Der Aufdecker

25. April 2014

2014Mai2Der US-amerikanische Filmemacher Michael Moore polarisiert nicht nur in Washington

Im filmischen Experiment Supersize Me ernährt sich ein junger Mann wochenlang nur von Hamburgern und Pommes Frites. Das bekommt ihm nicht gut, und er nimmt elf Kilo zu. Diesen Film hätte Michael Moore drehen können, der stark beleibte Journalist aus dem US-Bundesstaat Michigan, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die zahlreichen Mißstände im reichsten Land der Welt aufzudecken. Moore kam aus Verzweiflung zum Film: Denn seine Heimatstadt Flint starb. Die einstmals mächtige Automobilindustrie im nahen Detroit ging durch eine Krise nach der anderen, in deren Folge die Zulieferbetriebe Konkurs erklären mußten. Flint ging zugrunde und Moore der Ursache auf den Grund. Naiv, aber beharrlich setzte er sich auf die Fährte von Roger Smith, des damaligen Chefs von General Motors, dem einstmals größten Automobilhersteller der Welt. Warum denn die Menschen in Flint keine Arbeit hätten, fragte Moore erst sich, dann die Lokalpolitiker, die Finanzexperten schließlich die Mächtigen in Washington. Nirgends bekam er eine schlüssige Antwort, eckte an, machte sich unbeliebt. So gerät Roger and me zur fast klassischen Reise eines Narren, der die Welt nicht versteht und einfach einfache Antworten sucht. Den Höhepunkt des Films bildet das ersehnte Aufeinandertreffen des scheinbaren Einfaltspinsels aus der Provinz mit dem glattgebügelten Spitzenmanager. Natürlich erhält Moore auch in diesem letzten Versuch eines Interviews keine zufriedenstellende Antwort, aber er kann trotzdem zu Recht einen Triumph feiern. Dank seiner Beharrlichkeit haben er und seine Zuschauer mit ihm eine Menge gelernt. Über die Ungerechtigkeit des Kapitalismus beispielsweise.

Dieses Muster funktionierte und ließ sich übertragen. Roger and me machte Moore 1989 schlagartig berühmt. So sehr, daß er bald weitere Projekte finanzieren konnte. So fragte sich der dicke Dokumentarfilmer bei laufender Kamera durch die Bush-Administration, die Waffen-Lobby, die Gesundheitsindustrie und die Verschwörungstheorien rund um den 11. September 2001. Bei allem Charme waren Moores Filme – und die ebenso erfolgreichen Bücher – von Anfang an anfällig für Kritik. Denn bei aller gewollten Authentizität, bei aller Direktheit blieb es doch ein Film, den Moore da seinem Publikum präsentierte. Und Filme werden geschnitten, sind offen für jegliche Manipulation und können alles beweisen und jeden diffamieren. Es dauerte nicht lange, bis Moore selber im Kreuzfeuer stand. Er wolle sich nur selbst feiern, unterstellten ihm die Kritiker, er wolle Amerika bloß in den Dreck ziehen, geiferten die bibelfesten US-Patrioten, er lüge und trickse, was das Zeug hält, sagten die lügenden und tricksenden Polit-Profis aus Washington.

All das ist wahr. Moores Filme spiegeln nicht die Wirklichkeit wider, sondern nur einen wohlkomponierten Ausschnitt daraus. Ein Zerrbild, meinen manche. Aber es bietet wenigstens einen anderen Blickwinkel auf ein mächtiges Land, dessen Alltag viel grauer ist, als es andere glauben macht, und dessen Krisen viel tiefer gehen, als es die Amerikaner wahrhaben wollen.

 

Jens Hoffmann

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