Der „gute“ Kapitalist

25. Oktober 2013

Foto: Hubert Burda Media/S. Brauer; fabeau.de (Montage: ZUERST!)

Nicolas Berggruen und der Karstadt-Konzern: „Filetstücke“ abtrennen, Sparkurs vorantreiben und gewinnbringend verkaufen

Der Warenhauskonzern Karstadt kommt nicht aus den Schlagzeilen. Wie Mitte September bekannt wurde, sollen die sogenannten Premium-Häuser – das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg und das Oberpollinger in München – sowie die deutschlandweit 28 Sport-Warenhäuser verkauft werden. Allerdings müssen die Kartellbehörden der Transaktion noch zustimmen. Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen hat angekündigt, daß die österreichische Signa-Gruppe des Immobilien-Investors René Benko 75,1 Prozent der Anteile übernehmen soll, der Rest verbleibt bei Berggruen, ebenso wie die 83 anderen Karstadt-Standorte.

Bislang hatte US-Milliardär Berggruen (Forbes-Schätzung: 2,3 Milliarden US-Dollar Vermögen) stets dementiert, daß er eine Aufteilung des Konzerns beabsichtigt. Doch Premium- und Sport-Häuser waren bereits 2011 organisatorisch von den übrigen Warenhäusern getrennt worden, was Experten als Indiz für eine geplante Zerschlagung des Konzerns gewertet hatten. Ein Blick zurück: Mit der Pleite des damaligen Karstadt-Eigners Arcandor stand die Warenhauskette 2010 vor dem Aus. Wie aus dem Nichts tauchte Investor Berggruen auf und übernahm für einen symbolischen Euro den Konzern. Die rund 25.000 vom Arbeitsplatz-Verlust bedrohten Mitarbeiter konnten zunächst aufatmen.

Berggruen, Sohn des jüdischen Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen, ließ sich als Karstadt-Retter und „Mister Karstadt“ feiern. Er setzte den Briten Andrew Jennings als Vorstandschef ein und versprach, das Unternehmen zu sanieren und zu modernisieren. Doch die Rettung produzierte damals schon Verlierer: Gläubiger mußten ihre Forderungen abschreiben, Kommunen auf Gewerbesteuern verzichten und die Mitarbeiter Gehaltseinbußen in einer Größenordnung von 50 Millionen Euro jährlich hinnehmen. Doch was die Versprechungen des „Investors“ wert waren, sollte sich schon bald zeigen. Tatsächlich investierte er kein eigenes Geld in den Konzern, alle Ausgaben wurden aus den laufenden Geschäftserlösen bestritten. Nach den letzten vorgelegten Bilanzen arbeitet das Unternehmen verlustreich.

Die Fassade des „guten Kapitalisten“ begann in Deutschland weiter zu blättern, als im März 2012 eine ZDF-Dokumentation hinter die Kulissen von Berggruens weltweiten Geschäften blickte und dabei wenig Schmeichelhaftes zutage förderte (siehe ZUERST! 7/2012). Mit dem jetzt angekündigten Verkauf soll das angekratzte Image offenbar wieder aufpoliert werden. In einem Brief an die Mitarbeiter, aus dem der Spiegel zitiert, schreibt der Karstadt-Eigner: „Es fließt kein Kaufpreis an meine Holding oder gar mich persönlich.“ Stattdessen sollen 300 Millionen Euro in die Häuser investiert werden. „Das ist mein Beitrag zur Gesundung von Karstadt“, behauptet Berggruen, und selbstverständlich müsse sich kein Mitarbeiter Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen.

Ähnliches wurde früher auch behauptet, bis Karstadt dann im Juli 2012 die Streichung von 2.000 Stellen ankündigte. Der nächste Paukenschlag folgte im Mai dieses Jahres: Der Konzern stieg vorläufig aus der Tarifbindung aus, um künftige tarifvertraglich festgelegte Gehaltserhöhungen nicht zahlen zu müssen. Kommt jetzt mit kräftigen Investitionen der große Befreiungsschlag? Die Gewerkschaften sind skeptisch: Sie wollen von Karstadt nicht nur den schnellstmöglichen Wiedereinstieg in die Tarifbindung erwirken, sondern fordern auch Klarheit über den künftigen Kurs. Doch: „Man kann nicht verhandeln, wenn man Ziele und Details nicht kennt“, zitiert das Handelsblatt den Ver.di-Verhandlungsführer Rüdiger Wolff.

