Verdrängung: Wie einheimische Obdachlose beim Zeitungsverkauf von Zigeunern vertrieben werden

28. Januar 2013

Berlin/Düsseldorf: Tatort: ein Lidl-Markt im wohlhabenden Berliner Stadtteil Zehlendorf. Noch vor einem Dreivierteljahr stand hier ein Obdachloser, den die Passanten und Kunden des Marktes nur unter dem Namen „Kutte“ kannten.

„Kutte“ verkaufte die Motz, eine Obdachlosenzeitung, zum Preis von zwei Euro. Ein Euro war für „Kutte“, der Rest deckte den organisatorischen Aufwand der Zeitung. Der 55jährige Verkäufer war erst arbeitslos geworden, dann hatte er einen Job als „Niedriglöhner“, wurde wieder arbeitslos, die Ehe ging kaputt, er fing an, dem Alkohol zuzusprechen und konnte dann die Miete nicht mehr bezahlen. Forderungen der Stadtwerke, GEZ und anderer staatlicher Institutionen gaben ihm den Rest. Die Schulden wuchsen, und er flog aus seiner Wohnung. Dennoch amüsierte er sich köstlich darüber, daß er keine Privatinsolvenz beantragt hatte und „Herr Ackermann von der Deutschen Bank“ immer noch glaubt, er würde ihm irgendwann doch noch seine Schulden zahlen. „Kutte“ war beliebt, viele wollten die Motz gar nicht lesen, gaben ihm das Geld so. Er paßte dafür auch schon mal auf das Fahrrad, den Hund oder den Kinderwagen auf.

„Kutte“ ist verschwunden. Niemand hat wieder etwas von ihm gehört. Auf wundersame Weise scheinen Zigeuner das Problem der Obdachlosigkeit in Berlin gelöst zu haben.

Stattdessen steht dort nun in Zehlendorf eine „südländisch“ aussehende Frau. Sie grüßt jeden Passanten unterwürfig und radebrecht „guten Morgen“. Sie steht auf dem Grundstück des Lidl-Marktes. Eine Mitfünfzigerin entsteigt einem Geländewagen der Marke Porsche und eilt demonstrativ zur Zigeunerin hin. Um ihr gutes Herz zu zeigen, wird eine Motz gekauft. Die Luft ist geschwängert vom teuren Parfum. In der Sekunde kommt die Geschäftsführerin des Lidl-Markes herausgeeilt und versucht die Zigeunerin zu vertreiben. Die Lidl-Frau droht mit Polizei und Ordnungsamt. Die Porschefahrerin geht dazwischen und beschimpft die Lidl-Geschäftsführerin als Ausländerfeindin. Die Zigeunerin heult. Andere Passanten ergreifen wiederum Partei für die Geschäftsführerin. Eine heftige Debatte entbrennt. Ein Passant weiß zu berichten, daß zweimal am Tag der „Pate“ die Zigeunerin abkassiert. Ein anderer dringt aufgeregt auf die Zigeunerin ein und will wissen, was sie mit „Kutte“ gemacht habe.

Szenenwechsel Düsseldorf: Das dortige Straßenmagazin heißt fifty-fifty. Gleiches Konzept wie bei Motz – gleiches Anliegen. Mihhaila Ana ist mit ihrem Mann und dem 12-jährigen Kind von Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. „Leider“ kann sie nicht arbeiten. Sie bekommt keine Arbeitserlaubnis. Grund ist die Übergangsregelung, die die EU für die neuen Mitgliedsstaaten vorschreibt. Aber die Freizügigkeit des Schengen-Abkommens mit seiner „Reisefreiheit“ hat es ihr ermöglicht, erst einmal nach Deutschland zu kommen. Vom Staat gebe es keine Unterstützung, heißt es klagend. Nicht einmal krankenversichert sei sie. Die Frau ist schwanger und überlege jetzt schon, wer wohl für die Kosten der Entbindung ihres zweiten Kindes aufkommen werde. Auch ihr Mann verkauft fifty-fifty. Bis zu 50 Euro am Tag kassieren sie dafür. Etwa 400 fifty-fifty-Verkäufer gibt es in Düsseldorf, 150 von ihnen kommen aus Rumänien. Fifty-fifty-Mitbegründer Hubert Ostendorf glaubt, Zigeuner würden hierzulande diskriminiert. Er will helfen.

