Ausgestorbene Spezies: Vor über 10 Jahren verschied „Spiegel“-Verleger Rudolf Augstein

13. Januar 2013

Hamburg. Er bediente das „Sturmgeschütz der Demokratie“, galt als Vertrauter des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers und legte sich mit Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl an. Und doch will Rudolf Augstein nicht so recht in das Bild eines Salonlinken passen, die heute in Redaktionsstuben, Ämtern und Parlamenten sitzen.

Der Vollblutjournalist eckte in der Linken genauso an wie bei seiner Partei, der FDP, wo er als Nationalliberaler in den linksbewegten 1970ern zum Exoten wurde. Wenige Freunde, fünf Ehen, vier Kinder und das zeitlebens anhaltende Gefühl, ein Solitär zu sein: Augstein war ein schwieriger Mensch, ein begnadeter Journalist und ein durch und durch politisches Wesen. Mit zunehmendem Alter wandte er sich konservativen, ja nationalen Positionen zu, war zusammen mit Willy Brandt einer der ersten aus dem linken Lager, die die kleine Wiedervereinigung befürworteten. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bei seinen Redakteuren und sicher vielen Lesern bereits unbeliebt gemacht, später hat er sich gegen das monströse „Holocaust-Mahnmal“ in Berlin gewandt. Im November 1998 schrieb Augstein: „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“

In derselben Kolumne bezeichnete er Martin Walsers Friedenspreis-Rede gegen die „Auschwitz-Keule“ als richtig und ergänzte: „Es bestätigt sich, was wir erst jüngst von einigen New Yorker Anwälten erlebten…: Auschwitz wird instrumentalisiert.“ Was Augstein anprangerte, war die hemmungslose Erpressung großer deutscher Industrieunternehmen durch US-amerikanische Juristen, die im Namen ehemaliger Zwangsarbeiter mit Klagen und Boykotten drohten. Rasch beeilte sich die neu gewählte Regierung Schröder/Fischer, die von der Industrie bereits eingezogene Höchstgrenze von acht Milliarden DM noch weiter anzuheben. Am Ende betrug das „Schutzgeld“ zehn Milliarden DM – eine Summe, die das „American Jewish Committee“ schon Wochen vor der Einigung gefordert hatte.

Augsteins scharfe Bemerkungen brachten ihm Kritik von den antideutschen Kräften ein, die sich schon 1996 die Augen rieben, als der US-Historiker Daniel Goldhagen mit seinem Machwerk Hitlers willige Vollstrecker das ganze deutsche Volk zu Tätern abstempelte. Augstein feuerte aus allen Rohren zurück – nicht als einziger aus dem linksliberalen Lager, aber sicher als der prominenteste Meinungsmacher. Augstein war seit 1942 Wehrmachtangehöriger gewesen und gegen Ende als Leutnant bei der Artilleriebeobachtung. Auf Deutschland ließ er nichts kommen. Und als Zeitzeuge konnte er Goldhagens durch nichts fundierte Schmähung nicht stehen lassen. Die Moralkeule ließ nicht lange auf sich warten: Der langjährige Spiegel-Autor Henryk Broder behauptete 2006 in seinem Buch Der Ewige Anti-Semit, daß Augstein Opfer und Täter auf eine Ebene stelle – eine unverzeihliche Sünde. Laut Broder habe Augstein gesagt: „Was hätte ein Nicht-Nazi denn tun können? Er hätte als ein Held und Heiliger das tun können, was die Opfer selbst auch nicht getan haben (…) Er hätte sich für seinen biblisch Nächsten opfern können, mit seinem Leben. Das haben die Deutschen, das haben die Juden nicht getan. Kein moralischer Unterschied also zwischen der schweigenden Mehrheit der Deutschen und der schweigenden Mehrheit der Juden.“

Solche doch recht nüchternen Wahrheiten, die von der Mehrheit der Erlebnisgeneration geteilt und weitergegeben wurden, geraten angesichts des Dauerfeuers aus Medien, Politik und Lobbygruppen immer mehr in Vergessenheit. Der unschuldige Deutsche? Das darf nicht sein. Wer sollte sonst für Europa bluten? Rudolf Augstein hätte angesichts des Euro-Debakels samt „Haifisch“-Beteiligung schon längst seine Feder gewetzt, wenn er nicht vor zehn Jahren, am 7. November 2002 in Hamburg gestorben wäre.

Dieser Artikel erschien in ZUERST! Ausgabe 11/2012

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