Action, Abenteuer und Auslandseinsatz: Die Bundeswehrreform sorgt für Unsicherheit in der Truppe

13. Januar 2013

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Foto: Wikimedia/isafmedia, CC BY 2.0)

Berlin. Zweieinhalb Jahre nach dem Anleiern der umfassendsten Reform der Bundeswehr alle Zeiten durch den damals bestgeölten aller Verteidigungsminister, die von dessen Nachfolger Thomas de Maizière vehement fortgeführt wird, macht sich innerhalb der Truppe wachsender Unmut breit.

Im Rahmen einer Studie, die der Bundeswehrverband durch die Universität Chemnitz durchführen ließ, wurden 1.800 Bundeswehrangehörige befragt. Die große Mehrheit verlangte rasche Nachbesserungen an dem Reformkonzept, und 88 Prozent sind der Meinung, daß die Reform nicht von Dauer sein werde. In den Fragebögen, die von der Universität an Spieße, Kompaniechefs und Kommandeure versandt wurden, manifestierten diese ihre Enttäuschung über die Reform.

Ulrich Kirsch, Bundesvorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes, sagte in einem Gespräch mit der ARD, daß die Enttäuschung riesig sei. Es müsse jetzt „dringend mit den Soldaten gesprochen werden, um zu ergründen, warum sie zu einem so harten Urteil kommen“.

Die Bundeswehr reagiert unterdessen gelassen. Ein Sprecher sagte, bei der Bundeswehrreform handle es sich um eine „allumfassende Strukturreform“, bei der „kein Stein auf dem anderen“ bleibe. Daher sei ein Gefühl der Verunsicherung verständlich, man habe sogar damit gerechnet. Auch Minister de Maizière hält die Zahlen nicht für erfreulich, doch habe man sie erwartet, weil, so de Maizière, die massiven Streichungen von vielen Standorten, nötige Umzüge und das Eindampfen von Führungsposten und Privilegien innerhalb der Truppe nicht ohne Ärger durchzuziehen seien.

Dennoch sollten ihn die Antworten aus der Umfrage nachdenklich stimmen, denn immerhin fast zwei Drittel der Soldaten gaben an, sie würden ihren Kindern oder Freunden keinesfalls empfehlen, ebenfalls einen Job bei der Bundeswehr anzunehmen.

Seit dem Wegfall der Wehrpflicht hat die Bundeswehr mit erheblichen Nachwuchssorgen zu kämpfen. So versucht die Bundeswehr Jugendliche neuerdings in den Ferien mit „Abenteuercamps“ für eine Militär-Karriere zu begeistern. Sie schickt den Nachwuchs auf Bergtouren, zu Wasserschlachten und in den Flugsimulator. Auf der Jugend-Website der Bundeswehr werden Bergsteigen in Berchtesgaden, ein Beach-Camp auf Sardinien und Pilotentests in Bückeburg, alles „for free“, angeboten.

Auch die Jugendzeitschrift „Bravo“ zeigte auf einer Internetseite ein buntes Werbevideo. Mit Popmusik und Urlaubsbildern sollen Jugendliche bei ihrer Abenteuerlust gepackt werden. Davon, daß die jungen Menschen bei einem Auslandseinsatz möglicherweise töten müssen, daß sie am Hindukusch selbst sterben könnten, war im Gute-Laune-Video keine Rede. Die Camp-Teilnehmer sind „sehr motiviert“. „Ich weiß schon, daß man dann auch sein Land verteidigen muß“, sagt einer von ihnen. „Eben ein bißchen Action“, sagt ein anderer junger Mann. „Kohle, Rente, Sicherheit, verstehste?“ erklärt einer die Vorteile.

Doch weil die Jugendwerbung mit Abenteuercamps in den Ferien nicht genug Nachwuchs bringt, will die Bundeswehr neue Wege gehen. So werden die 52 Kreiswehrersatzämter derzeit aufgelöst und durch „Karrierecenter“ ersetzt. Dafür sind 110 „Karriereberatungsbüros“ und bis zu 200 „mobile Büros“ geplant, und zwar in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit (BA). Diese soll dann auch über offene Stellen bei der Truppe informieren. Dazu erhalten die Arbeitsvermittler der BA spezielle Schulungen über den „Arbeitgeber Bundeswehr“.

Den Streitkräften geht es darum, so im „direkten Wettbewerb zur Wirtschaft“ den „Kampf um die klügsten Köpfe und geschicktesten Hände zu gewinnen“. In den Karrierecentern will das Militär als „einheitlicher Arbeitgeber“ auftreten und den Bewerbern „alle wichtigen Informationen“ über sich „flächendeckend“ anbieten.

Auch sollen dort die Kandidaten für militärische wie für zivile Laufbahnen „unter einem Dach“ einer Eignungsprüfung unterzogen werden. Nachdem die Bewerber einen „biographischen Fragebogen“ ausgefüllt haben, müssen sie sich zunächst einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, die nicht nur Aufschluß über ihre „allgemeine Fitneß“ geben soll, sondern auch über einen etwaigen Drogenkonsum. Solcher wird ebensowenig akzeptiert wie Vorstrafen oder ein „auffälliger Kleidungsstil“.

Dann folgen verschiedene psychologische Tests, bei denen sowohl Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit als auch technische, mathematische und sprachliche Kompetenz ermittelt werden. Zuguterletzt sollten die Bewerber auch die deutsche Sprache einigermaßen beherrschen.

Um die Nachwuchsrekrutierung für die deutschen Streitkräfte künftig zentral steuern zu können, hat das Bundesverteidigungsministerium erst unlängst in der Kölner Lüttich-Kaserne ein „Bundesamt für Personalmanagement“ eingerichtet. Die hier stationierten 3.000 Mitarbeiter sollen einer Selbstdarstellung zufolge „erstmals in der Geschichte der Bundeswehr Personalgewinnung, Personalentwicklung und Personalausgliederung gemeinsam für militärische und zivile Bedienstete aus einer Hand“ betreiben und sowohl die neuen „Karrierecenter“ wie auch die „Karriereberatungsbüros“ führen.

Laut Verteidigungsminister können sich die Streitkräfte so auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt für Fachkräfte damit „besser als zuvor“ positionieren. Bekanntlich, wir hören es ja andauernd von den maßgeblichen Politikern, herrscht im Lande erheblicher Fachkräftemangel, der nur durch massiven Zuzug aus fernen Ländern und Kontinenten behoben werden kann. So ist es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis beispielsweise in afrikanischen Ländern die ersten exterritorialen „Karrierecenter“ der Bundeswehr entstehen. Afghanistan wäre auch praktisch, dort ist man ohnehin schon vor Ort.

Dieser Artikel erschien zuerst in „Der Schlesier“.

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