Eines dieser Details ist nach einem Spiegel-Bericht, daß von den 300 Millionen Euro die Hälfte in die Standorte des neuen Mehrheitseigners Signa investiert werden soll: 100 Millionen in die Premium-Häuser und 50 Millionen in die Sport-Häuser. Signa hat in den vergan-genen zwei Jahren bereits die Immobilien, also die Gebäude von 20 Karstadt-Warenhäusern gekauft, die Firma ist ein klassischer „Immobilieninvestor – und solche taugen nach früherer Aus-sage Berggruens eben gerade nicht als Eigentümer von Warenhauskonzernen“, wundert sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Auf einmal nun doch? Wenig vertrauenerweckend dürfte auch sein, daß der erst 36jährige Signa-Eigner René Benko im November 2012 in Wien in einem Korruptionsverfahren zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt wurde.

Für die anderen Karstadt-Häuser bleiben also nur 150 Millionen Euro, und davon wiederum sollen lediglich zehn Prozent (!) in den kommenden fünf Jahren (!) investiert werden. Rein rechnerisch bleibt damit für jedes Karstadt-Haus ein Investitionsvolumen von 36.145 Euro pro Jahr. Das grenzt an Lächerlichkeit. Und wofür sind die rest-lichen 135 Millionen gedacht? Berggruen und Signa hüllen sich in Schweigen. Es ist deshalb kein Wunder, daß derzeit erneut Gerüchte über eine Fusion von Karstadt mit den zum Metro-Konzern gehörenden, sehr profitablen Kaufhof-Warenhäusern kursieren. Als die Metro 2011 die Kaufhof-Kette abstoßen wollte, konkurrierten übrigens Berggruen und Benko um den Zuschlag, doch dann stoppte das Metro-Management den Verkauf.

Damals war der Süddeutschen Zeitung ein internes Dokument der Berggruen Holdings in die Hände gefallen, in dem das Vorhaben beschrieben wurde, Kaufhof und Karstadt zu fusionieren, Standorte zu schließen, 6.000 Angestellte zu entlassen und den Warenhauskonzern dann 2016 an die Börse zu bringen. Ein Sprecher wiegelte damals ab, es handele sich nur um ein Diskussionspapier, das nicht Grundlage konkreter Planungen sei. Das Mißtrauen bleibt. Wenn Berggruen jetzt in seinem Brief an die Mitarbeiter schreibt: „Ich glaube an das Unternehmen und seine Mitarbeiter, die nun zusätzlichen Spielraum und Sicherheit bekommen“, dann sollte das angesichts solcher internen Überlegungen mit Vorsicht genossen werden.

Wahrscheinlicher ist jedoch die Variante, daß Berggruen nicht kauft, sondern verkauft. In diesem Fall könnte er ohne nennenswerten eigenen Einsatz den Verkaufserlös für Karstadt einstreichen, zusätzlich bleibt ihm sein 24,9-Prozent-Anteil an den voraussichtlich gewinnträchtigen Premium- und Sport-Häusern. Die Verlierer wären – wie bei Fusionen üblich – die Mitarbeiter. Für die FAZ ist genau dieses Szenario realistisch: „Am Ende wird aller Voraussicht nach der Untergang der Marke Karstadt und die Übernahme des operativen Geschäfts durch Kaufhof stehen. In der Folge dürften von den 83 weniger glamourösen Karstadt-Warenhäusern vielleicht ein Dutzend über-leben, der Rest der normalen Kaufhäuser wird wohl keine Zukunft haben.“

Das manager magazin will aus Branchenkreisen erfahren haben, daß ein Deal schon nächstes Jahr „sehr wahrscheinlich“ ist. Bezeichnend ist ebenfalls, daß Karstadt-Chef Jennings zum Jahresende das Handtuch geworfen hat, ein Nachfolger war bis zum Redaktionsschluß dieser Ausgabe noch nicht gefunden. In der erwähnten ZDF-Dokumentation kam Prof. Jörg Funder von der Fachhochschule Worms zu Wort. Befragt, wie er die organisatorische Herauslösung der Premium- und Sport-Warenhäuser einschätzt, sah er darin das typische Verhalten einer Kapitalbeteiligungsgesellschaft: die „Filetstücke“ abtrennen, den Sparkurs vorantreiben und das Unternehmen fit genug machen, daß es einen Käufer findet. Letztlich wird wohl alles Gerede von „langfristigem Interesse“ und Nachhaltigkeit Makulatur bleiben.

Robert Diehl

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