Wetterunbilden neun Tage später als geplant, eröffnete die deutsche Artillerie mit 850 großkalibrigen Geschützen das Feuer auf ein verhältnismäßig schmales Areal am Ostufer der Maas. Das künftige Schlachtfeld war kaum 40 Quadratkilometer groß. Getreu der Vorschrift „Artillerie erobert, Infanterie besetzt“ sollte der Beschuß die Verteidigungsstellungen des Gegners zerstören oder zumindest schwächen, damit die Männer zu Fuß nachrücken konnten, ohne in ein verheerendes Abwehrfeuer zu geraten. Es zeigte sich aber bei Verdun, daß ebendieser intensive Beschuß häufig sein Gegenteil erreichte. Das Gelände wurde dadurch dermaßen verwüstet, daß es für die Angreifer kaum noch passierbar war, vor allem wenn die Bombentrichter sich mit Wasser füllten.

Dennoch verliefen die ersten drei Tage des Angriffs günstig. Die Deutschen konnten ein paar Kilometer Gelände in der Tiefe gewinnen, und am 25. Februar eroberten Männer des brandenburgischen Infanterieregiments Nr. 24 das Panzerfort Douaumont. Der Leutnant Alexander von Frankenberg schilderte das Geschehen: „Fiebernd wurden Gassen in den Draht geschnitten. Mann um Mann arbeitete sich vor, von Trichter zu Trichter, die mit Schneewasser gefüllt und von eigenen und feindlichen Granaten aufgerissen waren. In fanatischer Verteidigung feuerte die schwarze Besatzung aus dem betonierten Waldrand, bis nach brüllendem Hurra zur Wut gesteigerte Kolbenschläge das Maschinengewehr verstummen ließen. Wieder war, bei Anbruch einer eiskalten, langersehnten Nacht, ein Tagesziel erreicht.“

Dieser gewaltige Festungsbau des Douaumont mit seinen zwei 7,5- und 15,5-cm-Turmgeschützen lag schon in gefährlicher Nähe der Stadt Verdun. Dementsprechend tief saß der Schock im französischen Lager, und auf deutscher Seite wurde dieser Erfolg als Auftakt für den bevorstehenden entscheidenden Sieg gewertet. Das Festungsvieleck östlich des Maas-Flusses schien unmittelbar vor dem Fall zu stehen. Deshalb mußte jeder einzelne Tag zum Angriff genutzt werden. Bei diesen Kampfhandlungen wurde übrigens im Dorf Douaumont am 2. März der 25jährige französische Kompaniechef Charles de Gaulle gefangengenommen.

Während der folgenden Tage führte die flexible Verteidigung durch den General Philippe Pétain, der dichtes Abwehr- mit Sperrfeuer koordinierte, zu einer Patt-Situation. Er versuchte, die Moral der Truppe mit Durchhalteparolen zu heben. Kommandeuren, die ohne Erlaubnis den Rückzug antreten, wurde standrechtliche Erschießung angedroht. Wochenlang entbrannte der Feuerkampf um eine Doppelkuppe bei dem Städtchen Esnes, die in grausiger Ironie „Mort Homme“ (Toter Mann) heißt. Sie versperrte den Weg zum strategisch wichtigen Fort Marre. Nach mehreren Wochen schilderte ein Augenzeuge die Anhöhe Anfang Mai 1916 als „eine zerpflügte, unwirkliche Welt von Erdkratern, Schutthaufen, palmenartig zerfaserten Baumstümpfen und zu Sümpfen zerschossenen Bachbetten“.

Das regnerische Wetter verschlammte die Wege und verhinderte einen notwendigen Positionswechsel der deutschen schweren Geschütze. So begann ein monatelanger zermürbender Kampf, ohne daß eine der Parteien endgültig die Kontrolle über das Gebiet erringen konnte. Auf beiden Seiten nannte man die Front vor Verdun „Blutmühle“ oder schlicht „Hölle“. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Verdun-Kämpfers betrug in den feuchten, häufig mit Krankheitskeimen und Fäkalien verseuchten Schützengräben nur 14 Tage.