In Wien, so berichtete die lokale Presse, belästigten Zigeuner in Lokalen die Gäste und wollen Rosen verkaufen, so daß einige Restaurants inzwischen generell dazu übergegangen seien, Blumenverkäufer gar nicht mehr einzulassen. Selbst aus einer schwedischen Kleinstadt wurde unlängst berichtet, aggressiv bettelnde Zigeuner mit oder ohne Blumen und Zeitungen würden dort die Bevölkerung behelligen.

Der Beitritt Bulgariens und Rumäniens erst zur EU und dann zum Schengen-Raum hat diese von vielen Bürgern als Plage angesehene Entwicklung zur Folge gehabt. Zunächst hatte es fast so ausgesehen, als könnte die „Reisefreiheit“ für Rumänen und Bulgaren doch nicht realisiert werden. Eine Erweiterung des Schengen-Raumes ist nämlich nur dann möglich, wenn alle 22 bis dahin beteiligten Länder der Erweiterung zustimmen. Nicht die Bundesrepublik Deutschland, Italien oder Frankreich als die „Hauptleidtragenden“ der neuen Reisefreiheit muckten dagegen auf, sondern Finnland und die Niederlande. Es kostete José Manuel Durão Barroso und seine Kommissare einige Mühe und „gute“ Gespräche, die beiden Verhinderer 2011 wieder ins Boot zu holen. Seither rollt die Reisewelle ungebremst. Im Berliner Problembezirk Neukölln weiß der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) nicht mehr ein noch aus wegen der vielen integrationswilligen Zigeunerkinder, die nun ab dem nächsten Schuljahr die Klassen seiner Schulen besuchen sollen.

Vor dem Zehlendorfer Lidl-Markt ist derweil ein Polizeiwagen an der Ampel vorgefahren. Die Porschefahrerin verdrückt sich „couragiert“, die Zigeunerin ergreift die Flucht. Die Geschäftsführerin atmet erleichtert auf. Sie habe schon oft nach der Polizei gerufen, aber sei immer vertröstet worden. Einmal habe man vor einem anderen Lidl-Markt im gleichen Bezirk gar eine Radarfalle für Autofahrer aufgebaut, und die Polizeibeamten seien sogar während der Dienstzeit in ihrem Markt einkaufen gewesen, aber sie hätten sich geweigert, den „Kollegen“ der hiesigen Zigeunerin des Platzes zu verweisen.

Auch diesmal kommt es anders. Es war nur das Ampelrot, das den Streifenwagen zum Halten veranlaßt hatte. Als das Licht auf grün umspringt, sind die motorisierten Polizeibeamten weg. Während die Porschefahrerin verschwunden bleibt, taucht die Zeitungsverkäuferin wieder auf. Tränenüberströmt steht sie wieder vor dem Eingang des Lidl-Marktes. Die Proteste der Geschäftsführerin kümmern sie wenig.

Andere Supermärkte in Berlin sind da weitaus konsequenter. Am 11. Januar 2012 machte ein Kaisers-Markt in Berlin-Lichtenberg in den Medien darauf aufmerksam, daß er generell ein Hausverbot für Verkäufer von Obdachlosenzeitungen erließe. Das Bettelverbot ist möglich, da es sich bei dem Grundstück um Privatbesitz handelt und somit vom Hausrecht Gebrauch gemacht werden kann.

Die Behörden sind machtlos – scheint es. Oder es fehlt nur der politische Wille. Eigentlich ein Job für den Innensenator Frank Henkel von der CDU. Aber der ist „abgetaucht“. Nein, nicht ganz. Als vor einigen Wochen eine türkische Reisegesellschaft sich in der Regionalbahn von einem Zugbegleiter „rassistisch“ belästigt fühlte, war er sofort zur Stelle: Rassismus  sei „ein schleichendes Gift, das wir schon im Ansatz bekämpfen müssen“. Während unlängst der inzwischen abgewählte französische Präsident Nicolas Sarkozy die ungebetenen Zigeuner aus seinem Land verwies, ist in Deutschland an dergleichen nicht zu denken.

Dieser Artikel erschien in ZUERST! Ausgabe 8-9/2012

diesen Beitrag drucken diesen Beitrag drucken

5 Comments

  1. Pingback: Rechte Propaganda – das Spiel mit Hilfsbedürftigen | Ab in die Koje e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com