Nach zehn Wochen andauernder Defensive des Generals Pétain werteten Frankreichs führende Politiker dies als Zeichen der Schwäche und witterten Gefahr für die Kampfmoral der Soldaten. Statt dessen sollte eine Angriffsstrategie den großen Durchbruch bringen. An Pétains Stelle trat im Mai 1916 General Robert Nivelle, der sich bald den Namen „Blutsäufer“ erwarb. Unter der Parole „Offensive à outrance“ (Angriff bis zum Äußersten) hetzte er Zehntausende Soldaten in sinnlose Frontalattacken gegen die deutschen MG-Stellungen. Die Rückeroberung des Forts Douaumont scheiterte unter horrenden Verlusten. „Eine bemerkenswerte, aber beschämende Tatsache ist es, daß viele höhere Offiziere im Ersten Weltkrieg nicht wußten, unter welchen Umständen ihre Soldaten kämpften. Normalerweise wurde befohlen, ‚ohne Rücksicht auf Verluste‘ anzugreifen, oft viele Tage lang“, konstatiert der britische Feldmarschall Bernard Montgomery in seiner Weltgeschichte der Schlachten und Kriegszüge. Er schreibt weiter: „Man darf sagen, die Soldaten im Schützengraben seien einer besseren Führung wert gewesen. Sie leisteten im allgemeinen mehr als ihre Generale.“

Am 7. Juni 1916 konnten deutsche Stoßtrupps unter Einsatz von Flammenwerfern das Fort Vaux besetzen. Dies blieb aber der letzte bemerkenswerte Erfolg. Künftig wogte das Geschehen hin und her. Allein das Dorf Fleury und das benachbarte Zwischenfort Thiaumont wechselten zwischen Juli und Oktober viermal den Besitzer. Mittlerweile waren auf beiden Seiten jeweils 1,2 Millionen Männer an der Massenschlacht beteiligt. General Falkenhayn mußte Ende August sein Kommando abgeben, und Erich Ludendorff übernahm den Oberbefehl an der Verdun-Front. Allerdings war auch er davon überzeugt, die Festung sei „als Angriffspunkt richtig gewählt“.

Anfang Oktober gelang es den Franzosen, das gesamte bisher verlorene Terrain zurückzugewinnen. Die Festung Douaumont fiel am 24. Oktober in ihre Hände, das Fort Vaux am 3. November. Mitte Dezember kann man die deutsche Offensive als endgültig gescheitert betrachten. Die blutige Bilanz: 378.000 Franzosen tot, verwundet oder gefangen, auf deutscher Seite waren es 330.000 Mann, davon 150.000 Gefallene.

Das zehn Monate dauernde Ringen erwies sich als klassische Schlacht ohne Sieger. In Frankreich wurde die Verteidigung Verduns während der Nachkriegsjahre immer mehr zur Heldentat verklärt, die den Fortbestand der französischen Nation garantiert habe. Ähnliches geschah im Deutschen Reich. Im Bericht aus dem Großen Hauptquartier vom 26. und 27. Oktober 1916 hieß es: „Was die deutschen Truppen dabei an frischem Draufgängertum, an zähem Festhalten des Errungenen, an freudigem Ertragen unerhörter Strapazen und Schrecknisse aller Art und an nie versagender Angriffsfreudigkeit geboten haben, steht auf der höchsten Stufe des Heldentums.“ Die Erfahrungen eines modernen, vollständig industrialisierten Krieges fanden deutscherseits ihren Niederschlag bei sechs künftigen Generalfeldmarschällen des Zweiten Weltkrieges, die vor Verdun im Kampf standen.

Viele Teilnehmer der Schlacht blieben indes traumatisiert für ihr gesamtes Leben. Der Major a.D. Walter Bloem, bei Verdun Chef des 1. Bataillons im Grenadierregiment 12, schrieb in seinen Memoiren 1922: „Wer von Verdun zurückkam, der war im Tiefsten seines Wesens verändert. […] Im zähneknirschenden Kampfe Mann gegen Mann, im Wirbel der Geschosse, in der scheußlichen Wüste der Granattrichter, im fahlen Strudel der Gaswolken hatte sich sein Wesen verändert, hatte er den Glauben an einen Sinn des Erdendaseins verloren. Von Stund an war ihm der Kampf nicht mehr stolz getragene, ruhmvolle Pflicht – sondern eine unwürdige, wahnwitzige Marter.“ (Jan von Flocken)

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